"Wie ein Schuß durch den Kopf"

Gerd Höht kämpft gegen die Umweltkrankheit MCS und Ignoranz

Er war ein erfolgreicher Sportler. Im Fußball brachte Gerd Höht, Jahrgang 1963, es schon in der Jugend bis in die höchste Klasse. Nachdem er aufgrund einer Verletzung die Sportart gewechselt hatte, spielte er schon bald in der Tischtennis-Oberliga. Sport war sein Leben.

Dennoch endete diese Karriere unerfreulich. 1998 bemerkte er mitten in einem Match erstmals ein unerklärliches Schwächegefühl. Er fühlte sich, als trage er Bleigewichte an den Gliedmaßen, die Hände zitterten. Anfang 2000 - er hatte es noch einmal probiert - ging es nicht mehr, Höht hängte den geliebten Sport endgültig an den Nagel.

Er hatte lange durchgehalten, denn zu diesem Zeitpunkt litt er bereits heftig, im beruflichen und privaten Leben war es schon weit bergab gegangen. Die Schwächeanfälle hatten sich gehäuft, so daß Gerd Höht, gelernter Maschinenschlosser und zuletzt als Feinmechaniker tätig, sich geradezu zur Arbeit quälen mußte. Und er befand sich inmitten einer Odyssee durch Arztpraxen.

Zwar waren ihm schon früher bei Kontakt mit Heizöl während der Arbeit die Nasenschleim- und die Augenbindehäute stark angeschwollen - bald darauf manifestierte sich eine Pollenallergie. Doch aufgrund einer Zahnbehandlung gerieten zunächst verschiedene Zahnfüllstoffe in Verdacht, verantwortlich für den rapiden gesundheitlichen Abstieg zu sein. Höht hatte ein Gold-Inlay erhalten. Das Edelmetall verträgt sich jedoch schlecht mit anderen Zahnmetallen, insbesondere dem Amalgam-Inhaltsstoff Quecksilber - zwischen beiden Elementen fließen Ströme. Zudem reagieren manche Menschen allergisch auf Gold.

Es folgten Kuriositäten: Einerseits wollte der Buschbeller Zahnarzt, der das Gold implantiert hatte, dieses nicht wieder entfernen, andererseits bestätigte ein Kölner Dentist Höht eine Gold-Unverträglichkeit. Der Frechener suchte Hilfe bei einem Münchener Spezialisten und fand sie auch. Obwohl er letztlich elf Zähne einbüßte, fühlte er sich endlich nicht mehr in Lebensgefahr. Zuvor waren nämlich noch starke Herzbeschwerden hinzugekommen.

Der Aufschwung war von kurzer Dauer. Zu den vorherigen Symptomen gesellten sich neurologische Probleme, wie etwa Kribbeln in den Gliedmaßen, Konzentrationsschwäche, Schweißausbrüche, Panik, keine Luft mehr zu bekommen. Schließlich kamen noch schwere Hautausschläge, insbesondere im Gesicht, hinzu. - Gerd Höht litt unter beinahe der gesamten Bandbreite der klassischen MCS-Symptomatik.

Hinter MCS (Multiple Chemical Sensitivity Syndrom) verbirgt sich eine umfassende, oft extreme Chemikaliensensibilität. Betroffene wie Gerd Höht können mitunter weder Bücher noch Zeitungen lesen, weil Papier und Druckerschwärze für sie gefährliche Stoffe enthalten. Sogar mit einem neuen Fernseher hat der ehemalige Leistungssportler Probleme, weil Flammschutzmittel ausgasen. Parfumgerüche und Zigarettenqualm hauen Höht im wahrsten Sinne des Wortes um. Autoabgase brachten ihn mehrfach dem körperlichen Zusammenbruch nahe. Dabei genügen meist geringe Mengen der jeweiligen Stoffe. Höht: "Ich bin empfindlicher als feine Meßgeräte." Durch eine Art Dominoeffekt kamen Überempfindlichkeiten gegen immer mehr Alltagschemikalien und auch Naturstoffe hinzu. Ein normales Leben mit Kino- oder Kneipenbesuch und Einkaufsbummel ist vor diesem Hintergrund nicht mehr möglich. Und die Auswahl von Hobbies sehr beschränkt.

