Fachmann mit einem Giga-Floh

Eine fast wahre Geschichte

Von Daniela Siebel

Die Autorin Daniela Siebel mit ihrem Lektor Julius alias Jürgen Streich. © by Heinz-Dieter Kann Als Schriftstellerin habe ich sehr viel mit Computern zu tun. Ich schreibe meine Texte mit wenigen Ausnahmen am Computer und deshalb muß die Technik einwandfrei funktionieren. Vor kurzem war ich bei meinem guten Freund und Lektor Julius, seines Zeichens Journalist und hervorragender Sachbuchautor, um an seinem neuen Computer mein Buch zu bearbeiten. Den Computer hatte er von dem Gitarrenlehrer seiner Lebensgefährtin Elisa gekauft, der nebenbei noch ein Computergeschäft hatte.

Julius legte die Diskette ein, die ich mitgebracht hatte, ein Bild erschien und verschwand sofort wieder. Der Bildschirm strahlte uns in tiefem Schwarz entgegen. Da sich nichts mehr zu ereignen schien, schaltete Julius den Computer aus, wartete eine Weile und startete ihn wieder. Der Monitor zeigte ein Bild, aber wie zuvor nur kurz, dann war der Bildschirm wieder tief schwarz. Das Drücken aller vorhandenen Tasten und Knöpfe des Monitors brachte keinerlei Erfolg, genau wie das Rütteln, das Schreien, das Flehen und die Drohungen, den Computer nie wieder einzuschalten. Das Gerät blieb unbeeindruckt und der Bildschirm tief schwarz.

Julius schlug vor, einen Computerspezialisten um Hilfe zu bitten und rief den Computerfachhandel an, der dem Gitarrenlehrer von Elisa gehörte. Der Chef persönlich war am Apparat. Julius beschrieb ihm das Verhalten des Computers und der Chef schlug vor, den Computer ganz auszuschalten, eine Weile zu warten und ihn dann neu zu starten. Daß wir das schon erfolglos probiert hatten, überhörte er. Wie schon zuvor blitzte das Bild kurz auf und verschwand dann wieder im Dunkeln. Der Fachmann wußte nun sofort, daß man dies nicht am Telefon regeln könne und bat Julius, den Computer ins Geschäft zu bringen.

Julius nahm den Rechner und wir fuhren gemeinsam in das Computergeschäft, wo wir erst einmal eine halbe Stunde auf den Chef, der gerade im Hinterzimmer Gitarrenunterricht gab, warten mußten. Als er fertig gezupft hatte, verwandelte er sich in den Computerfachmann und empfing uns mit breitem Lachen in seinem Büro. Julius erörterte die Sachlage und der Chef schaute sich den Rechner an. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er betrachtete das Gerät von allen Seiten und kam dann zu dem Schluß, dass man auf den ersten Blick nichts erkennen könne. Dies war uns nicht neu.

Dann schloß der Fachmann den Rechner an einen Monitor und eine Tastatur an und schaltete ihn ein. Ein Bild erschien ganz kurz, um nach zwei Sekunden wieder zu verschwinden. Der Fachmann blickte uns an.

"Das Bild ist verschwunden!" meinte er. Wir nickten. Eine Weile standen wir drei schweigend da und blickten ratlos auf den Computer. Julius und ich schauten hin und wieder den Fachmann an, der sich nach unserer Erwartung doch eigentlich damit auskennen müßte.

Julius ergriff als erster das Wort: "Haben Sie eine Idee, was das sein könnte?"

"Nun", meinte der Chef zögernd, "das dürfte eigentlich nicht passieren. Ich habe ihn sachgemäß zusammengebaut." Das war für meinen Lektor neu. Er war der Ansicht gewesen, einen fabrikneuen Computer gekauft zu haben und fragte nach.

"Ach, ich hatte Ihnen nicht gesagt, daß dies ein von mir zusammengebautes Modell ist? Oh!" Er lachte etwas verschüchtert. "Das habe ich wohl vergessen! Aber daran liegt es nicht. Keine Sorge, der Computer ist völlig in Ordnung! Er ist nur etwas besonderes."

Der Computer konnte so besonders sein wie er wollte, jedenfalls funktionierte er nicht. Und genau dieser kleine Makel störte Julius verständlicherweise sehr. Das machte er dem Fachmann auch unmißverständlich klar, woraufhin der noch mal angestrengt überlegte. "Es ist wahrscheinlich die Festplatte. Wir müssen die Festplatte austauschen!" sagte er allwissend.

