© by das-foto-team, Oberasbach "Kneifen gilt nicht"

42,195 Kilometer auf Inline-Skates
- und dann nochmal per pedes

Ein Erlebnisbericht von Thomas Scholl

Als ich am Morgen des 5. Oktober 2003 um sechs Uhr erwache, zweifle ich an meiner Entscheidung, den an diesem Tage stattfindenden Köln-Marathon absolvieren zu wollen. Nach einer äußerst unruhigen und kurzen Nacht bin ich mir nicht mehr sicher, ob mein Vorhaben, die 42,195 km lange Strecke zuerst auf Inline-Skates und im Anschluß per pedes zurückzulegen, nicht doch aus einer gewissen Selbstüberschätzung resultierte.

Auch wenn ich bereits auf die Erfahrung von sieben Marathon-Läufen zurückblicken kann, so klopft mein Herz - alleine beim Gedanken an die mir bevorstehende Strecke von 84,39 Kilometern - schon arg beschleunigt. Da ich aber nun einmal für den sogenannten Doppelstart angemeldet bin, versuche ich, nach der Devise "Kneifen gilt nicht" zu verfahren.

Ein Blick aus dem Fenster gibt mir, in Bezug auf das zu erwartende Wetter des gerade beginnenden Tages, auch nicht unbedingt Zuversicht: Im Schein der Straßenbeleuchtung, kann ich die regennasse Straße sowie die sich im Wind wiegenden Äste und Zweige der angrenzenden Bäume erkennen. Ich hoffe dennoch, daß sich das Wetter zumindest für die Zeit des Inline-Marathons bessern wird.

Da ich derart früh morgens nicht die Lust verspüre ausgiebig zu frühstücken, zwinge ich mich, ein Butterbrot, eine Portion Müsli sowie eine Banane zu essen und trinke dazu eine Tasse Ovomaltine. Nachdem ich meine beiden Kleiderbeutel nochmal auf Vollständigkeit des Inhalts überprüft habe, schlüpfe ich in meinen Rennanzug, ziehe mir warme Trainingskleidung darüber, und mache mich auf den Weg zum Bahnhof Erftstadt-Liblar.

Der Regionalzug, mit dem ich nach Köln fahre, ist wie erwartet fast ausschließlich mit Teilnehmern des bevorstehenden Lauf-Ereignisses besetzt. Kurz nach der Abfahrt des Zuges verfällt der mir gegenüber sitzende Inliner in hektische Betriebsamkeit. Wie sich herausstellt, hat er es versäumt, seinen für die Zeitmessung des Wettkampfes notwendigen "Champion-Chip" einzupacken. Nach ein paar herzhaften Flüchen entscheidet der Sportler schließlich, trotz dieses Malheurs starten zu wollen. Allerdings wird er nicht in die offizielle Wertung des Laufes aufgenommen werden können.

Am Kölner Hauptbahnhof angekommen mache ich mich auf den Weg zur Garderobe für die Läufer in der Komödienstraße. Dort übergebe ich der verdutzten Helferin meinen ersten Kleiderbeutel mit dem Hinweis, daß ich hoffe, auch den zweiten, welchen ich im Startbereich auf der anderen Rheinseite abzugeben gedenke, nach meinem hoffentlich zweiten Zieleinlauf, hier wiederfinden zu können. Augenscheinlich ist es der engagierten Dame nicht bekannt, daß einige wenige Doppelstarter vorhaben, die Strecke gleich zweimal in Angriff zu nehmen. Eine Nachfrage bei einem weiteren Helfer ergibt beruhigenderweise, daß die Organisatoren darauf vorbereitet seien und ich mich darauf verlassen könne, meine beiden Kleiderbeutel vereint im Ziel wiederzufinden.

8.30 Uhr. Es bleiben mir noch anderthalb Stunden bis zum Start des Inline-Marathons. Ich entschließe mich, die nahegelegene Filiale eines amerikanischen Fast-Food-Unternehmens aufzusuchen, um noch einen pappigen Bagel zu essen und einen lausigen Kakao zu trinken. Ferner nutze ich die wohl letzte - halbwegs hygienische und ungestörte - Möglichkeit zum Toilettengang.

