Herrn Bürgermeister
Hans-Willi Meier
Rathaus
Antoniterstraße
50226 Frechen

16. Dezember 2002

Schließung des JuKa / Bürgerbegehren gegen diesen Beschluß

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
lieber Hans-Willi Meier,

wie Sie wissen, befasse ich mich fast ausschließlich mit Themen, die die Zukunft der Menschheit betreffen. Als ich Ende der siebziger Jahre - noch im Teenie-Alter - begann, mich für Zukunftsthemen zu interessieren, stieß ich auf eine UN-Resolution, in der es sinngemäß hieß: Die Menschheit schuldet den Kindern das Beste, das sie zu geben hat.

Große Worte. Dennoch sind sie richtig. Man muß sie lediglich auf die Lebenswirklichkeit übertragen. Kinder sind nicht "schuld" daran, in welche Welt sie geboren werden. Kinder und Jugendliche verkörpern die Zukunft, und deshalb stimmt es, daß wir Erwachsenen ihnen bestmögliche Startbedingungen verschaffen müssen.

Es geht u.a. um bestmögliche Schul- und Berufsausbildung, damit die heute jungen Menschen später auf dem Arbeitsmarkt Chancen haben. Diejenigen, die von ihnen in Führungspositionen gelangen, sollen die Wirtschaft so lenken, daß weitere Generationen Zukunftschancen haben. Sie sollen nachhaltig wirken. Menschen, die sich ums Gemeinwohl kümmern, demokratische Politiker und gerechte Juristen sollen zudem aus ihnen werden. Und ich persönlich wünsche mir, daß auch wachsame Journalisten dabei sind, die das Ganze kritisch beobachten.

Ihnen, Herr Bürgermeister, muß niemand die Sache mit der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft erklären. Sie sind - davon bin ich fest überzeugt - Demokrat durch und durch. Und die beste Definition von Demokratie stammt von Abraham Lincoln, derzufolge sie "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk" ist. Ich bin sehr sicher, daß Sie und ich hierzu keinen Millimeter auseinander liegen.

Genauso sicher bin ich mir deshalb, daß Sie diesen Offenen Brief ebenso wenig als Affront gegen Sie oder die Fraktionen von CDU und FDP im Rat der Stadt Frechen verstehen, wie etwa als Parteiergreifen für die Gegenseite. Es geht mir vielmehr darum, Sie und alle Beteiligten eindringlich zu bitten, den "Gegenstand", um den es geht, wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Dieser ist nämlich keine Sache, um die Parteien oder andere Lobbyistengruppen so streiten dürfen, wie wir es von ihnen - leider - gewohnt sind. Nein, es geht um die Lebenswirklichkeit von vielen Kindern und Jugendlichen; auf weitere Sicht sogar um die von heute noch gar nicht geborenen Menschen.

Vor diesem Hintergrund ist die geplante Schließung des JuKa völlig inakzeptabel.

Finanzielle Gründe können nur vorgeschoben sein. Die Stadt hat auch in Zeiten knapper Kassen Geld für bemerkenswerte Anschaffungs- oder Nachbesserungsmaßnahmen. Natürlich haben Sie nicht die Aktivitäten oder Passivitäten von anderen Politikern, vor allem aber leitenden Verwaltungsmitarbeitern aus der Zeit vor Ihrer Bürgermeisterschaft zu verantworten. Dennoch wäre eine engagierte Recherche und juristische Überprüfung in manchen Fällen sehr aufschlußreich. Allein mit dem berühmten Wegloben von Personen auf Positionen, an denen sie zwar auf den ersten Blick "aus dem (Verwaltungs-)Geschäft" sind, dafür aber anderswo weiter gut dotiert Schaden für die Allgemeinheit anrichten können, ist es wirklich nicht getan. Es müßte stattdessen über Haftung nachgedacht werden. - Jedenfalls gibt es hinreichend Beispiele dafür, wo gespart werden könnte, wenn man sich über verschiedene Lobbyisten hinwegsetzen würde und man einmal von der Denkrichtung wegkäme, daß bestimmte Personen unbedingt versorgt werden müssen.

Weiterhin ist die fachliche Qualifikation der JuKa-Mitarbeiter bisher nicht angezweifelt worden. Der Weggang von Martin Schäfers nach Berlin kann diese - bei all seinen unzweifelhaften Verdiensten um die Frechener Jugendarbeit - keinesfalls so in den Abgrund reißen, daß die Schließung der betreffenden Einrichtung in Frage kommt. Auch, wenn der Vergleich leicht hinkt (aber eben nur sehr leicht): Würden die Frechener CDU und / oder die hiesige SPD sich ihre wesentlichen Aktivitäten etwa aus den Händen nehmen und weitgehend unterbinden lassen, nur weil ihre Vorsitzenden anderswo im Lande neue Jobs finden? - Bezogen auf die Trägerschaft des JuKa versucht die Ratsmehrheit derzeit aber genau dieses.