Dabei plagt MCS-Patienten in Deutschland ein weiteres großes Problem: Die meisten Ärzte haben sich mit der immer mehr um sich greifenden Krankheit noch nicht näher beschäftigt, obwohl sie lange bekannt ist. Seit der Antike sind Symptom-Ketten nach Gifteinwirkung in der medizinischen Fachliteratur beschrieben, ebenso in Texten der Schriftsteller Marcel Proust und Edgar Allen Poe. Dennoch kommen immer wieder Situationen wie diese vor: "Einmal spritzte mir eine Zahnärztin Xylocain in eine Wunde, obwohl ich sie nachdrücklich gebeten hatte, darauf zu verzichten", berichtet Gerd Höht. "Das war wie ein Schuß durch den Kopf. Ich wußte anschließend nicht, wo ich mein Auto geparkt hatte und kannte den Weg nach Hause nicht mehr."

Darüber hinaus verweigern Krankenkassen und -versicherungen die Übernahme der immensen Behandlungskosten. Auch Berufsgenossenschaften und Behörden erkennen MCS kaum an. So sind die stark geschwächten und oftmals vereinsamten Patienten auf sich allein gestellt. Auf hohen Behandlungskosten bleiben sie meist sitzen, falls sie sich die teuren Therapien überhaupt leisten können.

Vor diesem Hintergrund verklagte Gerd Höht die Berufsgenossenschaft. Ungefähr gleichzeitig wollte die Landesversicherungsanstalt ihn in eine psychosomatische Klinik zwingen, indem sie andernfalls die Zahlungen einstellen würde. Von dem Chefarzt der betreffenden Klinik mußte Gerd Höht sich am Telefon eine Paranoia diagnostizieren lassen. Er mied dieses Krankenhaus daraufhin.

Das wiederum führte dazu, daß das Sozialgericht Köln Gerd Höht zur Begutachtung zu dem Kölner Arbeitsmediziner Hans Werner Chriske schickte. Höht bat den Verfasser dieser Zeilen, ihn als Zeuge zu begleiten, was auch geschah. Das Ergebnis war eine einzige Katastrophe. Der als industriefreundlicher Gutachter bekannte Chriske, der zudem Arzt der Kölner Feuerwehr ist, formulierte ein Gutachten, in dem er die Existenz der Krankheit MCS rundweg abstritt und Ergebnisse präsentierte, zu denen er aufgrund seiner Untersuchung gar nicht gelangt sein konnte. Andere Fachärzte stellte er schlicht als befangen dar. In einer vom Gericht angeforderten Stellungnahme zu der entsprechenden schriftlichen Zeugenaussage des Journalisten reagierte der Arzt überaus gereizt und erneut nicht der Wahrheit entsprechend. Informationen darüber, daß zahlreiche Gutachter vorgefertigte Textbausteine in ihren Computern gespeichert haben und diese einfach in ihre "Gutachten" einbauen, erhielten so weitere Nahrung. Und der Eindruck, daß manche Ärzte sich ihrer Verantwortung nicht bewußt, sondern vielmehr Teil der Probleme kranker Menschen sind und nicht etwa zu deren Lösung beitragen.

