UTOPIA
REVISITED

aus: Stadt-Revue, Köln-Magazin, August 2000

Mal ist es einfach nur Nonsens, mal ernstzunehmender politischer Gegenentwurf, wenn im Internet Staaten gegründet werden. Jürgen Streich bereiste Cyber-Nationen.

Bergonia liegt nördlich des Äquators im Atlantik. Die Landschaften sind sehr unterschiedlich, das Klima ist subtropisch. Mit Minidun (46 %) und Nacatea (38 %) überwiegen zwei Sprachen, viele der Siedler europäischer Herkunft sprechen Englisch, Französisch und Spanisch. Zu den "Acht Grundsätzen", auf denen die Verfassung des Landes seit der Demokratiebewegung in den zwanziger Jahren beruht und die durch die acht Sterne auf der Flagge symbolisiert sind, gehören Demokratie und Freiheit, eine sozialistische Ausrichtung sowie deutliche Hervorhebung von Werten wie Bildung und Erziehung. Die kommunale Verwaltung genießt hohen Stellenwert. Seit 1986 verfügt die Harmonie-Partei über die Mehrheit im Parlament. Sie bemüht sich mit mehr oder minder Erfolg darum, scheinbare Gegensätze zu vereinen: Wirtschaft und Umwelt, die Lebensentwürfe von Workoholics und denjenigen, die ihre Zeit genießen wollen. Zu erwähnen wäre noch, daß das Land (www.bergonia.org) früher einmal Atlantis hieß.

Sucht man nach Bergonia, so kann es passieren, daß man auf dem Weg dorthin auf das Aerican Empire stößt, das sich selbst als die "Monty Python-Ausgabe des Mikronationalismus" bezeichnet. Staatssymbol ist ein Smile. In seinem Informationsmaterial (www.geocities.com) weist das Land darauf hin, daß man als Besucher eine Menge "Silliness" (engl.: Dummheit, Albernheit, Verrrücktheit) ertragen können muß. In der Tat: Eigenen, mit zahlreichen Tipp- und anderen Fehlern versehenen Angaben zufolge verfügt das Aerikanische Kaiserreich über Land auf dem Mars, eine Kuhweide auf der Erde und die nördliche Hälfte des Pluto. Ein hoher Feiertag der Aerikaner ist der 25. Mai, der Tag, an dem im Jahre 1977 der Film "Star Wars" veröffentlicht wurde.

Die Beschreibungen dieser beiden Länder sind übrigens nicht das Ergebnis eines Fehlgriffs des Autors dieser Zeilen in seiner Bibliothek - der Atlas ist keineswegs mit einem Fantasy-Roman verwechselt worden. Die obigen Angaben resultieren vielmehr aus einer Surf-Reise durch virtuelle Internet-Länder.

Dabei stellte sich heraus, daß Bergonia mehr ist als eine Insel im Cyber-Meer der teils hochinteressanten, teils versponnenen Gedanken, die aufgrund der technischen Möglichkeiten des Mediums Internet den Globus um- und überfluten. Die Macher der Webseiten der "Botschaft des Demokratischen Gemeinwesens von Bergonia" verbergen sich hinter der "Bergonia Association", einer Non-Profit-Gesellschaft, die das Phantasieland elektronisch am Leben hält, um damit Ideen zur Diskussion zu stellen. Keine Frage, die Zustände in Bergonia sind zu schön, um wahr zu sein. Doch die Politik des auslaufenden 20. Jahrhunderts braucht Phantasie und Visionäre. Bloße Verwalter des Bestehenden haben wir genug.

Dabei sind Phantasiewelten keine neue Erfindung. "Die Insel (...) ist vor allem deshalb eine menschenwürdige, weil ihre Bewohner so weitgehend von der Arbeitsfron befreit sind. Sechs Stunden mäßige Mühe reichen aus, um alle notwendigen Bedürfnisse zu befriedigen und auch genügend Vorrat für die Annehmlichkeiten herzustellen..." - Welcher Malocher am Band von Ford Köln, welche Arbeiterin in den Produktionsstätten von Bayer Leverkusen würde auf dieser Insel nicht dauerhaft leben wollen? Das Eiland Utopia (griechisch: Nirgendwo) wurde zum Namensgeber für gesellschaftliche und staatliche Wunschvorstellungen. Beschrieben hat es Sir Thomas Morus in seinem 1516 erschienenen gleichnamigen Buch.