Danach überquere ich die Hohenzollernbrücke und suche das auf dem Otto-Platz extra für die Doppelstarter eingerichtete Zelt zur Kleiderabgabe für den Wechsel vom Skaten zum Laufen auf. Ich schnalle mir meine Inline-Skates an und entledige mich meiner Trainingsbekleidung. Irgendwo auf dem Weg vom Bahnhof zum Startbereich sehe ich ein digitales Thermometer, das eine Temperatur von elf Grad Celsius verkündet. In meinem dünnen Renneinteiler beginne ich jetzt zu frieren. Der sporadische Regen tut ein Übriges, um mich in meiner Haut nicht behaglich zu fühlen.

Um 9.30 Uhr ist ein Pressetermin mit Photographen, Rundfunkleuten sowie Kamerateams des Fernsehens anberaumt. Die kleine Schar von 21 Doppelstartern ist den Medien eine gewisse Aufmerksamkeit wert. Die Initiatorin bzw. Erfinderin dieses - meines Wissens nach - in Deutschland einmaligen Doppel-Wettbewerbs ist dementsprechend der Star. Die Vertreter der Medien umringen die zierliche Frau für Minuten. Nachdem die Teilnehmer ausgiebig abgelichtet und teilweise auch interviewt worden sind, ergibt sich die Möglichkeit zu ersten Gesprächen zwischen uns Athleten. Es werden mögliche oder erhoffte Zeiten, aber auch die Wetterbedingungen und deren Auswirkung auf den Wettkampf diskutiert.

Ich ängstige mich derweil immer mehr wegen der regnerischen Verhältnisse. Da ich noch niemals im Regen auf Inline-Skates gestanden habe und generell bislang nicht wirklich viel Erfahrung auf den Rollen sammeln konnte, stellt sich mir die drängende Frage, wie ich denn unbeschadet das Ziel erreichen soll. Zu allem Überfluß habe ich meine Knieschützer vergessen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon mit zertrümmerter Kniescheibe und anderen ernsthaften Verletzungen auf dem Weg ins Hospital.

9.45 Uhr. Wir, die kleine Schar von Doppelstartern, werden von Mitarbeitern der Veranstaltungsleitung durch die mittlerweile unüberschaubare Zahl von Teilnehmern des Inline-Marathons in Richtung Startlinie geführt. Es entwickelt sich in mir ein vorfreudiges Gefühl. Die Tatsache, daß wir derart privilegiert behandelt werden, ist für einen Breitensportler wie mich eine neue Erfahrung. Unsere Gruppe nimmt in vorderster Reihe Aufstellung, gleich mit den Top-Athleten.

Eine Mischung aus kölschem Liedgut und eingängigen Chart-Ohrwürmern sorgt in den letzten bangen Minuten vor dem Start für eine zappelige Euphorie der Sportler. Der Moderator begrüßt Honoratioren, gibt lockere, aber nur mäßig unterhaltsame Sprüche von sich und kann - wir sind ja in Köln - nicht davon absehen, die obligatorischen Witze über die Stadt Düsseldorf und deren Bevölkerung zu machen. Links neben mir regt sich auch prompt der leise Protest eines Bewohners des Dorfes an der Düssel.

Derweil konzentriere ich mich darauf, in dem Geschiebe nicht das Gleichgewicht zu verlieren und meinen Herzfrequenzmesser zu justieren. Da ich mir bewußt bin, daß ich das Tempo der um mich versammelten Profi-Athleten nicht werde mitgehen können, lasse ich einigen hektischen und übereifrigen Kandidaten höflich den Vortritt. Mir kann es gleich sein, ob ich zwanzig oder dreißig Sekunden nach dem Startschuß die Linie überquere. Entscheidend ist ohnehin nur die Netto-Zeit.

