Bürgermeister
Jürgen Schaufuß MdL
Frechen

19. Oktober 1995


Antrag: Umbennenung der Carl Diem-Allee


Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
lieber Jürgen,

aufgrund der Informationen, die das ARD-Magazin "Monitor" in seiner Sendung vom 26. Oktober bundesweit verbreitet hat, stelle ich in meinem und den Namen der unten genannten Personen den Antrag, die Carl Diem-Allee (...) umzubenennen.

Carl Diem stand, das ist nun wohl unzweifelhaft, den Nazis nahe. Er war, so drückte es ein WDR-Hörfunkkommentator aus, während der Vorbereitung der Olympiade 1936 in Berlin quasi der "Sport-Außenminister" Nazi-Deutschlands. Mein Vater hat gemeinsam mit Diems Frau Lieselott einige Jahre im Rat der Gemeinde Lövenich gesessen. Er, meine Mutter und ein heutiges Mitglied des Frechener Stadtrates waren anwesend, als Frau Diem einigen Sozialdemokraten die Gegenstände aus der Sportwelt, die ihr Mann zusammengetragen hatte, zeigte. Dazu gehörte auch die Fackel, mit der anno ´36 das olympische Feuer entzündet worden war. In der Brockhaus-Enzyklopädie ist nachzulesen, daß Carl Diem als Generalsekretär des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936 den "olympischen Fackellauf" einführte. Daß Deutschland anschließend Feuer in weite Teile der Welt trug, mag in diesem Zusammenhang ein Zufall sein. Daß die Berliner Fackel - ein für Sammler und Museen begehrtes, wahrscheinlich millionenschweres Stück - in Diems Kölner Vitrine landete, ist ein Hinweis darauf, welch gute Beziehungen er zu den damals Mächtigen unterhalten hat.

Wer, während die Rote Armee dabei war, Berlin einzunehmen, noch Jugendliche aufgefordert hat, ihr Leben dem Vaterland zu opfern, dem gehört keine Straße in Frechen gewidmet.

Da ich selbst für "Monitor" arbeite, werde ich detailliertere Informationen beibringen, sobald ich mit den Kollegen gesprochen habe, die an der Erstellung des o.g. Filmes beteiligt waren.

(...) Eine der Haupt-Zugangsstraßen zum inzwischen nicht mehr ganz so schönen Frechener Sportpark ist die genannte Straße. Sport ist eine Art von Völkerverständigung, weil dabei Menschen zusammenkommen, um ihre Fähigkeiten miteinander zu vergleichen, ohne zu versuchen, sich zu vernichten. Ich selbst war Ende der siebziger / Anfang der achtziger Jahre Leistungssportler (...). Bei internationalen Begegnungen hatte ich Gelegenheit, Sportkameraden auch aus uns fremden Kulturkreisen kennenzulernen. Mich jedenfalls haben diese Erfahrungen in einem Alter, in dem viele Menschen leicht beeinflußbar sind, dagegen abgesichert, auch nur ansatzweise auf ausländerfeindliche oder rassistische Gedanken zu kommen.

Frechen hat zahlreiche national und sogar international erfolgreiche Sportler hervorgebracht. Ich bin sicher, daß sie ähnlich wie ich empfinden.

Daß aber tagtäglich auch Freizeitsportler und all die beachtlichen Gegner von "Frechen 20" über eine Straße unsere Sportanlage erreichen, die den Namen eines Nazi-Helfers trägt, ist kein länger tragbarer Zustand.

(...) Namen von Personen, die z.B. den Sport für faschistische Ziele mißbraucht haben, gehören als abschreckende Beispiele in die Geschichtsbücher, nicht aber auf Straßenschilder.

Frechen könnte dem großen Nachbarn Köln durch eine Umbenennung der Carl Diem-Allee ein Beispiel geben, über das bei den Vorbereitungen auf den 75. Geburtstag der Sporthochschule sicher diskutiert und entschieden würde.

Dieser Antrag wird mitgetragen von Elisabeth Kann sowie Georg und Gisela Streich.

Viele Grüße sendet Dir

Jürgen Streich

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