Dabei liest sich die Liste der Ärzte und Fachkliniken, die Gerd Höht inzwischen größtenteils auf eigene Faust und Kosten aufgesucht hat, wie das Who is Who der deutschen Umweltmedizin: Der Trierer Neurologe Peter Binz ist bundesweit anerkannter Spezialist auf dem Gebiet der Wirkungen von Insektenbekämpfungsmitteln und anderer Chemikalien auf Menschen, Klaus-Dietrich Runow aus Bad Emstal hat den Lymphozyten-Transformationstest zum Nachweis von Unverträglichkeiten sowie Methoden zur Desensibilisierung MCS-Kranker erfolgreich weiterentwickelt, Max Daunderer aus München die ensprechende Toxikologie vorangetrieben. Die Fachkliniken in Neukirchen (Bayern) und Bredstedt (Schleswig-Holstein) genießen internationalen Ruf bei der Diagnose und Behandlung von Umweltkrankheiten, die Praxis von Bodo Kuklinski in Rostock gilt als allererste Adresse in Sachen Umweltmedizin. Sie und zahlreiche weitere Ärzte haben Gerd Höht bestätigt, daß er an MCS leidet. Doch ein einzelner Arzt, der seine Voreingenommenheit auch noch unübersehbar dokumentiert, wischt dies alles nach einer kurzen Standard-Untersuchung beiseite und bereitet diesem und reihenweise anderen Patienten damit größte Probleme, die diese in ihren ohnedies schon schwierigen Lebenssituationen nicht auch noch gebrauchen können.

Wahrscheinlich ist es Gerd Höhts sportlicher Geist, trotz dieser widrigen Umstände für die Anerkennung seiner Krankheit - auch mit Blick auf die zahlreichen Mitbetroffenen - ebenso zu kämpfen wie um bestmögliche medizinische Hilfe. Die von Umweltmedizinern scharf kritisierte Psychiatrisierung von MCS-Patienten will er sich nicht gefallen lassen. Für seine Behandlung, chemiefreie Zimmerrenovierung etc. hat er bereits eine Summe ausgegeben, für die ein Neuwagen der gehobenen Mittelklasse erhältlich wäre. Er ist froh, auf Erspartes zurückgreifen zu können, doch diese Möglichkeit stößt längst an Grenzen.

Wenn dann noch Unterlagen beim Arbeitsamt verschlampt werden, sodaß immenser Zeitverlust, doppelter bürokratischer Aufwand und Zeiten ohne Zahlungen entstehen, ist das nicht nur ärgerlich. Solche Schlunzereien fördern die Krankheit und behindern die mögliche Reintegration arbeitswilliger Betroffener wie Gerd Höht extrem und belasten zudem die Allgemeinheit. Klar ist, daß vor einer später vielleicht möglichen Arbeitsaufnahme Höhts die Genesung von einer Krankheit stehen muß, deren Existenz auffälligerweise die chemische Industrie, ihr nahestehende Politiker und Ärzte, Behörden und ganz- oder halbstaatliche Einrichtungen sowie Berufsgenossenschaften in Abrede stellen - also all die Institutionen, die zahlen müßten, würde MCS endlich als das anerkannt, was es ist: eine schwere, von Menschen gemachte Krankheit. Und daß sich mit Standard-Gefälligkeitsgutachten schneller und leichter Geld verdienen läßt, als mit Gutachten, die auch ihren Namen verdienen, ist ebenfalls klar. Es stellt sich daher die Frage, ob ein Arzt wie Hans Werner Chriske den Text des Hippokratischen Eides nicht aus seinem Behandlungszimmer entfernen sollte, weil er dort nichts anders als Augenwischerei darstellt. Es kommt eben nicht nur auf Worte, sondern vielmehr auf entsprechende Taten an.

Seit März 1999 ist Gerd Höht arbeitsunfähig. Stoffe, mit denen sein Körper früher ganz normal fertig geworden wäre, überfordern sein Immunsystem nun völlig, die natürliche Entgiftung funktioniert nur noch schlecht. So wurden in seinem Blut zahlreiche Stoffe in Konzentrationen gefunden, die teils extrem über den ohnedies umstrittenen Grenzwerten lagen: Schwermetalle wie Cadmium, Zinn, Kupfer, Blei, darüber hinaus Benzol und verschiedene Ethylene. Mit einer alternativen Testmethode wurde, wie nicht anders zu erwarten, Quecksilber nachgewiesen.