10 Uhr. Die letzten Sekunden bis zum Start verrinnen. Es wird ein Countdown von zehn gezählt, ich tripple unbeholfen los, aktiviere meine Stoppuhr. Schon überquere ich die rote Matte, die der Zeitmessung dient, und befinde mich auf meinem einsamen Weg zum Ziel in über 42 Kilometern Entfernung. Zu meinem Leidwesen gießt es nun in Strömen.

Schnell merke ich, daß meine Befürchtung, den Spitzen-Athleten leider ein Hemmschuh zu sein, nicht gänzlich unbegründet war. Ich fahre also an den Rand der Strecke, damit die Cracks innen an mir vorbeiziehen können.

Ich überquere den Scheitelpunkt der Deutzer Brücke und blicke mit einem mulmigen Gefühl auf die bevorstehende Abfahrt. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, daß am Ende der rasanten Abfahrt vor einer tückischen Überquerung von Straßenbahngleisen gewarnt wurde.

Diese für mich ebenfalls neue Herausforderung meistere ich ohne große Komplikationen und versuche nun erstmals, einen Eindruck von der Stimmung am Rande der Strecke und der Anzahl der Zuschauer zu gewinnen. Es sind schon einige Leute versammelt, allerdings werden die meisten wohl erst zum Lauf-Marathon erscheinen. Da das Wetter jedoch nicht unbedingt einladend ist, freue ich mich sehr über das rege Interesse.

Ich belaste gerade mein rechtes Bein, da merke ich urplötzlich, daß ich wegzurutschen drohe - ich befinde mich auf einem der weißen Richtungsspfeile der Fahrbahn. Durch die Nässe wird die auf den Straßenbelag aufgetragene Farbe glatt wie eine Eisfläche. Meine erste Lektion dieses Inline-Marathons lautet somit: Halte Dich von den Markierungen fern und achte auf die kreuzenden Schienenstränge.

Zwischen Barbarossaplatz und Ubierring folgen bereits die nächsten Hindernisse. Mir war gar nicht bewußt, daß es in Köln eine solche Vielzahl von Schlaglöchern, Rissen und Dellen in den Straßen gibt.

Ich fokussiere in der Folgezeit fast ausschließlich den Fahrbahnbelag. Die Zuschauer und deren wohlwollende Anfeuerungen vernehme ich kaum. Von Zeit zu Zeit kann ich Sambarhythmen hören und auch spüren. In mir wächst aber die Gewißheit, daß ich diese Strecke nur bei aller Konzentration sturzfrei überstehen werde.

Die vielen Menschen am Chlodwigplatz nehme ich kaum wahr. Ein ums andere Mal muß ich fast akrobatische Einlagen vollführen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Meine Rollen haben kaum Grip.

Ich fahre am Rhein entlang. Ein Vorhang aus feinem Sprühregen, beschleunigt von böigem Wind, schlägt mir ins Gesicht. Ich erahne die entgegenkommenden Autos und kann deren Abgase riechen.

Verstohlen schaue ich auf meinen Herzfrequenzmesser, der einen Puls von 155 Schlägen pro Minute anzeigt. Viel zu hoch, denke ich. Zwanzig Schläge resultieren wohl aus meiner Verkrampftheit und Angst. Versuche Dich zu konzentrieren und ruhiger zu atmen, befehle ich mir.

Der Bayenthalgürtel stellt sich mir als besserer Feldweg dar. Kleine Löcher und Risse allenthalben, und die Alleebäume sorgen für einen kontinuierlichen Nachschub an verwelkten Blättern, welche danach trachten, mich zu Fall zu bringen. Doch irgendwann gelingt es mir, eine gewisse Sicherheit zu finden. Ich fühle mich von Kilometer zu Kilometer wohler und verliere die Scheu, kraftvoll zu skaten.

Dann passiert es: Auf der Bonner Straße kreuzen wieder einmal zwei Schienenstränge die Strecke. Ich erkenne dies allerdings lediglich daran, daß knapp dreißig Meter vor mir unvermittelt circa fünfzehn Inliner gleichzeitig stürzen. So "glücklicherweise" vorgewarnt, gelingt es mir, die gefährliche Stelle zu überqueren. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich die blutigen Ellenbogen und Knie der Gestürzten.

