Ein unreifes "Plädoyer"

Kölner Stadt-Anzeiger: Pro PC-Killerspiele, kontra Medienkommissionen
Rubrik "Jetzt ich!" mitunter problematisch

Seit einigen Jahren veröffentlicht der Kölner Stadt-Anzeiger (KStA) - eine Tageszeitung mit einer Wochenend-Auflage von weit über 300.000 Exemplaren - in seinen Lokalausgaben die Rubrik "Junge Zeiten". Diese Seiten werden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrer Freizeit, angeleitet von Redakteuren des Blattes, gestaltet. - Eine verdienstvolle Sache, geht es doch ebenso darum, Beiträge von jungen Leuten für ihre Altersgenossen zu publizieren, wie möglichen Nachwuchs für den Journalistenberuf zu interessieren. Davon abgesehen kann es gesamtgesellschaftlich nur nützlich sein, wenn auch Menschen älterer Jahrgänge lesen, was "die Jugend von heute" bewegt.

Ungefähr zeitgleich hat der KStA die Rubrik "Jetzt ich!" eingeführt. Dort geben "Junge Zeiten"-Mitarbeiter an prominenter Stelle - in der Samstagsausgabe in einem Kasten auf Seite 2 mit Autorenfoto - ihre Meinung zu Themen der Zeit zum besten. Die Beiträge sind meist größer als die auf Seite 4 angesiedelten Kommentare der Profi-Journalisten. Und haben oftmals Themen zum Inhalt, für die ein wenig (Lebens-)Erfahrung, Recherche, kritische Auseinandersetzung nötig wäre. Doch wahrscheinlich in der guten Absicht, den "Junge Zeiten"-Mitarbeitern auch ein überregionales Sprachrohr zu geben, gehen die KStA-Verantwortlichen mit dem Inhalt der "Jetzt ich!"-Beiträge völlig unkritisch um. Hier dürfen nicht selten unwahre Dinge als Fakten hingestellt und entsprechend kommentiert werden. Nicht selten gibt es dann Claqueure in den Leserbriefspalten. So begibt man sich trotz bester Absicht leicht auf Stammtischniveau, das ein Blatt wie der KStA doch eigentlich überbieten will.

Ein aktuelles Beispiel ist der nachfolgende "Jetzt ich!"-Beitrag zum Thema PC-Killerspiele, der am ... im KStA erschien. Er darf meines Erachtens nach nicht unkommentiert bleiben. Deshalb finden Sie im Anschluß eine deutlich differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema aus der Feder von Dr. Rüdiger Penthin, Kinderarzt sowie Kinder- und Jugendpsychologe im schleswig-holsteinischen Schönberg mit einschlägigen Buchveröffentlichungen zur Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen.



Es kommt auf das Umfeld an

Killerspieler sind keine Experten zum Thema Gewalt

Betrachtungen von Dr. Rüdiger Penthin

© by Elisabeth Kann Die Diskussionswogen um Baller- und Killerspiele auf dem PC schlagen mal wieder hoch. Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten sein Leben und seine Freizeit zu gestalten, das ist im Rahmen pluralistischer Gesellschaftsformen normal. Bei manchen zumindest formal erwachsenen Zeitgenossen gehört offensichtlich die Beschäftigung mit den o.g. PC-Spielen zur beliebten Freizeitbeschäftigung. Wenn die betreffenden Personen keine sinnvollere Beschäftigung finden, ihre kostbare Lebenszeit zu gestalten, dann ist das natürlich letzlich ihr Problem, könnte man argumentieren. Das Problem sollte jedoch ein wenig tiefergehend beleuchtet werden:

Alle Menschen tragen die Fähigkeit zu aggressiven Handlungsmustern in sich. Alle Menschen erleben tagtäglich Ärgergefühle und vielleicht auch Wut. Für manche Zeitgenossen könnten Baller- und Killerspiele auch als aggressionsabbauende Ventile dienen. Aber diese durchaus sinnvolle Funktion zeigt sich nicht bei allen Gewaltspielkonsumenten. Daher muß die Gesellschaft wichtige Schutzfunktionen für Kinder und Heranwachsende übernehmen, die in diesem Falle von "Medienkommissionen" wahrgenommen werden und auch weiterhin wahrgenommen werden müssen. Denn allein die Tatsache, ein begeisterter Killerspielnutzer zu sein - wie der Autor des Artikels im Kölner Stadt-Anzeiger - befähigt noch nicht zu einer kompetenten kritschen Stellungnahme zu diesem Thema.