Klar ist: Ohne Wünsche und Hoffnungen könnte kein Mensch leben, ohne Visionen und mitunter utopische Ziele geriete jede Gesellschaft in selbstzerstörerischen Stillstand.

Dennoch ist bei Traumwelten Vorsicht geboten. Träume entstehen auch durch die Wirkung von Drogen. Erinnert sei hier an das Mittel "Soma", das in Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" die für mindere Tätigkeiten gezüchteten Menschen erhalten, damit sie sich ihrer Situation nicht bewußt werden. Die Droge Bildschirm-Traumwelt kann ähnlich wirken. Wer durch "Tittytanement", wie der frühere US-Regierungsberater Eugene Brzinsky es nannte, ruhig gestellt wird, mischt sich nicht mehr ins wirkliche Leben ein. Oder die Menschen werden durch Dauerberieselung derart beeinflußt - George Orwell hat es in seinem Roman 1984 beschrieben -, daß sie ohnedies widerstandslos auf der vemeintlich richtigen Seite stehen.

Scheinwelten sind also keineswegs ungefährlich. Sie bergen gleichwohl immense Chancen. Zu dem Ergebnis kommt auch Juan Luis Cebrían in seinem kürzlich erschienenen Bericht an den Club of Rome Im Netz - die hypnotisierte Gesellschaft.

Das Internet bietet einerseits die Möglichkeit, Dinge zu veröffentlichen, die in Presse, Funk und Fernsehen nicht berücksichtigt würden. Andererseits kann auch jeder Unfug verbreitet werden. Dennoch birgt dieses offene Medium eine Riesenchance: die der Verbreitung von Phantasie. Unzensiert.

Vor diesem Hintergrund sollte niemand vor Websites zurückschrecken, auf denen Verfassungen ausgerufen und virtuelle Staaten gegründet werden. Mancher Besuch wird entäuschend sein, mancher aber auch informativ und anregend.

Zu den eher lohnenden Elektronikreisen gehört ein Ausflug in die demokratisch verfaßte Monarchie von Freedonia (www.freedonia.org). Das Ziel des Initiators, John Alexander Kayle, der sich im Netz John I. nennt, ist so unrealistisch wie ehrenwert: Er will mit seiner Gefolgschaft ein Stück Land in Somalia kaufen und es zu einer liberalen Enklave entwickeln. Einbürgerungsanträge können per E-Mail oder Fax gestellt werden. Freedonia verfügt sogar schon über eigenes Silbergeld und eine Hymne, in deren Refrain es heißt: "Freedonia that land that saves, Freedonians never shall be slaves."

Ebenfalls frei - vor allem von Krieg - wollen die Bürger von Cyber Yugoslavia (www.juga.com) sein. Da sie seit 1991 heimatlos sind, ist ihre Nationalität derzeit identisch mit der von Atlantis. (Diplomatische Beziehungen zu Bergonia sollten dringend aufgenommen werden!) Mit einer Verfassung, die ein Lehrbeispiel für Demokratie ist, wollen die inzwischen 12.521 Bürger von Cyber Yugoslavia ihre Zahl auf über fünf Millionen vergrößern und dann einen Antrag auf Aufnahme in die Vereinten Nationen stellen. Von diesem Schritt erhoffen sie sich ein Territorium von lediglich 20 Quadratmetern, auf denen dann der Server beheimatet sein soll.

Abgesehen von der ein oder anderen Persona non grata kann jeder die Nationalität von Cyber Yugoslavia erwerben. Damit verbunden sind eine Reihe demokratischer Verpflichtungen, beispielsweise die, an einer Anzahl von Abstimmungen teilzunehmen. Insbesondere an der Verfassung wird ständig gefeilt. Außerdem muß jeder ein Ministeramt übernehmen, und wenn es das für bestimmte Hunderassen oder Schach ist. Einen König, Präsidenten oder Kanzler gibt es nicht, ebenso keine Untergebenen der Regierung. Alle sind also gleich und tragen Verantwortung fürs Gemeinwesen. Ebenfalls zu schön, um wahr zu sein, eine Traumwelt eben. Doch Cyber Yugoslavia existiert wirklich, weil die 152 Gründer die dem Internet innewohnende Interaktivität genutzt haben, ihrem "Land" Leben einzuhauchen.