"Aber ich habe den Computer doch erst vor ein paar Wochen gekauft. Warum soll die Festplatte denn jetzt schon defekt sein?"

"Nun", begann der Fachmann langsam, "es könnte sein, daß möglicherweise die Festplatte vielleicht schon, als ich sie einbaute, ein ganz klein bißchen defekt war." Ich konnte sehen, wie mein Lektor innerlich zu kochen begann.

"Ich bin Journalist, ich habe wichtige Informationen auf dieser Festplatte, die nicht verloren gehen dürfen!"

"Kein Problem. Wir kopieren alles auf die neue Platte." Dann entschwand der Chef und kam nach ein paar Minuten zurück. "Ich werde Ihnen bis heute abend eine andere Platte einbauen", sagte er und war auch schon wieder verschwunden.

Da Julius sich vor unterdrückter Wut nicht bewegte und nur angespannt dastand, schob ich ihn nach draußen. Er war natürlich zu recht aufgebracht. Mit beruhigenden Worten sprach ich auf ihn ein, daß sein Computer schon am Abend wieder ganz in Ordnung sein würde. Als wir am Auto ankamen, konnte er sich sogar wieder bewegen. Seine Wut entspannte sich, als wir um die nächste Ecke bogen und der Computerfachhandel im Rückspiegel nicht mehr zu sehen war. Und als die Wut fast verschwunden war, überfuhr er auch keine roten Ampeln mehr.

Am Abend suchten wir wieder das Computergeschäft auf, um den besonderen Computer mit der neuen Festplatte abzuholen. Wir stellten uns bei einem Verkäufer vor, der den Chef holte. Der Fachmann kam mit breitem Lächeln, das alle seine Zähne zeigte, und führte uns zu einem Tisch, auf dem der Computer stand. Er schaltete den Rechner ein und er funktionierte, wie er funktionieren sollte. Mit noch breiterem Lächeln, das noch mehr Zähne zeigte, triumphierte der Fachmann und klickte mit der Maus verschiedene Dateien an, um uns zu zeigen, daß das Gerät tatsächlich in bestem Zustand sei.

Julius war erleichtert. Er nahm den Rechner unter den Arm und ich packte die alte Festplatte ein, die angeblich immerhin noch zur Datensicherung taugte. Wir wollten uns gerade verabschieden, da präsentierte uns der immer noch breit grinsende Computerfachmann eine Rechnung. Für die neue Festplatte und deren Einbau. Julius hätte fast das Gerät fallengelassen. Mit der Dreistigkeit, eine Rechnung zu schreiben für das Ersetzen einer vom Fachmann eingebauten defekten Festplatte gegen eine neue hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Julius stellte den Rechner ab und sah sich die Rechnung genauer an. Ich konnte eine dreistellige Zahl erkennen und schüttelte nur den Kopf.

"Was soll das?" fragte mein Lektor. "Sie müssen mir die defekte Festplatte, die ja schließlich von Ihnen eingebaut worden war, kostenlos ersetzen."

"Oh, nein, nein!" meinte der Chef, nun nicht mehr ganz so breit lächelnd, aber immer noch triumphierend. "Was neu ist, muß bezahlt werden. Sie hatten ja schließlich keine Garantie. Und die Kosten für das Einbauen habe ich einzeln aufgelistet. Sehen Sie!" Er wollte Julius die genauen Kosten auf der Rechnung zeigen, aber der griff seinen Computer und verließ wütend das Geschäft.

Ich half noch, das Gerät anzuschließen und fuhr dann nach Hause. Am nächsten Morgen wollten wir uns wieder treffen, um an meinem Buch zu arbeiten. Als ich läutete, öffnete mir Elisa, die gerade zur Arbeit wollte. Sie schüttelte den Kopf und meinte: "Diese Computer sind Teufelszeug. Sie machen einen normalen Menschen verrückt. Ich habe keinen Computer und ich bin völlig ausgeglichen und entspannt."

Ich ahnte schon, was passiert war. Elisa verabschiedete sich und ich ging ins Arbeitszimmer. Dort saß ein genervter Julius mit zerzaustem Haar auf dem Boden vor dem Computer und schimpfte in tiefstem Kölner Dialekt, ohne Luft zu holen. Als er mich bemerkte, wünschte er mir einen guten Morgen, betonte aber gleich, daß der Morgen gar nicht gut sei. "Es ist eine Katastrophe, dieses Ding!" rief er, während er auf den Monitor zeigte, auf dem der Bildschirmschoner hektisch blinkte.