Es geht weiter bis zur Dürener Straße, in der ich hoffe, Bekannte und Freunde sehen zu können. Ich vermag aber nur wenige vertraute Gesichter zu erkennen. Auch egal - ich darf mich nicht ablenken lassen.

Kurz vor Kilometer 20 erreiche ich eine Verpflegungsstelle und schaffe es beim zweiten Versuch, einen mir von Helfern gereichten Becher zu ergattern. Zwar bin ich noch nicht durstig, glaube aber, die Gelegenheit zur Erfrischung nutzen zu müssen.

Ich passiere Ehrenfeld und gelange zum Hansaring. Auf der anderen Straßenseite kommen mir die Spitzensportler entgegen, die auf mich bereits einen Vorsprung von fast zwölf Kilometern herausfahren konnten.

Es geht in den Kölner Norden. Dort gibt es einen vier Kilometer langen Streckenabschnitt, der nur von den Inlinern zurückzulegen ist. Dafür werden diese in der Folge nicht die kopfsteingepflasterte Severinstraße absolvieren, was jedoch die Läufer müssen.

Mein Puls hat sich nun auf einen akzeptablen Wert um 140 Schläge eingependelt, mein Selbstvertrauen wächst. Unvermittelt taucht einige Zeit später - kurz vor dem Rudolfplatz - der Hinweis auf Kilometer 40 auf. Ich bin überrascht, nur noch etwas mehr als zwei Kilometer zurücklegen zu müssen. Auch der Regen hat zwischenzeitlich aufgehört, die Straßen sind aber noch immer naß.

Am Neumarkt biege ich in die Schildergasse ein und merke, daß der Bodenbelag aus in der Nässe rutschigen Steinplatten eine letzte Herausforderung an meinen Gleichgewichtssinn bedeuten wird. Bald geht es nach links in die Hohe Straße. Gedanklich bin ich schon im Ziel, da vollführe ich etwa fünfzig Meter vor Erreichen der Linie noch eine unbeholfene Pirouette und lande auf meinem Hinterteil. Zum Glück habe ich mir nichts getan. Ich rapple mich auf und höre, daß der Moderator den Zuschauern erklärt, der Teilnehmer mit der Startnummer D 201, Thomas Scholl, beabsichtige die Distanz nochmals in Laufschuhen zu absolvieren. Ich ärgere mich über seinen lapidaren Zusatz: "Ja, wer's denn braucht..."

Unwichtig, ich bin unverletzt im Ziel angekommen, das ist die Hauptsache. Die mäßige Zeit von 1:55:18 ist mir im Moment ebenfalls wurscht. Denn es heißt für mich, schnell den Ausgang zur Domplatte zu finden, um dann zum Ottoplatz zu skaten.

Ich steige ein paar Treppenstufen herunter, dann einige weitere wieder herauf, versuche, nicht in Hektik zu verfallen, weiß aber auch, daß der Startschuß zum Marathon bereits vor gut 25 Minuten erfolgte. Mir muß es gelingen, rechtzeitig vor den letzten Läufern auf die Strecke zu kommen, da ich ansonsten nicht mehr starten darf.

Nachdem ich den Vorplatz des Museum Ludwig mehr schlecht als recht überwunden habe, fahre ich über die Hohenzollernbrücke. Hunderte von Zuschauern, die den Start des Marathons verfolgt haben, machen sich nun in Richtung Dom auf und kommen mir demnach scharenweise entgegen. Ich rufe alle paar Sekunden ein warnendes "Vorsicht" in die Menge und hoffe, daß mir die Leute Platz machen werden. Ich habe Glück und vermeide um Haaresbreite eine Kollision mit einem Passanten.

Ich erreiche die Wechselzone, zerre mir die Inline-Skates von den Füßen und suche meinen Kleiderbeutel. Schnellstmöglich streife ich mir meinen durchnäßten Rennanzug vom Leib und steige in meinen Laufdress. Jetzt noch frische Socken und die Laufschuhe anziehen. Fast vergesse ich, den Zeitnahme-Chip von den Inlinern auf meinen Laufschuh zu wechseln.

