Kohldampf, Knast
un Kamelle

Edelweißpiraten als Widerständler anerkannt - Jean Jülich erzählt sein Leben Es hat beinahe 60 Jahre gedauert, doch nun sind die Edelweißpiraten vom Kölner Regierungspräsidenten Jürgen Roters als Widerstandsgruppe anerkannt worden. Der Vorwurf, es habe sich bei ihnen um eine Gruppe krimineller Jugendlicher gehandelt, ist endgültig vom Tisch. Roters betont die Verantwortung der Wiedergutmachungsstelle seiner Behörde, die jahrzehntelang Akten von Hitlers Gestapo mehr Glauben als den Aussagen der Verfolgten geschenkt habe. Deshalb werde ein Trakt des Gebäudes der Bezirksregierung zu Ehren der Edelweißpiraten umbenannt. Diese hatten u.a. Juden, Deserteure und Zwangsarbeiter versteckt und mit Lebensmitteln versorgt. Die nach dem gleichnamigen Kölner Stadtteil benannte Ehrenfelder Gruppe trat besonders in Erscheinung, verübte Sabotageakte und Attentate auf NS-Funktionäre. 13 von ihnen, der Jüngste gerade einmal 16 Jahre alt, wurden am 10. November 1944 ohne Gerichtsurteil von den Nazis erhängt. Am Ort dieser üblen Schandtat wurde am 9. November 2003 ein Gedenktafel enthüllt. Rechtzeitig dazu ist mit Kohldampf, Knast und Kamelle aus der Feder von Jean Jülich im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag die unter die Haut gehende Autobiographie eines der wenigen noch lebenden Edelweißpiraten erschienen (ISBN 3-462-03540-1, 19,90).

Der Kölner Rockmusiker Wolfgang Niedecken hat völlig recht, wenn er im Vorwort schreibt, daß man dieses Buch nicht mehr beiseite legen kann, bis man es durch hat. Denn es gelingt dem Autor Jean Jülich, sein von Tiefen und Höhen geprägtes Leben ohne Pathos so zu erzählen, daß man meint, bei Leid und Freud mitempfinden zu können. Natürlich ist das bei den Grausamkeiten, die die Nazis im allgemeinen und die Gestapo im besonderen den unangepaßten, zunächst eher unpolitischen Jugendlichen angetan haben, unmöglich. Doch die Darstellung macht alles sehr plastisch.

Jean Jülich erblickte 1929 das Licht der Welt. Er kommentiert das so: "Nach der Geburt gibt es kein Zurück." Er berichtet von unbeschwerten Kindertagen unter äußerst bescheidenen Lebensumständen, die er, weil sein Vater als Funktionär der Kommunistischen Partei in den Untergrund ging, größtenteils bei seinen Großeltern verlebte und von kinderverachtenden Umständen im katholischen Heim "Klapperhof", in dem er durch die Verhaftung seiner Großmutter neun Monate in Angst und Schrecken verbringen mußte.

Dabei läßt er die kleinen Freuden nicht aus. Einmal beispielsweise wurden alle Kinder aus den Kölner Heimen zum Flugplatz Butzweilerhof gebracht, weil dort der Nikolaus vom Himmel kam. Und zwar mit einer JU 52. Er brachte den Kleinen Spekulatius, Äpfel und Nüsse. Manche Kinder bekamen - angeblich, weil sie so brav gewesen waren - Tüten, auf denen der Nikolaus abgebildet war und durften die "Tante JU" zu einem Rundflug über Köln besteigen. Jülich darüber, daß er dazugehörte: "Das war der beste Beweis, daß der Vater im Himmel von meiner Not wußte und mich auf diese Weise belohnen wollte." Daß er den Kölner Dom damals von oben gesehen hat, werde er nie vergessen.

Er berichtet aus Sicht der Be- und Getroffenen von den schweren Bombenangriffen auf Köln, von 150prozentigen NS-Lehrern und trotz aller Gefahren mutig-liberalen Pädagogen.

Jean Jülichs Abneigung gegen die militärisch organisierte Hitlerjugend führte dazu, daß er sich den Edelweißpiraten anschloß. Die pflegten freie Jugendkultur ohne Hierarchie, sangen internationale Lieder. Und gerieten deshalb immer öfter zunächst mit der HJ, dann auch mit NS-Behörden aneinander.

Ein besonderes Verdienst Jean Jülichs ist, mit seinem Buch zu verdeutlichen, wie die ursprünglich einfach nur frei denkenden und unabhängig staatlicher Einflüsse handelnden Edelweißpiraten von ihren Widersachern beinahe folgerichtig politisiert wurden: Sie wehrten sich gegen Schikanen, die Machenschaften des Regimes.

