AUSSICHTEN Nach der Pisa-Studie:

Nicht auch noch die
Erwachsenenbildung
zerrütten!

Ein Kommentar
von Werner Stang

Unser Staat muß sparen - keine Frage. 16 Jahre lang hat die Kohl-Regierung dies am falschen Ende getan, u.a. in der Bildung. Das Ergebnis wurde unserer Gesellschaft nun schwarz auf weiß in Form der Pisa-Studie um die Ohren geschlagen. Deutsche Schüler sind in wesentlichen Fächern allenfalls untere Mittelklasse. Aus dem niederschmetternden Ergebnis - das Nachrichtenmagazin Der Spiegel fragte auf seiner Titelseite "Sind deutsche Schüler doof?" - sollte die amtierende Bundesregierung lernen und schleunigst einen weiteren Bildungseinsparplan in den Papierkorb werfen.

2002 nämlich sollen die staatlichen Fördergelder für Erwachsenenbildung um die Hälfte gekürzt werden. Wesentliche Aus- und Weiterbildungs- sowie Umschulungsmaßnahmen werden dann nicht mehr möglich sein.

In diesem Zusammenhang muß nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß beruflich unqualifizierte Personen in der Masse der Arbeitslosen circa zehnmal so stark vertreten sind, wie aus- und weitergebildete bzw. dem Bedarf entsprechend umgeschulte Menschen.

Ein Beispiel unter vielen: In der Niederlassung der Deutschen Angestellten-Akademie in Brühl hat eine Frau im Alter von 42 Jahren eine Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen und zwei Jahre später mit den Noten 1 - 1 - 2 abgeschlossen. Zu ihrer Ausbildung gehörte ein Praktikum bei einem der größten deutschen IT-Unternehmen Deutschlands. Dessen Kölner Niederlassung hat mit dieser Frau erstmals seit 15 Jahren wieder eine Praktikantin in eine feste Anstellung.

Menschen wie diese Frau, die sich durch Aus- und Weiterbildung bzw. Umschulung auch in nicht mehr ganz so jungem Alter für den Arbeitsmarkt qualifizieren und daher Anstellungen finden, entlasten die öffentlichen Kassen viel mehr, als Sparprogramme an den falschen Stellen. Sie zahlen nämlich ihre Sozialversicherungen selbst - liegen also niemandem auf der Tasche - und Steuern. Sie fühlen sich im übrigen als vollwertige Teile unserer Gesellschaft, wirken aktiv an deren Gestaltung mit und sind daher zufriedenere Menschen. In diesem Zusammenhang sei allen Lesern der Bericht an den Club of Rome Wie wir arbeiten werden von Orio Giarini und Patrick Liedtke (Hoffmann und Campe Verlag) empfohlen.

Jede Ausbildung, Umschulung etc. ist ein Einzelschicksal. Daß diese Maßnahmen möglich sind - und zwar unter so guten Umständen wie möglich! - liegt aber im Interesse der gesamten Gesellschaft. Will die Regierung ihrem Amtseid nachkommen und Schaden von unserer Republik abwenden sowie deren Nutzen mehren, muß sie alles erdenklich Mögliche im Bildungsbereich tun. Und mit Blick auf unsere immer noch nicht deutlich gesunkene Anzahl von Langzeitarbeitslosen auch und insbesondere in der Erwachsenenbildung.

Der Autor dieses Beitrages, Werner Stang (3. Juni 1949 - 23. Mai 2002) war freier Dozent, Unternehmensberater und Mitarbeiter des Journalisten-Netzwerkes AUSSICHTEN. Seine Themenschwerpunkte lagen in den Bereichen Wirtschaft und Erwachsenenbildung.

Bitte beachten Sie auch:

Zum Tod von Werner Stang (Archiv)



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