Boomer

8. August 1989 - 27. Juni 2005

© by Jürgen Streich

Einer der besten Tage im gemeinsamen Leben von meiner Gefährtin Elisabeth und mir war, als Philipp Becker, der sich damals mit seiner Frau Bettina und der noch kleinen Tochter Alexandra ein Haus mit uns teilte, zu uns kam und vorschlug, gemeinsam einen Hund anzuschaffen. Um ein paar Ecken herum wußten sie von einem Welpen mit unschöner Vorgeschichte. Philipp, Alexandra und ich fuhren zu den "Pflegeeltern", verliebten uns sofort in das dreimonatige Wollknäuel mit Babyspeck und nahmen es noch am selben Tag zu uns. Es wurde eine Freundschaft für´s Leben.

Die Beckers zogen später aus Frechen zurück nach Köln - blieben bis heute gute Freunde - und wußten Boomer bei uns in hoffentlich guten Händen.

Wie oft habe ich Boomer gesagt, daß wir glücklich sind, ihn zu haben?! Einmal mitten auf einem See, als ich weit hinausgeschwommen und Boomer mir nachgekommen war. Schwimmen war sowieso seine Lieblingssportart. Und wie oft hat er, der in meinem Journalistenbüro von seinem Platz unter´m Schreibtisch wirklich alles mitbekam, auf mich eingewirkt?! - Hatte ich ein unangenehmes Telefonat, kuschelte er sich an mich und gab mir zu verstehen, daß er bei mir und mein Freund ist. In wenigen Ausnahmefällen schien er auch zu meinen, daß ich noch mal gut nachdenken solle. Die obige Bilderserie ist in einem Augenblick entstanden, in dem ich dachte, mit der ganzen Welt über Kreuz zu liegen. Aber eben doch nicht mit der ganzen Welt, weil er bei mir war.

Unbeschreiblich die Ruhe, die Boomer uns gegenüber in hektische Zeiten brachte, ebenso wie den Witz und Spaß, wenn man diesen besonders gut gebrauchen konnte. Beispielsweise mühte er sich einmal sehr an einem "Stöcken" ab, das ich gar nicht in den Gardasee geworfen hatte. Gemeinsam haben wir dann einen von einem Schiff gefallenen Stuhl herausgeholt, auf dem viele unserer Gäste später noch gut gesessen haben. - Was braucht die Menschheit eigentlich Psychotherapeuten, wenn es Hunde wie Boomer gibt?! Die auch bleiben, wenn sie gegangen sind. Irgendwas ist dran an dem kölschen Spruch von Trude Herr: "Niemals geht man so ganz."

Im Alter von zwölf Jahren hatte Boomer einen Schlaganfall. Den übersahen zwei Arztpraxen, nicht aber seine menschlichen Lebensgefährten und letzten Tierärzte, Annerose Penz und Christian Funke. Die beiden haben mit hoher Sachkompetenz, viel Tierliebe und Einfühlungsvermögen dazu beigetragen, daß Boomer und wir noch weitere drei schöne Jahre miteinander hatten.

Wir wollten, daß er so lange lebt, wie er es offenkundig will. Bezeichnenderweise wollte er uns nicht vor Abschluß einer wichtigen Sache verlassen. Wir haben sie noch mit ihm gefeiert. Dann aber ging ihm die Kraft verloren. Dabei hat er uns soviel davon gegeben.