Zwischenzeitlich sind zwei weitere Doppelstarter im Zelt angekommen, von denen einer unübersehbar einen schweren Sturz verkraften mußte. Er blutet am Ellenbogen und Unterarm. Unbeirrt hiervon kleidet aber auch er sich um. Ich schnappe mir vier Bananen aus meiner Tasche, verteile zwei an meine Mitstreiter, nehme mir noch ein Getränk und verlasse das Zelt.

Draußen erwartet mich ein Helfer, der mich zur Startlinie begleitet. Die ersten Schritte sind gewöhnungsbedürftig, da ich beim Skaten andere Muskelpartien belastet habe, als ich sie nun beim Laufen beanspruchen werde.

Derweil startet die vorletzte Läufergruppe. Mir wird geraten, mich vor dem Start des letzten Läufer-Segments einzureihen. Somit bleiben mir noch ein paar kostbare Minuten zur Erholung. Ich versuche, meine Beine ein wenig zu lockern.

Nachdem die letzten Läufer der Gruppe "Magenta" die Startlinie passiert haben, bekomme ich das Okay zum Start. Diesmal vollkommen alleine, trete ich zum zweiten Mal am heutigen Tag zur Zeitnahme, starte die Stoppfunktion meiner Uhr und beginne, behutsam zu laufen.

Sehr schnell schließe ich zu den vor mir gestarteten Läufern auf. Ich merke, daß es für mich schwierig sein wird, mein eigenes Tempo verfolgen zu können, da ich ja erst all die langsameren Läufer des Feldes überholen muß. Meine Marathon-Bestzeit liegt bei drei Stunden und neun Minuten, diese Sportler benötigen aber circa zwei Stunden mehr für die Distanz. Teilweise ist durch die sprichwörtliche Wand von Menschen kein Durchkommen zu finden. Ansonsten versuche ich mich am Rande der Strecke an den anderen Sportlern vorbeizumogeln.

Meine ersten Zwischenzeiten sind alles andere als ermutigend. Es gelingt mir nicht, um die fünf Minuten pro Kilometer zu laufen. War ich zu Beginn des Inline-Marathons eine Bremse für so manchen anderen Teilnehmer, werde nun ich mit diesem Problem aus der anderen Perspektive konfrontiert.

Wie ich es mir gedacht habe, säumen mittlerweile deutlich mehr Zuschauer den Weg. Pünktlich zum Laufen zeigt sich auch die Sonne und mir fällt ein, daß ich meine Sonnenbrille, die ich normalerweise gerne trage, im Umkleidezelt vergessen habe.

Am Chlodwigplatz kann ich erstmals die tolle Stimmung genießen. Das rituelle Abklatschen der dargebotenen Kinderhände gehört ebenso dazu, wie das Schmunzeln über die Aufschriften der vielen Transparente mit ihren lustigen und motivierenden Kommentaren. Die Samba-Band gibt auch für uns Athleten im hinteren Feld alles. Viva Colonia!

Auch bei Kilometer sechs, am Agrippina-Ufer, schaffe ich es noch nicht, meinen Rhythmus zu finden. Aus Übermut mache ich einen großen Fehler: Da die Straße zur Zeit baulich verändert wird, säumt eine provisorische Beton-Barriere den Fahrbahnrand. Ich sehe die Möglichkeit, auf der anderen Seite dieses Hindernisses ein paar Langsamere zu überholen und stütze im Sprung mein rechtes Bein darauf. Die unvermittelte Belastung erweist sich jedoch als zu stark für meine Muskeln. Kaum auf der anderen Seite angekommen, fährt mir ein schmerzhafter Krampf in den inneren rechten Oberschenkel. Das war's dann wohl, denke ich verärgert, konzentriere mich aber darauf, den Muskel zu dehnen und zu lockern. Ich sehe die Teilnehmer, die ich in den letzten Minuten mühsam überholen konnte, in gleichmäßigem Fluß an mir vorbeiziehen.