Wer sich näher mit der Materie beschäftigt, stößt ungeachtet dessen bald auf den wahren Grund: Es gibt alte Animositäten und offene Streitigkeiten zwischen den Verantwortlichen. Da wird dann leicht einmal die aktuelle Mehrheit benutzt, um ein Zeichen zu setzen. Das mag den Mitgliedern der entsprechenden Fraktionen später womöglich selbst nicht mehr gefallen, aber aus Gründen der Gesichtswahrung wagt man sich erfahrungsgemäß auch später nicht mehr dahinter zurück. Ein einmal angerichteter Schaden wird selten wiedergutgemacht. Es ist ein dummes Ritual in unserer Polit-Kultur, daß die Gegenseite dann meist ebenso starr auf ihren Positionen besteht. Dabei wäre Diplomatie das angezeigte Mittel. Im JuKa-Fall aber steht die Stadt starrsinnig da.

Doch statt Diplomatie zu üben, wird der Krach erwachsener Menschen auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen. Als hätten die in dieser Welt nicht schon genug Probleme. Wir diskutieren über Globalisierung und praktizieren diese längst, beteuern parallel dazu natürlich, daß Menschen Heimat im geographischen oder geistigen Sinne brauchen, und nehmen jungen Menschen ihr Jugendzentrum im direkten Wohnumfeld. Es ist absehbar, daß bald darauf noch mehr über "die Jugend von heute" hergezogen wird und man sich über Kriminalitäts- und andere Raten wundert. Statt jetzt etwas für die Jugend von heute und Verantwortungsträger von morgen zu tun.

Es geht nicht an, daß den heute jungen Menschen Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, die die Vertreter der mittleren und älteren Generationen schon länger mit sich herumschleppen, sich nur noch nicht untereinander um die Ohren geschlagen haben. Die Bevölkerung - laut unserer Verfassung übrigens der Souverän! - sähe es sehr viel lieber, wenn Politiker und Verbandsfunktionäre, gleich welcher Coleur, endlich im Sinne von Problemlösungen an einem Strang miteinander ziehen würden.

Sie, Herr Bürgermeister, können versichert sein, daß ich im Rahmen der für meine journalistischen Projekte notwendigen Recherchen immer deutlicher zu spüren bekomme, daß die meisten Menschen von Art und Auswirkungen parteipolitischer Auseinandersetzungen zunehmend angewidert sind und sich durch die gewählten Volksvertreter immer weniger vertreten fühlen. Engstirniger Parteienstreit und oft lächerliche Rechthaberei beherrschen die Debatten. Heraus kommt dabei meistens im Sinne der Allgemeinheit nichts. Oft sogar das Gegenteil des Angestrebten. Die Menschen, insbesondere junge, wenden sich ab von der Politik. So wird unsere Zukunft geplant?

Dabei könnten wir Kindern und Jugendlichen an praktischen Beispielen zeigen, daß sie uns wichtig sind; nicht nur als Rentenbeitrags-Zahler, sondern als lebendiges Sinnbild der Zukunft. Zum Beispiel, indem wir für bestmögliche Jugendbetreuung - u.a. im JuKa Frechen - sorgen. Viele andere Prestige- und Unsinnsprojekte sollten ruhig zurückstehen. Die Gesellschaft insgesamt wird ihren Nutzen davon haben.

Es heißt, Rheinländer seien tolerant. Toleranz ist Grundvoraussetzung für erfolgreiche Diplomatie. Und diese müßte zwischen den derzeit scheinbar unversöhnlichen Parteien zu ermöglichen sein. An für alle Ideen offenen Vermittlern soll es nicht scheitern.

Sollte die Entscheidung über das Wohl und Wehe des JuKa an kindischen Positionen Erwachsener scheitern, werden manche Kinder und Jugendliche Frechens mangels Betreuung auf Wege geraten, die uns allen nicht gefallen werden.

Ich will, sehr geehrter Herr Bürgermeister, keinen Teufel an die Wand malen. Aber haben wir uns nicht lange genug darüber aufgeregt, welche Blüten die Perspektivlosigkeit Jugendlicher im Osten getrieben hat?

Wir müßten es wirklich besser wissen. Offenkundig ist das aber nicht der Fall.

Ich bitte Sie und die Mitglieder Ihrer Fraktion daher sehr herzlich, sich auf das zu besinnen, worum es geht: das Wohl und Wehe zahlreicher Kinder und Jugendlicher. Lassen Sie allen Streit einfach beiseite! Dann - aber auch nur dann! - wird man zu positiven Entscheidungen für alle Beteiligten kommen. Das wäre vorbildliche Politik, die ja die Kunst des Möglichen sein soll.

Da ich bisher aber nicht erkennen kann, daß das leider übliche Parteien- und sonstige Gezänk im Sinne der Kinder und Jugendlichen vermieden wird, unterstütze ich das Bürgerbegehren mit dem Ziel, einen Bürgerentscheid über den Fortbestand des JuKa herbeizuführen. Mehr wirkliche Demokratie scheint bitter nötig zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr

Jürgen Streich


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