Ihr Leben ausgehaucht hat inzwischen die Cybernation Lizbekistan. Ausgerufen von der australischen Künstlerin Liz Stirling bestand sie nur drei Jahre. Es war eine bewegte Zeit. Längst gab es lizbekische Personalausweise, Briefmarken und vier Zeitungen, davon eine, der Lizbek Sentinel, laut Liz Stirling, das "unabhängige, offizielle Organ", eine andere, The Dependent, "die Stimme der Autoritäten". Die bitterböse Satire, die sich hinter Lizbekistan verbarg, war auch daran erkennbar, daß die Landeswährung "Nipple" hieß, zu verstehen im Sinne von Brustwarze, Nuckel, aber eben auch Schmiernippel. - Ein solcher Staat mußte an sich selbst zugrunde gehen. Daß keiner seiner Bürger rechtzeitig Veränderungen in Gang gesetzt oder selbst initiiert hat, daß es nach dem 9. September 1999, als Lizbekistan durch seine Gründerin von der virtuellen Landkarte getilgt wurde, keine Bestrebungen zur Übernahme gab, ist bezeichnend. An politischem Desinteresse seiner Bürger soll letztlich auch das römische Reich gescheitert sein. Für lizbekische Flüchtlinge sind die Auffangseiten www.lizbekdiaspora.com und www.lizvegas.com eingerichtet worden. Deren tieferer Sinn erschließt sich allerdings auch dem geneigten Besucher nicht.

Surf-Reisen in andere virtuelle Staaten wie das Königreich von Cherusken, das Große Herzogtum von Haren, die freie Republik Laputa oder das Herrschaftsreich von Asphynxia lohnen sich allenfalls für Fantasy-Fans. Doch auch für sie können die Ausflüge entäuschend verlaufen, denn oft hat es den Anschein, daß für die Seiten Freaks verantwortlich sind, bei denen es nicht zum "richtigen" Fantasy-Autor gereicht hat. So wird das Holy Empire of Reunion vom Emperor Claudio I. mit harter Hand regiert. Der Besucher im Internet wird mit dem Hinweis begrüßt, daß Reunion keine Demokratie ist, so daß niemand "mit Kandidaten und Wahlen belästigt" wird. Auch im Königreich von Talossa (www.talossa.com) spielt Demokratie keine wesentliche Rolle. Die Verfassung beginnt mit den Worten "I, Robert I., His Royal Me"... Klar, wer als Student Anno 1979 - also lange vor dem Internet - sein Schlafzimmer zum souveränen Staat erklärt hat, kann sich solche Formulierungen erlauben.

Wie immer im Umgang mit dem Internet stellt sich auch hier die Frage: Was ist relevant, nachdenkenswert, was Spaß, gar Unfug, Datenmüll? Eine Standard-Antwort hierauf gibt es nicht. Bezogen auf Cyber-Staaten ist ein Qualitätsmerkmal, ob die "Betreiber" eines solchen Landes mit ihren "Bürgern" und Interessenten interaktiv kommunizieren. Denn nur dann nutzen sie die Möglichkeiten des Mediums Internet zum hoffentlich fruchtbaren Dialog.

Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile, "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk", wie Abraham Lincoln treffend die Demokratie definierte, daher die beste Organisationsform eines Gemeinwesens. Darüber kann man insbesondere im Internet eine Menge lernen. Dazu die Gründerin von Lizbekistan, Liz Stirling: "Es ist eine hervorragende Möglichkeit herauszufinden, wie Menschen zueinander kommen und was Dinge wie Gesellschaft und Nation für sie bedeuten."

Die Planspiele sollten fortgesetzt werden. Auch auf der Ebene der Vereinten Micronationen.


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