Autor fast von eigenen
Büchern erschlagen

Der Journalist: "Meine Werke sind von erheblichem Gewicht"

Einen schlagenden Beweis dafür, welch immenses Gewicht die Ergebnisse seiner Arbeit haben, erfuhr der Journalist Jürgen Streich am frühen Morgen des 24. April 2001: Von einer auf die andere Sekunde fand er sich unter von ihm selbst verfaßten Büchern, Zeitungsartikeln sowie Kassetten mit eigenen Fernseh- und Hörfunkbeiträgen begraben wieder. Sein Archiv war über ihn hereingebrochen.

Als Streichs von dem Pardauz im Nebenzimmer aus dem Schlaf aufgeschreckte Lebensgefährtin ihn in liebevoller Kleinarbeit von seinem Material befreit hatte, befand Streich, daß seine Werke "von erheblichem Gewicht" seien. Nun wisse er es genau.

Zu diesen Werken gehörte die obere Etage eines Bücherregals. Neben den Ergebnissen seiner journalistischen Arbeit war Streich somit auch das Resultat eines Ausflugs in die Heimwerkerbranche auf Kopf und Schoß geflogen: Holzteile, Schrauben, Dübel, Nägel und Putz. Putzen muß er außer seinen Schreibtisch nun auch Drucker, Scanner, Laptop, die Regaletage darunter.

Ein besonderes Kuriosum: Streich hatte eine Nachtschicht eingelegt, um wieder mehr Ordnung in sein Arbeitszimmer zu bekommen. "Ausgerechnet jetzt stehe ich vor diesen Trümmern", soll er nach der Lawine gestammelt haben. In Wahrheit konnte von Stehen keine Rede sein. Auch nicht von Sitzen oder Liegen. Die Wahrheit lag irgendwo dazwischen.

Schon seit Wochen war Streich ein unerklärliches Knistern neben seinem Arbeitsplatz aufgefallen. Vom Holzwurm im Gebälk bis hin zur Steinlaus im Mauerwerk hatte er viele Verdächtige. Auch alle Kabelverbindungen der Bürotechnik hatte er immer wieder kontrolliert, denn daß Computer abstürzen können, war dem Journalisten aus eigener Anschauung bekannt.

Doch dann stürzte das Regal auf Computer und dessen User. Und die Tastatur. Weg war die E-Mail an einen geschätzten Kollegen, an der Streich über eine Stunde lang geschrieben hatte. "xjy" stand in eckigen Klammern anschließend auf dem Monitor. Mehr nicht. Sekundenlang überlegte der Journalist, ob das auf elektronisch "Aua" heißt.

Während des Geburtstages seiner Schwiegermutter tags darauf wirkte dann zwar noch nicht das Büro, wohl aber dessen Inhaber aufgeräumter. "Der Spruch 'Schuster, bleib bei Deinen Leisten' hat schon eine tiefere Bewandnis", soll er Familienangehörigen gegenüber geäußert haben. Auch wenn er Sohn eines Zimmermannes sei, so sollten Journalisten nun mal journalistisch arbeiten, und nicht möbelschreinerisch.

Jedenfalls werde er sich nun im Haus nebenan nicht nur die Bohrmaschine leihen sowie Schrauben und Dübel kötten (für Nicht-Rheinländer: kölscher Begriff für das Erbitten nicht rückgebbarer Gegenstände), sondern den benachbarten pensionierten Handwerker einfach bitten, seine Werkzeugkiste mitzubringen.

Einen Hinweis konnte und wollte der Journalist sich nicht verkneifen: Der von ihm ebenfalls selbst gezimmerte Schreibtisch hatte den "Werken von erheblichem Gewicht" standgehalten. Streich symbolträchtig und stolz: "Druck von oben muß man halt aushalten." Den Eindruck, daß dieser Druck unten sehr stark werden könne, wenn manche ihre Fähigkeiten oben falsch einschätzten, manche Dinge zu hoch aufhängten und gewichtige Dinge viel zu schwach verankerten, teilte der Journalist. Dafür kenne er viele Beispiele aus Politik, Wirtschaft, Medien, Sport etc.

Dazu, ob dies auch auf in weichen Altbaumörtel gesetzte zu kleine Dübel zutreffe, wollte er sich jedoch nicht äußern. Er müsse seinen Bürounfall erst noch genauer analysieren. Erst danach werde er in Absprache mit Vertrauten entscheiden, ob er als Handwerker zurücktrete. Angebote von Schreinereien, auch aus dem Ausland, lägen ihm derzeit nicht vor.



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