Ich erfuhr, daß der Computer ganze vier Stunden gut funktioniert hatte, bis plötzlich ohne Grund der Bildschirmschoner das Kommando übernahm. Dies dauerte nun schon etwa eine halbe Stunde und ging - gleich welche Taste man drückte - so weiter. Ich betrachtete das nervenaufreibende Schauspiel und war froh, daß mein Computer bis jetzt keine Probleme gemacht hatte. Dann hatte Julius genug und schaltete das Gerät aus.

Wir fuhren samt Rechner über rote Ampeln ins Computergeschäft. Als der Chef uns sah, war er sichtlich erstaunt. Was wir denn wollten, fragte er uns.

Julius baute sich vor ihm auf und verlangte, daß er auf der Stelle seinen Computer in Ordnung bringe. Er sprach sehr energisch. Der Fachmann nahm den Rechner, um ihn sich anzusehen. Mein Lektor erläuterte kurz in strengem Ton, welche Probleme der Computer diesmal gemacht hatte und blickte den Fachmann mit zusammengekniffenen Augen an.

Mit einem breiten, etwas verlegenen Grinsen meinte der, daß alles gar kein Problem sei. "Das ist schnell erledigt!"

"Gut!" meinte Julius. "Wir gehen jetzt frühstücken und danach kommen wir das Gerät abholen."

Wir wollten uns gerade umdrehen, um zu gehen, da meinte der Fachmann: "Um das in Ordnung zu bringen, bräuchte ich allerdings die alte Platte, auf der Sie ja Ihre Daten gesichert haben."

Wir fuhren also zu Julius nach Hause und holten die Platte. Als wir wieder ins Geschäft kamen, teilte uns der Chef mit, daß es womöglich etwas länger dauern könnte mit der Reparatur.

"Wie stellen Sie sich das denn vor?" rief Julius. "Ich sagte Ihnen bereits: Ich bin Journalist, ich brauche den Computer. Wie soll ich denn sonst arbeiten?" Er wollte gerade richtig loslegen und dem Chef ordentlich die Meinung sagen - worauf ich mich insgeheim schon gefreut hatte -, doch der Chef ergriff das Wort.

"Sie bekommen natürlich für die Reparaturzeit einen Leihcomputer. Wir bieten unseren Kunden schließlich einen guten Service." Mein Lektor war zwar immer noch aufgebracht, erklärte sich mit dieser Lösung aber notgedrungen einverstanden.

Der Chef führte uns zu ein paar Geräten, von denen er eines auswählte. "Wie wäre es mit diesem?" fragte er. Julius nickte und nahm den angebotene Rechner unter den Arm. Der Chef ging voraus und führte uns zur Verkaufstheke, wo Julius etwas unterschreiben mußte.

"Bestätigen Sie mir bitte hier, daß Sie dieses Gerät ausleihen und bitte unterschrieben Sie hier für die 200 Mark." Julius stockte. Auch ich mußte mir das Gehörte noch mal langsam vorsagen.

"Welche 200 Mark?" wollte Julius wissen. Der Chef war ein bißchen erstaunt über unsere Verwunderung.

"Na, die 200 Mark Leihgebühr für den Rechner!"

"Wie bitte?" stammelten Julius und ich im Chor. "Sie sagten doch etwas von Service!" meinte ich.

Der Chef lächelte wieder breit und zeigte alle seine Zähne: "Unser Service besteht im Verleihen. Nicht im kostenlosen Verleihen."

Ich bewunderte Julius, wie er so gefaßt blieb. Lediglich die Hand, die aber nur unmerklich zitterte, als er unterschrieb, verriet seine Wut.

Wir fuhren über alle roten Ampeln. Bei Julius zu Hause schlossen wir den teuren Leihcomputer an und konnten endlich arbeiten.

Am nächsten Tag, kurz nach Mittag, saßen wir in meinen Buchtext vertieft am Computer, als das Telefon klingelte. Mein Lektor nahm ab, hörte der Stimme zu und langsam veränderte sich sein Gesicht. Es wurde rot, dann lila und dann begannen sich die Gesichtszüge zu verkrampfen. Ich kannte dies von mir selbst. Das bedeutete, daß die Stimme nichts Erfreuliches gesagt hatte. Und so war es. Julius knallte den Hörer auf und blickte mich wütend an.

"Ich war's nicht!" rief ich vorsichtshalber, ohne zu wissen, was los war.

