William Rivers Pitt mit Scott Ritter
Krieg gegen den Irak
Was die Bush-Regierung verschweigt
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2002
ISBN 3-462-03211-9
6,90


Krieg gegen den Irak ist ein besonderes Buch, auf die Schnelle gemacht. Gut so. Vieles hätte vertieft, anders präsentiert werden können. Das aber hätte soviel Zeit erfordert, daß beim Erscheinungstermin alles zu spät gewesen wäre.

Der Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag hat sich entschlossen, ein Buch, das - unüblich - zu annähernd drei Vierteln aus einem einzigen Interview besteht, auf den Markt zu bringen, und zwar zum richtigen Zeitpunkt. Der Chef des Sachbuchprogrammes des Verlages, Lutz Dursthoff, hat die Wächter- und Aufklärungsfunktion der Medien, also auch der Buchverlage, über alles andere gestellt und dieses wichtige Buch zügig veröffentlicht.

Zum Inhalt: Der amerikanische Journalist William Rivers Pitt befragt den ehemaligen UN-Waffeninspekteur (1991 - 1998) Scott Ritter stundenlang. Ritter war im Golfkrieg Navy-Offizier, ist bis heute Mitglied der Republikanischen Partei und inzwischen einer der schäfsten Kritiker der Irak-Politik von Präsident George W. Bush. Sein Fazit: Der Irak ist aufgrund des damaligen Krieges, der anschließenden Inspektionen und Zerstörungen seiner Waffenproduktionsanlagen sowie des bis heute bestehenden Embargos nicht in der Lage, andere Staaten mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Würde das Regime Saddam Husseins entsprechende Programme betreiben, würde das Geheimdiensten wie der CIA nicht verborgen bleiben. Um solche Machenschaften zu unterbinden, bedürfte es keines Krieges, der viele Opfer fordern wird. Der Rest der Welt könnte jederzeit eingreifen, wenn es einen konkreten Grund dazu gibt.

Saddam Hussein, begründet William Rivers Pitt nachvollziehbar, ist zwar ein Despot, aber kein Fundamentalist. Würde er Mächten wie der El Kaida seine Waffen zur Verfügung stellen, würden Terrororganisationen dieses Teufelszeug zuerst Islam-intern gegen Saddam selbst einsetzen, weil dieser alles andere als linientreu ist. Davon abgesehen hätten die USA die UN-Waffeninspektionen im Irak derart zu eigenen geheimdienstlichen Ermittlungen mißbraucht, daß diese dadurch gescheitert seien. Jetzt daraus die Begründung für einen Krieg zu konstruieren sei nichts anders, als das Familientrauma der Bushs aus deren Sicht irgendwie zu lindern: daß Saddam weg muß, koste es, was es wolle. Der Sohn soll vollenden, was der Vater nicht geschafft hat. Dabei sei das, was nach einer Ablösung bzw. Beseitigung von Saddam folgen könne, völlig unklar. Ein demokratisches Regime werde jedenfalls nicht so schnell die Macht übernehmen. Ritter kennt den Irak aus jahrelanger Anschauung.

Öl spiele bei den Kriegsplänen eine gar nicht so wichtige Rolle, weil der Irak es im Gegenzug zur Aufhebung des Embargos liebend gerne liefern würde.

Scott Ritter plaudert aus dem Nähkästchen seiner Erfahrungen als UN-Waffeninsepkteur, was dem Buch hohe Aktualität verleiht. Seine Widersacher, teils ehemalige Kollegen, greift er hart an; allen voran den Australier Richard Butler, der die Inspektionen im Irak leitete. Der habe sich seinerzeit von CIA und der Washingtoner Regierung mißbrauchen lassen und so seinen wahren Auftraggeber, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, verraten. Doch jetzt, da die Fakten besonders dringend an die Öffentlichkeit gehörten, sei Butler, so Ritter sinngemäß, zu feige, mit ihm eine Fernsehdiskussion zu führen.

Ritter warnt drastisch: Sollte ein größeres Kontingent amerikanischer Soldaten in einem künftigen Golfkrieg isoliert und von der Versorgung abgeschnitten werden, würde die US-Regierung nicht vor dem Einsatz atomarer Waffen zurückschrecken. Von der Frage, ob sie diesen Schritt selbst unter einem kurzsichtigen Falken wie George W. Bush wirklich gehen würde, abgesehen: Ritter betont im selben Buch, daß der Irak militärisch völlig überschätzt wird. Hier liegt ein Widerspruch.

Dennoch hat er damit, daß ein Krieg gegen den Irak einen unkontrollierten Flächenbrand mit unabsehbaren Folgen auslösen kann, zweifellos recht. In einer Welt, in der Terroristen und Diktatoren bereit sind, Tausende Menschen zu ermorden, um ihre Macht zu beweisen, und die angeblich zivilisierte Welt im Gegenzug ihrerseits zu brutalsten Methoden greift, kann es sinnvoll sein, den Teufel an die Wand zu malen. Wichtig ist, daß die Warnungen ernstgenommen werden.

Vor diesem Hintergrund ist der Kiepenheuer & Witsch Verlag der Verantwortung der Medien mit der schnellen Veröffentlichung des Buches Krieg gegen den Irak in einer Weise nachgekommen, die heute leider nicht mehr üblich ist. Das Buch ist Pflichtlektüre für jeden Politiker und alle Menschen, die die Frage über Krieg und Frieden nicht den Regierungen überlassen wollen.


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