Es mag ja sein, daß es viele Volljährige gibt, die sich begeistert dieser Beschäftigung verschreiben, ohne Schaden zu nehmen (in dem Sinne, daß sie zu unberechenbaren Monstern würden). Es gibt jedoch nicht wenige Kinder und Heranwachsende, die in ihrer Gefühlswelt beeinträchtigt sind, da sie ungünstige, gewaltorientierte reale Lebenserfahrungen in Familie und ihrem sonstigen Umfeld machen. Viele dieser Kinder und Jugendlichen entwickeln massive psychische Auffälligkeiten wie Selbstwertstörungen und Ängste, die oft mit Gewaltbereitschaft kompensiert werden. Diese Personen können sehr wohl weiteren Schaden durch Killerspielkonsum nehmen, dadurch, daß sie die gewaltorientierten "Handlungs- und Lösungsmuster", die diese Spiele präsentieren, auch noch in ihrer Freizeit verinnerlichen und wohlwollende Gefühle für andere Menschen zunehmend abflachen. Gewalt wird von diesen Menschen zunehmend abgestumpft erlebt.

Die Behauptung, Kinder und Jugendliche wüssten immer, was gut für sie ist, nämlich das, was Spaß macht, ist sehr gewagt. Viele Menschen mit psychischen Erschütterungen entwickeln durchaus Spaß daran, anderen Menschen weh zu tun und andere zu verletzen. Sie ziehen daraus selbststabilisierende Kräfte um den Preis innerer Abstumpfung und Vereinsamung. Die potentiellen Opfer wiederum haben das Recht auf Unversehrtheit und diesbezüglich muß der Staat nicht nur reagierend (straftatverfolgend), sondern präventiv eingreifen, auch wenn dadurch der eine oder andere "gesunde" Killerspielnutzer in seiner Freiheit eingeschränkt wird.

Zwischenmenschliche Werte und Grundhaltungen wie Respekt vor anderen, Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl oder Hilfsbereitschaft sind grundlegende Fähigkeiten, die Menschen lernen müssen, damit ein weitestgehend friedliches gesellschaftliches Miteinander erst möglich wird. Eltern müssen diese Werte vorleben und destruktive Haltungen in sich selbst und in ihren Kindern hinterfragen. Die für die Gemeinschaft destruktiven Haltungen, wie Rücksichtslosigkeit, Gefühlskälte, Haß und Gewaltbereitschaft stecken grundsätzlich in uns allen. Kinder müssen in der Beziehung zu ihren Eltern oder anderen wohlwollenden Bezugspersonen erst lernen, egoistische Haltungen zu relativieren. Dazu gehört der Austausch mit den Eltern, das elterliche Vorbild, kurz: positive, gemeinsam erlebte Lebenszeit. Kinder, die mehr oder weniger vernachlässigt vor ihrem PC, der Videospielkonsole oder auch nur vor dem Fernseher hocken und ihren Frust in Gewaltspielen oder gewaltdominierten Filmen "bearbeiten", sind bemitleidenswert und eigentlich hilfebedürftig. Diese Kinder laufen Gefahr, vereinsamt und voller Wut auf den gesellschaftlichen Abstellgleisen zu landen, auch wenn ihnen die PC-Spiele mit ihren Ventilfunktionen "Spaß machen". Die in der Regel einsame Beschäftigung vor dem PC (auch wenn man das Gefühl hat, durch Internetspielpartner oder Netzwerkspiele nicht allein zu sein, besteht die Gefahr, in Wirklichkeit zunehmend zu vereinsamen) führt nicht dazu, soziale und kommunikative Kompetenz zu erreichen.

Somit muß die Gemeinschaft auf verschiedenen Ebenen daran arbeiten, daß es Kindern emotional besser geht: zwischenmenschliche Unterstützung von Eltern von den ersten Lebenstagen ihrer Kinder an, kompetente Kindergartenversorgung und Ganztagsbeschulung, Bereitstellung der Möglichkeit zur körperlich, geistig und emotional aktive Freizeitgestltung mit anderen Menschen für alle Kinder und Jugendlichen, Elterntrainings und Erziehungsunterstützung etc, und andererseits auch wachsame Arbeit von Medienkommissionen mit nötigenfalls sanktionierenden Konsequenzen. Solange es Menschen auf dieser Erde gibt, solange müssen sie immer wieder für humane Gesellschaftsformen, die die Menschenrechte und Menschenwürde respektieren, kämpfen. Dafür lohnt es sich, gerade auch für junge Menschen, zu streiten und sein aggressives Potential konstruktiv einzusetzen. Dann bräuchten die Menschen keine Gewaltspiele mehr.

In diesem Sinne: formale Mündigkeit ab 18 Jahren ist ja gut und schön. Wirkliche Mündigkeit zeigt sich jedoch erst in der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflektion. Und das braucht einfach Zeit, Lebenserfahrung und intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Diese Aspekte erhält man aber nicht durch Baller- und Killerspiele am PC.


zurück zur Startseite