"Er will, daß ich den Computer zurückbringe", knurrte mein Lektor und riß die Kabel heraus.

"Wieso? Hast du etwa nicht genug Leihgebühr bezahlt?" fragte ich mit tief ironischem Unterton. Doch der Grund war ein ganz anderer. Der eigentliche Besitzer des Computers brauchte ihn dringend zurück! Der Computerfachmann hatte doch tatsächlich für 200 Mark einen Computer verliehen, der einem anderen Kunden gehörte! Ich begann zu begreifen, wie man Geld verdient.

Wir fuhren gegen sämtliche Verkehrsordnungen verstoßend zum Geschäft und suchten den Fachmann, um ihm ordentlich die Meinung zu sagen. Doch wir erfuhren, daß er bis auf unbestimmte Zeit nicht im Geschäft sei. Ich hätte schwören können, gesehen zu haben, wie er sich gerade unter einem Computertisch versteckt hatte, als wir hereingekommen waren. Aber Julius verlangte nur einen anderen Leihcomputer und wollte das Geschäft so schnell wie möglich verlassen.

Der neue Leihcomputer funktionierte tatsächlich. Endlich konnten wir ohne Unterbrechungen an meinem Buch arbeiten.

Nach drei Wochen wurde Julius langsam unruhig, da er noch immer nichts von dem Fachmann und seinem Computer gehört hatte. Er rief im Geschäft an, wo man ihm sagte, daß sein Computer schon seit zwei Wochen repariert dort stünde. Man hätte sich schon gewundert, warum er ihn noch nicht abgeholt hätte. Julius verkniff sich jeglichen Kommentar.

Wir unterbrachen die Arbeiten an meinem Buch und fuhren mit dem Leihcomputer ins Geschäft. Der Chef kam mit breitem Zahnpastagrinsen auf uns zu, führte uns zu Julius´ Computer und verabschiedete sich auffällig schnell. Julius kam das sehr seltsam vor. Er hielt den Chef am Ärmel fest. Der wollte sich losreissen, doch Julius - vor ein paar Jahren Vize-Weltmeister im Judo - hielt ihn mit Leichtigkeit fest und zog ihn zum Computer. "Ich möchte sehen, ob er funktioniert!"

"Aber natürlich funktioniert er!" rief der Fachmann, der versuchte, sich unbemerkt aus dem Griff meines Lektors zu befreien. "Er funktioniert wunderbar!"

"Ich will es sehen!"

"Das ist doch nicht nötig!"

"Doch! Ich will es sehen!"

"Aber wieso denn?"

Da die beiden sich wohl niemals einig geworden wären, schaltete ich den Computer ein. Das Bild erschien, es blinkte nicht und alles schien in Ordnung. Zur Sicherheit klickte ich meine Datei an, die in Julius' Computer gespeichert war. Julius schrie auf. Auch ich war entsetzt. Der Inhalt war verschwunden! Ich klickte eine andere Datei an und auch dieser Text war nicht mehr da. Julius zitterte am ganzen Leib. Als ich noch eine weitere Datei aufrufen wollte und auch deren Inhalt nicht mehr vorhanden war, hörte ich einen dumpfen Aufprall. Mein Lektor lag ohnmächtig am Boden.

"Was hat er denn?" fragte der Computerfachmann und blickte mich erstaunt an.

Nach zwei Tagen konnte Julius wieder sprechen, wenn auch nur stotternd. Nach weiteren 48 Stunden sogar schon wieder laufen. Nachdem er wieder gesund war, versuchte er, seine von dem Computerfachmann gelöschten Dateien zu rekonstruieren. Er mußte alles anhand seiner Erinnerung zusammenstellen, denn der Fachmann hatte sogar die Sicherheitskopie auf der alten Festplatte gelöscht. Doch mit viel Glück und hartnäckiger Ausdauer gelang es meinem Lektor, den größten Teil seiner Dateien wieder zu erarbeiten.

Als er nach einigen Wochen damit fertig war, rief er mich an, um mit mir weiter an dem Buch zu arbeiten. Wir beschäftigten uns den ganzen Morgen mit meinem Text und am Mittag brachte der Postbote einen Brief. Es war die erste Mahnung zur Zahlung von 800 Mark. Die Rechnung kam von dem Computerfachgeschäft. Julius las den Brief laut vor. Ich rannte zu ihm, um ihn aufzufangen, falls er wieder umkippen sollte, was verständlich gewesen wäre. Doch er fiel nicht um. Er ging statt dessen zum Telefon und rief einen Freund an. Der war Anwalt.

