Kölner Stadt-Anzeiger, Erftkreis-Ausgabe, 15. Juni 2001
(Übertragung in herkömmliche Rechtschreibung von JS)


Kein Schild mehr für Carl Diem

Frechener Fraktionen distanzieren sich
wegen Nazi-Vergangenheit


Von Birgit Lehmann

Frechen - Diesmal waren sich alle Politiker einig. Während vor drei Jahren weder SPD noch CDU ausreichend Gründe sahen - nur die Grünen waren damals schon dafür - stimmte diesmal der Hauptausschuß einhellig für eine Umbenennung der Carl-Diem-Allee. Als erste Kommune im Erftkreis trennt sich Frechen damit von dem unrühmlichen Straßenschild, das den Namen des Sportfunktionärs und Begründers der Deutschen Sporthochschule trägt. Diem (1882 bis 1962) war häufiger Gast während der Frechener Sportwoche und war in den 50er Jahre angesehen: 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Erst in jüngerer Zeit war seine Rolle im Nazi-Regime kritisch beleuchtet worden.

Umstrittene Rede

So hatte er in einer flammenden Rede auf dem Berliner Reichssportfeld 1945 vor mehr als 2000 Jugendlichen den griechischen Dichter Tyrtairos zitiert: Es sei wunderbar, "als edler Krieger für das Vaterland zu fallen".

Die Publikation von Achim Lande und Wolfgang Bausch hatte die Diskussion um Diem entfacht. Die beiden Autoren waren auf Einladung der Grünen auch in Frechen zu einer Lesung erschienen und hatten deutlich gemacht, daß Diem mehr als ein Mitläufer gewesen war. Ihre Argumentation überzeugte jetzt auch die CDU. Auch sie folgte nun einer Empfehlung der Verwaltung nicht: Die Verwaltung sah noch keinen Grund für eine Umbenennung. Es lägen noch keine neuen Erkenntnisse vor, lautet die Begründung. Dem widersprach CDU-Ratsfrau Hildegard Ziskoven energisch. Es gebe eindeutige Hinweise, daß Diem eben nicht nur viel für den Sport getan und nicht nur schweigend das Regime toleriert habe. Er sei jemand gewesen, der im In- und Ausland Nazipropaganda betrieben habe. "Deshalb wollen wir hier keine Carl-Diem-Allee haben. Er hat sich schwer in Schuld verstrickt und zeitlebens keinen Ansatz von Reue gezeigt", sagte Ziskoven. Sie wolle nicht riskieren, daß noch von einer Schuld der Dritten Generation gesprochen werden könne, weil die es abgelehnt habe, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Es gebe "absolut keine andere Möglichkeit" als die Umbenennung.

Dem schloß sich auch die SPD an. Diem sei ein "willfähriger Täter" gewesen, sagte Ratsmitglied Dr. Wilhelm Schröder. Nur weil Hitler ihn nicht gemocht habe, hätte er nicht Karriere unter den Nationalsozialisten gemacht.

"Überfälliger Schritt"

Der Frechener Journalist Jürgen Streich hatte die Umbenennung bereits 1997 beantragt und war auch diesmal Initiator: Ein "längst überfälliger Schritt" sei nun vollzogen worden. Seit Jahren sei klar, daß Diem Mittäter des Nazi-Regimes war. Nicht mit Ruhm bekleckert habe sich die Frechener Verwaltung mit ihrer Beschlußempfehlung. Nachdem er persönlichen Angriffen ausgesetzt gewesen sei - der Leiter des Carl-Diem-Archivs habe ihn faschistoid genannt - könne er eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen, sagte Streich. Er hoffe, daß die Frechener Entscheidung "Signalwirkung" habe.

Die Umbenennung soll möglichst schnell erfolgen. Bis zur Sommerpause wird ein neuer Name gesucht. Ein Vorschlag ist, die Straße zum Sportpark nach einem verdienten Frechener zu benennen.

Beachten Sie zum Thema Carl Diem auch:

Achim Laude, Wolfgang Bausch, Der Sport-Führer. Die Legende um Carl Diem (=> Sport - etwas anders)


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