Ein globales Netzwerk für die Zukunft

Der Club of Rome wurde 1968 von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei und dem schottischen Wissenschaftsfunktionär Alexander King gegründet und veröffentlichte vier Jahre später die erschütternde Zukunfts-Prognose Die Grenzen des Wachstums. Neben der Darstellung der "Weltproblematik" sieht der Denkerzirkel seine Hauptaufgabe in der Erstellung und Förderung von Beiträgen zur "Weltlösungsstrategie". Von 1991 bis November 2000 war der Spanier Ricardo Díez-Hochleitner Präsident des Club of Rome, nun dessen Ehrenpräsident. Das nachfolgende Interview erschien im BUNDmagazin, der Zeitschrift des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Nr. 4/1999.

BUNDmagazin (BM): Was verstehen Sie unter einem Netzwerk?

Ricardo Diez-Hochleitner (DH): Die kreative Zusammenarbeit von Menschen, die innovativ orientiert sind und solidarisch in einem solchen Netz mitwirken. Im Fall des Club of Rome ist ein solches interdisziplinäres und interkulturelles Netzwerk zustande gekommen. Die Mitglieder aus allen Teilen der Welt eint eine langfristige globale Vision.

Bm: Gibt es unter hundert Mitgliedern aus aller Welt, unterschiedlichen Branchen und Kulturen nicht immense Reibungsverluste?

DH: Nein, im Gegenteil die Mitglieder ergänzen sich. Es gibt ja nicht nur die ordentlichen Mitglieder, sondern auch zu bestimmten Themen besonders sachkundige assoziierte Mitglieder, teils sehr aktive Ehrenmitglieder, darunter ehemalige Regierungschefs, Nobelpreisträger, Könige, institutionelle Mitglieder wie zum Beispiel die Universität der UNO und nationale Sektionen. Der aus einer solchen Mitgliederstruktur resultierende Erfahrungsschatz ist enorm. Vergrößert wird er noch durch das Wissen von Spezialisten, die zwar nicht dem Club of Rome angehören, aber unsere Vision teilen. Die Unterschiede in einem solch bunten Haufen sind bereichernd ein sehr großer Vorteil.

Bm: Andere Gremien, z.B. die der Vereinten Nationen, haben Probleme mit solcher Vielfalt. Hat der Club of Rome ein Geheimrezept?

DH: Wir versuchen, in der Mitgliederschaft verschiedenste Richtungen natürlich keine extremistischen zusammenzubringen, um unseren Dialog zu fördern. Wir werden niemals eine politische Doktrin entwickeln,

sondern die Debatte immer offen halten. Dadurch ist die Toleranz sehr groß, so werden sehr unterschiedliche Menschen zu wirklichen Freunden.

Bm: Ein solches weltweites Netzwerk lässt viel Verwaltungsaufwand vermuten.

DH: Wir müssen vorsichtig mit personellen und finanziellen Ressourcen umgehen. Deshalb sind wir eine Bettelorganisation. Der Schatzmeister, die anderen Kollegen und ich haben in dieser Hinsicht richtig zu schuften. Aber wir versuchen, mit geringen finanziellen Mitteln auszukommen, denn wir wollen nicht für den Betrieb eines teuren Apparates, sondern für ein Ziel arbeiten. In unserem neuen Generalsekretariat in Hamburg funktioniert das mit typisch deutscher Effizienz sehr gut.

Bm: In einer derart vielschichtigen Organisation muss auch die interne Kommunikation gut funktionieren.

DH: In meinen jüngsten Brief an die Mitglieder habe ich betont, dass unsere Information gut funktioniert, aber unsere Kommunikation verbessert werden sollte. Wir haben mit unserem neuen Generalksekretär Uwe Möller und seinem Mitarbeiter Helmut Trumpfheller fleißig an einer interaktiven Homepage gearbeitet, die wir anlässlich unserer Jahrestagung Ende November in Wien der Öffentlichkeit vorstellen werden. Die Inhalte von Studien, Ergebnisse von Tagungen, Aktivitäten der Regionalbüros und nationalen Sektionen sollen so vor- und zur Diskussion gestellt werden.

Bm: Das Netzwerk soll demnächst also über die Buchhandlungen, in denen die Berichte an den Club of Rome erhältlich sind, hinaus reichen?

DH: Die sich schnell weiter entwickelnden neuen Medien bieten große Möglichkeiten, aber Bücher sind etwas Dauerhaftes. Das und ihr ästhetischer Aspekt führen dazu, dass der Leser indem er den Inhalt reflektiert und weiter denkt ein geistiger Co-Autor wird. So kann ein Buch tiefgründig und hilfreich sein, eine Website allenfalls einen groben Überblick verschaffen. Uns ist von verschiedenen Institutionen oft angeboten worden, Broschüren oder Bücher kostenlos zu produzieren und zu verteilen. Doch das ist der falsche Weg. Bücher sollen nicht teuer sein, aber was man geschenkt bekommt, ehrt man oft nicht genug.

Bm: Nutzt der Club zur Vermittlung seiner Inhalte die Medien? Betreibt er Öffentlichkeitsarbeit?

DH: Die Medien sind für uns wesentliche Partner. Es ist absehbar, dass die Journalisten die wichtigsten Mit-Erzieher im nächsten Jahrhundert sein werden. Dennoch waren wir früher gieriger nach Berichten über unsere Ideen. Doch die Erfahrung von uns älteren Menschen zeigt, dass man die Vaterschaft guter Ideen verschenken können muss. Raub der Ideen ist der beste Weg zu deren Verbreitung. Inzwischen lesen wir oft von angeblich neuen Vorschlägen, die in Wahrheit einst im Club of Rome enstanden sind. Das ist sehr gut so wir werden die Vaterschaft nicht einklagen. Wir wollen dienen.

Bm: Den meisten jungen Menschen ist der Club of Rome nicht mehr bekannt. Doch ohne sie kann kein zukunftsgerichtetes Netzwerk funktionieren.

DH: Ich bin oft überrascht, wie wiele junge Menschen vom Club of Rome gehört haben und sehr offene und gute Fragen stellen. Aber das ist uns nicht genug, denn die Aktivitäten des Clubs sind in letzter Konsequenz auf die Jugend ausgerichtet. Während es kurzfristig wirkende Entscheidungen von Politik und Wirtschaft gibt wollen wir gemeinsam mit jungen Menschen über langfristige globale Perspektiven nachdenken, damit die Jugend konkrete Empfehlungen für die Zukunft in ihren Händen erhält. Deshalb sind wir sehr erfreut darüber, dass der von uns inspirierte Schluss-Dialog der Expo 2000 unter dem Motto "Welche Gesellschaft wollen wir?" stattfinden wird. Dazu werden wir Dialoge mit Studenten und jungen Berufstätigen ebenso führen, wie mit jungen Menschen am Rande der Gesellschaft. Wir müssen Ihnen allen zuhören, weil wir nur mit den Jungen die Welt retten können.



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