Er erzählte ihm die ganze Geschichte. Daß die Festplatte im Computer schon defekt war, als sie eingebaut worden war, daß diese Platte für 200 Mark gegen eine neue ausgetauscht worden war, die neue Platte aber immer noch Probleme gemacht hatte, daß bei der darauf folgenden Reparatur der Fachmann den gesamten Datenbestand und die Sicherheitskopie gelöscht hatte und dafür nun auch noch 800 Mark verlangte. Ich konnte den Anwalt bis zu meinem Platz lachen hören.

Julius hatte Schwierigkeiten seinem Freund klar zu machen, daß dies keine erfundene Geschichte war, sondern die traurige Wahrheit. Der Anwalt versprach, sich darum zu kümmern.

Am Abend kam Elisa ganz aufgeregt nach Hause. Sie nahm sich nicht mal die Zeit, Hallo zu sagen, sondern platzte mit einer Neuigkeit heraus. Die Freundin einer Arbeitskollegin von Elisa hatte einen Onkel, dessen Schwager immer mit unserem Computerfachmann Fußball spielte. So erfuhren wir, daß der Spezialist, fröhlich wie er war, über die Inhalte einiger Dateien aus Julius' Computer geplaudert hatte. Aus Dateien, die streng vertraulich waren. Julius, der sich als Journalist mit vielen brisanten Themen befaßte, war natürlich zutiefst beunruhigt über die Verbreitung geheimer Informationen. Er rief ein paar vertrauenswürdige Leute an, die ihm bestätigen konnten, daß der Chef des örtlichen Computerfachhandels Informationen von Julius' Festplatte weitererzählte.

Mein Lektor gab diesen weiteren Fall an den Anwalt weiter, der dem Fachmann eine Rechnung über 30.000 Mark Schadenersatz schrieb - für das rücksichtslose Löschen wichtiger Dateien, den unerlaubten Einblick in vertrauliche Texte und das Verbreiten geheimer Informationen.

Als das Verfahren vor Gericht ging, war mein Buch längst lektoriert. Und zwar an Julius' neuem und ganz einwandfrei funktionierendem Computer, den er von einem überprüften und fachlich kompetenten Computerspezialisten gekauft hatte.

Nach der ersten Verhandlung war sicher, daß sich das Verfahren noch über mindestens ein Jahr hinziehen würde, da der Fachmann nun plötzlich abstritt, Julius je gesehen zu haben. Da Julius sehr beschäftigt mit seiner Arbeit als Journalist, Sachbuchautor und Lektor war, hatte er keine Lust, sich ewig mit diesem Verfahren zu beschäftigen. So akzeptierte er die Regelung, daß keiner dem anderen etwas zahlen mußte und jeder seine Anwaltskosten selbst zu tragen hatte. Dabei kam Julius ganz gut weg. Denn da der Anwalt ein guter Freund von ihm war, mußte er lediglich ein Essen beim Italiener bezahlen, wo sie ihren Sieg über den Fachmann feierten. Es war zwar kein juristischer Sieg im eigentlichen Sinne, aber der Fachmann mußte Julius schriftlich mitteilen, daß es ihm leid täte, unerlaubt Einblick in persönliche Dateien genommen und über deren Inhalt mit mehreren Personen gesprochen zu haben. Außerdem mußte er seinen teuren Anwalt bezahlen, der pro Stunde mehr nahm, als der Fachmann in einer Woche verdiente. Wahrscheinlich führt er deshalb jetzt neben dem Computergeschäft und den Gitarrenstunden auch noch eine Hundeschule.

Neulich war eine Bekannte von Elisa mit ihrem Zwergpudel in dieser Hundeschule und erzählte ganz entsetzt, daß deren Inhaber - unser Computerfachmann - ihren Pudel mit einem Wolf verglichen und ihn auch so behandelt hatte. Daraufhin hatte Elisas Bekannte ausgeholt und dem Hundefachmann einen Kinnhaken versetzt. Das tat Julius verständlicherweise gut und er läßt sich besonders diesen Teil der Geschichte von der Bekannten immer wieder erzählen, während er gemütlich auf dem Sessel sitzt und genüßlich lauscht.

Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß Computer selbst schon äußerst kompliziert sind, doch zu wirklich nervtötenden Instrumenten werden sie erst, wenn sich unfähige Fachleute ihrer annehmen.


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