Besser als der Schauspieler Gert Haucke, der in den achtziger Jahren den Vater in der legendären Radioserie "Papa, Charly hat gesagt..." spielte und dort Regie führte, es in seinem Buch "Die Sache mit dem Hund" (Rasch & Röhring Verlag, Hamburg, 1989) schrieb, kann man es nicht ausdrücken: "Ein Hund, der über seinen Körper nicht mehr nach Lust und Bedürfnis verfügen kann oder sich nur unter Schmerzen seine täglichen kleinen Wünsche erfüllen kann: So ein Hund lebt nicht mehr gern, er trauert um alles, was im entschwindet: Die Lust am Laufen, am Wittern, am Kommunizieren mit Menschen und Artgenossen, am Essen schließlich. - Dann ist es Zeit. Sie können ihm keine Alternative bieten: Ein gutes Buch kann er nicht lesen (dabei hat Boomer zur Entstehung solcher sehr beigetragen, behaupte ich mal; Anm. J.S.) oder seine Memoiren schreiben, und sei es im Rollstuhl. Ihm jetzt noch dieses elend gewordene Leben zu lassen ist purer Egoismus."

Eben. Wir haben von Boomer so viel bekommen, daß Geben mehr als eine Selbstverständlichkeit war.

Er ist heute morgen direkt an seinem Schlafplatz eingeschlafen, bis - mit Hilfe von Annereose Penz - sein Herz in aller Friedlichkeit stehenblieb. Und das in seiner Lieblingshaltung.

Elisabeth notierte: "Als Jürgen sich nach einiger Zeit an diesen Text gesetzt hat, habe ich Musik aufgelegt und Fotos angeguckt: Ganz viele von Boomer, wie er sein Leben genossen hat: beim Schwimmen und Stöckchen-holen, beim genüßlichen Wälzen im Gras, beim Toben mit und ohne Ball, beim Pfötchengeben in unterschiedlichen Situationen und und und... Das hat mir noch mehr bewußt gemacht, was er in letzter Zeit alles nicht mehr konnte - und daß jeder Gang immer beschwerlicher für ihn wurde. Nachdem wir nun noch ein intensives gemeinsames letztes Wochenende verlebt haben, war es Zeit, auch loszulassen. - Wer noch nie einen Hund hatte, kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie schön es ist, einen solchen Gefährten zu haben. Nun sind uns Dreien fast sechzehn gemeinsame Jahre geschenkt worden, und obwohl ich heute furchtbar traurig bin und er mir jetzt schon fehlt, bin ich doch sicher, daß wir die Entscheidung in Boomers Sinne getroffen haben. Er wird immer bei uns sein - wir werden manchmal lachen und manchmal weinen, wenn wir an ihn denken - und das werden wir sicher sehr sehr oft tun."

Na klar. Es gab einmal einen sehr gelungenen Beitrag über den Tod von geliebten Tieren in der "Sendung mit der Maus". Darin bittet der Fuchs alle Tiere des Waldes zu sich, um ihnen mitzuteilen, daß der alte Dachs gestorben ist. Der hatte den Fuchs gebeten, ihnen auszurichten, möglichst nicht traurig zu sein, weil er ein schönes, langes Leben hatte. Der Fuchs lädt daraufhin alle Tiere jeden Abend in seinen Bau ein, damit sämtliche Geschichten, die mit dem Dachs zu tun haben, erzählt werden. Und da gab es einige, alle hatten von tollen Erlebnissen mit dem Dachs zu berichten. Die Geschichte endet so: "Und dann kam der Frühling. Mit dem Schnee schmolz die Traurigkeit. Übrig blieben die tollen Erinnerungen."

© by Karin Grimm So wird es mit Boomer auch sein. Es ist eigentlich sogar ein schöner Tag für einen solchen Übergang. Boomer bekommt nun einen schönen Platz unter einem schönen Baum in dem Wald, den er geliebt hat. Elisabeth und ich zitieren noch einmal Trude Herr und maßen uns an, sie ein wenig zu verbessern. Sie sang - für Nicht-Kölner (Boomer war die ersten drei Monate seines Lebens Hamburger und dann die ganze Zeit Rheinländer) - übersetzt: "Ein Stück von mir bleibt hier." - Ein Stück? Boomer wird immer da sein. Ganz. Edelsteine aus Fleisch und Blut hält man schließlich fest im Herzen. Und sie wirken nachhaltig.




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