Nach ein paar Minuten hört der krampfhafte Schmerz endlich auf. Ich steige geläutert und sehr vorsichtig zurück auf die Straße und nehme Tempo auf. Ich bemerke schnell, daß zwar ein leichtes Ziehen im Muskel bleibt, die Krampfgefahr allerdings gebannt zu sein scheint.

Von diesem Zeitpunkt an empfinde ich den Wettkampf als berauschendes Ereignis. Bei Kilometer zehn schaffe ich es, die Läufer der drei langsamsten Start-Gruppen hinter mir zu lassen. Ich trinke ein wenig und nehme erstmals ein wenig des kohlenhydratreichen Gels zu mir, das ich mit mir führe. Kilometer um Kilometer reift in mir die Erkenntnis, daß ich den Doppel-Marathon schaffen werde.

Auf den Ringen stehen die Zuschauer mittlerweile derart dicht gedrängt, daß fast schon zu wenig Platz für die Läufer bleibt. Dennoch spüre ich eine Gänsehaut und genieße das Erlebnis in vollen Zügen. Auf der Dürener Straße erkenne ich jetzt, beim zweiten Durchlauf, mehr vertraute Gesichter, als noch drei Stunden zuvor.

Von nun an trinke ich bei jeder Verpflegungsstelle und nehme Bananenstücke zu mir. Im Hinterkopf bleibt immer die Angst vor dem berüchtigten "Hunger-Ast", der alles zunichte machen kann.

In Nippes, bei Kilometer zweiunddreißig, fühle ich mich immer noch gut. Die Beine bereiten mir keine Probleme, mein Puls liegt bei ungefähr 145 Schlägen und die psychologisch wichtige Marke von nur noch zehn verbleibenden Kilometern, lässt mich unverdrossen mein Tempo beibehalten.

Die folgende Zeit vergeht wie im Flug: Nur noch fünf Kilometerchen sind es am Rudolfplatz. Ein letztes Mal geht es zum Chlodwigplatz, wo die Stimmung weiterhin grandios ist. Ich laufe unter der Severins-Torburg her und rieche die Essensgerüche aus den Kneipen im Vrings-Veedel. Manch ein Teilnehmer des Laufes läßt es sich so kurz vor dem Ziel nicht nehmen, ein von einfühlsamen Passanten dargebotenes Kölsch zu konsumieren. Ich forciere mein Tempo aus lauter Übermut.

Das Ziel vor Augen, sauge ich nochmals das Flair dieses tollen Sportereignisses auf. Jubelnde Menschen, soweit das Auge reicht und eine fröhliche Begeisterung auch auf den letzten Metern.

Ich kreuze die Cäcilienstraße und kann bald darauf die Turmspitzen des Doms sehen. Eine unbeschreibliche Erleichterung und Zufriedenheit macht sich in mir breit und ich balle vor Freude meine Fäuste, als Geste des Triumphes.

Nach 3.32:57 Stunden erreiche ich überglücklich das Ziel. Insgesamt benötigte ich für die fast 85 Kilometer 5 Stunden, 28 Minuten und 15 Sekunden.

Im Zielbereich stärke ich mich mit Krapfen, Blutwurst und Schmalzbroten. Während des Umziehens bleibt Zeit, sich mit anderen Finishern auszutauschen und das Erlebte zu verarbeiten. Meine beiden Kleiderbeutel haben zwischenzeitlich - wie versprochen - auch zusammengefunden.

Ich fühle mich einfach nur unheimlich gut und freue mich auf die Weißbiere, die ich mir gleich im "Haus Schwan" in Köln-Lindenthal gönnen werde.

Thomas Scholl, 1967 in Köln geboren, studierte u.a. Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften und machte sich dann in der Gastronomie selbständig. Diese Reportage über seinen Doppelstart beim Köln-Marathon ist seine erste Veröffentlichung; mittelfristig strebt er einen Wechsel in den Journalismus an. Zum ersten Mal legte er die Marathonstrecke 1997 in Köln zurück.

zurück zur Startseite