Bei der Ursachensuche drängen sich Fragen nach der Vorbelastung durch die frühere berufliche Tätigkeit auf. Seit dem Besuch der Berufsfachschule für Technik in Horrem von 1978 bis 1980 und der anschließenden Lehre hatte Gerd Höht immer direkten Kontakt zu unterschiedlichen Ölen. "Wir haben bis zu den Ellbogen und mit den Füßen in Heiz-, Schmier-, Hydraulik- und Waffenöl gearbeitet und die Dämpfe permanent eingeatmet", erinnert er sich. Daß ständiger Kontakt mit Öl nicht zuletzt aufgrund der starken Verunreinigungen große Gesundheitsgefahren birgt, ist eine inzwischen anerkannte Tatsache. Höht kritisiert rückblickend den teilweise unsachgemäßen Umgang mit diesen Stoffen und erinnert sich auch an die gesundheitlichen Probleme seiner damaligen Kollegen. Der Trierer Neurologe und profilierte Umweltmediziner Peter Binz: "Die berufliche Exposition war bei Herrn Höht wahrscheinlich die bei weitem wichtigste."

Daß sein Patient sich derzeit "wenigstens nicht mehr lebensbedrohlich krank" fühlt, ist ausschließlich dessen eigener Initiative zu verdanken. Höht: "Ich mußte mich um alles selbst kümmern. Ärzte verweigerten mir Einweisungen in Fachkliniken und manche versuchen bis heute, meine Symptome psychosomatisch zu erklären."

Der Toxikologe Daunderer beispielsweise kommt ebenso, wie der Neukirchener Biochemiker Gruia Ionescu und der Umweltmediziner Runow zu dem Ergebnis, daß bei Gerd Höht nichts anderes als eine konsequente Entgiftung und Chemikalien-Desensibilisierung in Frage kommt. Der Neurologe Binz gibt zu bedenken, daß bei Entgiftungen die inkriminierten Stoffe aus vergleichsweise harmlosen Depots im Körper wie z.B. dem Fettgewebe wieder in den Blutkreislauf und mithin auch ins Gehirn geschwemmt werden können. Und die Desensibilisierung funktioniert, so der Nervenarzt, nur bei wenigen Stoffen. Gelingt sie, bedeute sie für den Patienten allerdings einen beachtlichen Fortschritt.

Gerd Höht hofft darauf. "Ich werde diesen Weg mit aller Konsequenz weitergehen", betont er. Das, obwohl seine Krankenkasse ihn weiterhin damit erpeßt, die Zahlungen einzustellen, wenn er sich nicht in psychologische Behandlung begibt. Dabei sind psychologische Kliniken naturgemäß nicht auf die bei MCS-Patienten zu beachtenden Besonderheiten eingerichtet.

Bei diesen Auseinandersetzungen findet Höht Unterstützung bei der Amalgam-Selbsthilfegruppe im Kölner "Gesundheitsladen" (Vondelstraße 28, 50677 Köln, Tel.: 0221-328724) und dem Verband arbeits- und berufsbedingt Erkrankter (AbeKra e.V., Vogelbergstr. 30a, 64574 Altenstadt, Tel.: 06047-952660).

Als eigentliche Ursache seiner Krankheit betrachtet Gerd Höht die Tatsache, als Angehöriger einer Generation aufgewachsen zu sein, die Umweltgifte "im wahrsten Sinne des Wortes mit der Muttermilch aufgesogen" hat. In den sechziger Jahren, als die Menschen heute mittleren Alters Kinder waren, deren Immunsysteme sich gerade im Aufbau befanden, wurden Gifte wie DDT und E-605 geradezu verpulvert, enthielten Autoabgase immense Bleimengen, gerieten die Rauchschwaden aus Kohlekraftwerken ungefiltert in die Atmosphäre, brachten die Atommächte bei ihren Waffentests radioaktive Elemente auf den Weg um die Welt. Unzähligen davon Betroffenen fehlt inzwischen die Kraft, sich mit den Verursachern auseinanderzusetzen und ihre Rechte einzufordern. Doch Gerd Höht betont mit Blick auf seine sportliche Vergangenheit: "Ich war schon immer ein Kämpfertyp." Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Wer ihn kennengelernt hat, glaubt ihm das.



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