In weiteren Verlauf unternahmen einige von ihnen bzw. aus ihrem Umfeld Sabotage- und andere gegen die Nazis gerichtete Akte und gerieten somit kollektiv ins Visier der Gestapo. Es folgten Verhaftungen. Jean Jülich wurde am 10. Oktober 1944 zunächst ins Kölner Gestapo-Quartier EL-DE-Haus, dann ins Gefängnis in der Abtei Brauweiler gebracht, wo er die Zeit bis kurz vor Kriegsende unter übelsten Umständen und ständiger Todesangst verbrachte. Zur Erinnerung: Er war damals 15 Jahre alt. Am 10. November 1944 wurden 13 seiner Freunde in Ehrenfeld ohne Gerichtsurteil hingerichtet.

Kurz vor Kriegsschluß wurde Jülich auf Umwegen in ein Gefängnis in Hessen verlegt und dann von der Amerikanern freigelassen. Doch er kehrte nicht in sein geliebtes Köln zurück, ohne zuvor mit einem geliehenen Fahrrad ein anderes Gefängnis aufzusuchen, um dort durch seine Zeugenaussage auch für die Freilassung von einem seiner Freunde zu sorgen.

© by Kiepenheuer & Witsch Verlag Auch hinsichtlich der Nachkriegszeit ist Jean Jülichs Buch ein eindrucksvolles Zeitzeugnis. Er berichtet davon, wie in den Hungerjahren quasi jeder - gelinde ausgedrückt - Konkurrent des anderen war, mit allem gehandelt wurde, bis schließlich mit der Währungsreform wieder Ordnung einzog, die aber eine Hackordnung blieb.

Jülich schlug sich als Bahnhofsbuchhändler, Kioskpächter und Schreibwarenhändler durch, mußte letztlich aber Konkurs anmelden. Zwischenzeitlich hatte er, der sich einen "geborenen Vereinsmeier" nennt, den heute verbreiteten artistischen Karnevals-Tanzstil entwickelt und einen zuvor kaum beachteten Verein etabliert. Interessant auch hier, auf wen Verlaß ist, oder wer sich nur als Freund ausgibt. Eine Karnevalssitzung, betont Jülich, werde er so lange wie möglich als Präsident leiten: nämlich die, mit der im Laufe von nunmehr über 40 Jahren umgerechnet mehr als eine Million DM für Heimkinder erwirtschaftet worden ist.

Gemeinsam mit seiner Frau Karin baute Jean Jülich eine neue Existenz in der Gastronomie auf. Dabei gelang es ihm, die historische Severinstorburg als Veranstaltungsort für die Kölner Vereinswelt zu erobern.

Als in den achtziger Jahren durch einen Beitrag des ARD-Magazins Monitor die Frage der Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerständler - von bestimmten Seiten wurden sie immer noch als Kriminelle hingestellt - wieder hochkochte, wurde Jean Jülich zur zentralen Figur in dieser Diskussion. Er selbst war offizieller Widerständler, wollte diesen Status aber aufgeben, wenn dieser nicht auch seinen Freunden, den noch lebenden wie den toten, zuerkannt würde. Im April 1984 erhielt Jean Jülich die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden verleiht: den Yad Vashem-Orden. Seinen Baum an der "Allee der Gerechten unter den Völkern" auf dem Jerusalemer Herzlberg pflanzten, in seiner Anwesenheit, seine Kinder.

Als ein Beamter mit dem Hinweis darauf, daß der Edelweißpirat Bartholomäus Schink damals Jülichs Namen an die Gestapo verraten habe, einen Keil zwischen ihn und seine damaligen Freunde zu treiben versuchte, konterte Jean Jülich, daß dieser Beamte unter der Folter der Nazis wohl auch seine Familie verraten hätte. Zwischen ihm und seinem Freund "Barthel" Schink, nach dem inzwischen eine Straße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld benannt ist, sei alles im Reinen. Schink hatte Jülich schon in der Brauweiler´ Gestapo-Haft wissen lassen, daß er unter Qualen dessen Namen genannt hatte.

Diese Begebenheit ist ein gutes Argument dafür, Menschen - auch nicht im Entferntesten - in solche Situationen kommen zu lassen. Doch Anfang der neunziger Jahre wurden hierzulande von rechtsradikalen Wirrköpfen Menschen mit der Begründung verbrannt, daß sie keine Deutschen waren. Kölner Musiker planten daraufhin ein spontanes Konzert unter dem Titel "Arsch huh - Zäng ussenander" (=> "Hintern hoch - Zähne auseinander"). Die Veranstaltung wurde zu einem über die Grenzen Deutschlands hinaus unüberhörbaren Zeichen gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Die Kulisse für dieses Konzert bot die Severinstorburg.

Jülich sagte eine Band, "Brings", an. Ohne deren Namen genannt zu haben, erntete er für sein Bekenntnis zu dem Edelweißpiraten anhaltenden Applaus von den 100.000 Besuchern. "In diesem Auenblick", so Jean Jülich, "war ich bestimmt der glücklichste Mensch unter dem grau verhangenen Novemberhimmel in der Kölner Südstadt."


zurück zur Startseite