Wenn´s  einer nicht
lassen kann, aber
besser lassen würde...
Erich Weber ist pensionierter Wirtschaftsredakteur und lebt im beschaulichen Erftstadt nicht weit von Köln und Bonn. Da er´s, wie viele Journalisten, einfach nicht lassen kann, nutzt er seine Zeit unter anderem dafür, Artikel für die sechsmal im Jahr mit einer Auflage von immerhin 100.000 Exemplaren erscheinende Seniorenzeitschrift Sechzig - Na und? zu verfassen. Einer davon erschien in der Ausgabe Nr. 1/1999 und hatte folgenden Wortlaut:

 

Nicht einmal
fragen dürfen?
EW. - Ein Fax vom 29. Oktober 1998 mit der aus Moskau erbetenen Nachfrage nach dem Verbleib eines Greenpeace-Mitarbeiters, der gegenüber russischen Unternehmen als "Regionalbeauftragter" der Umweltorganisation aufgetreten war, blieb von der Hamburger Greenpeace-Zentrale unbeantwortet.

Unter der von ihm gegenüber seinen russischen Gesprächspartnern verwendeten Anschrift war dieser Jürgen Streich unauffindbar geworden, das angegebene Telefon abgeschaltet. Auch die mahnende Fax-Bitte um eine Auskunft vom 9. November führte nicht zu der gewünschten Auskunft in dieser reichlich mysteriösen Angelegenheit.

Der harmlose Fax-Absender fragte sich erstaunt, was Greenpeace mit seinem sonst fordernden Anspruch auf Auskünfte von jedermann bei diesem jungen Mann wohl zu verbergen haben könnte. Oder arbeiten die Greenpeace-Mitarbeiter weltweit etwa konspirativ?

 

Dazu ein kollegialer Rat des Gesuchten:

Vor dem Schreiben
recherchieren!

Hätten Sie doch mal ein bißchen recherchiert, lieber Herr Kollege! Dann wären Ihnen Formulierungen wie "reichlich mysteriöse Angelegenheit" und die Frage danach, ob Greenpeace-Mitarbeiter "weltweit etwa konspirativ" arbeiten, in der Feder vertrocknet. Mit zwei Faxen war es ja nicht getan, wie man sieht.

Für den geneigten Leser hier die Erklärung: Ich erhielt den in der Tat mysteriösen Presseausschnitt auf Umwegen von Greenpeace - versehen mit einigen Anmerkungen: "Malitikow / Journi aus Rußl." und "ex-Weibi-Referent?" hieß es handschriftlich, "Jürgen: ..." (es folgt meine korrekte und aktuelle Telefonnummer, Anm. J.S.) ersichtlich von einem anderen Schreiber notiert, und "Erich Weber 02235-..." Der Rest dieser zweiten Telefonnummer war vom Kopiergerät abgeschnitten worden. Bei Greenpeace in Hamburg zerbrachen sich also auch einige Leute den Kopf darüber, wer denn nun dieser Jürgen Streich sein könnte.

Zum Verständnis: Nach der Veröffentlichung des unsäglichen Beitrages hatte Greenpeace sich wohl über die Redaktion die Nummer des Autors besorgt und diesen nach Hintergründen gefragt. Dabei muß der Name Malitikow gefallen sein. Der Ex-Vizeminister für Mittleren Maschinenbau der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, heutiger Moskauer Unternehmer und GUS-Funktionär in der Erwachsenenbildung, Prof. Jefim Malitikow, ist allerdings eben kein "Journi aus Rußl." Auch wenn wir ein freundschaftliches Verhältnis zueinander pflegen.

Überhaupt hätte man auch bei Greenpeace besser hinhören und dann selbst zielgerichteter - wie gelegentlich schon einmal - recherchieren sollen. Denn tatsächlich bin ich ein "ex Weibi-Referent" der Organisation, was bedeutet, daß ich, als Greenpeace die Weiterbildung der Mitglieder der regionalen Gruppen noch Geld wert war, Seminare über Pressearbeit für die Umweltschutzorganisation geleitet habe.

Dabei haben ich und von mir hinzugebetene erfahrene Gastreferenten immer wieder darauf hingewiesen, daß selbst noch so komplizierte Recherchen nicht in der weiten Welt, sondern fast immer auf dem Schreibtisch und im eigenen Archiv beginnen. In letzterem wären selbst Greenpeace-Leute, die erst seit kurzem dabei sind, fündig geworden. Oder auch im Internet. Schließlich habe ich einst ein Buch über die Umweltschutzorganisation geschrieben, dann eines in ihrem Auftrag (siehe "Eigene Bücher"). Ich war Greenpeace-Lobbyist in Bonn und habe an Aktionen teilgenommen. Die spätere Präsidentin von Greenpeace international, Cornelia Durrant, erinnert sich bis heute gut an unsere Zusammenarbeit und die Eigenheiten meines damaligen Hundes. Im Herst 1997 erschien mein Buch über die Mitgründerin von Greenpeace Deutschland, zwischenzeitliche Umweltministerin Niedersachsens und heutige Kulturausschußvorsitzende des Deutschen Bundestages, Monika Griefahn, für das mit Gerhard Wallmeyer der vielleicht wichtigste Mann von Greenpeace Deutschland einen Beitrag geschrieben hat. Auch andere Größen im Hamburger Büro wissen mit meinem Namen durchaus was anzufangen. Doch jüngere Regenbogenkriegern schrieben mich quasi zur Fahndung aus. Schließlich müßte man sich womöglich ja von mir distanzieren...

Zurück zu Jefim Malitikow. Der war in Moskau mit der Recherche-Koryphäe Erich Weber zusammengetroffen. Malitikow und ich hatten uns Ende 1996 während der Jahrestagung des Club of Rome in Puerto Rico kennengelernt. Als er über ein Jahr später mit Weber zusammensaß, hatte ich tatsächlich eine neue Adresse und auch eine andere Telefonnummer. Malitikow, der meine neue Erreichbarkeit zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, hatte zwischenzeitlich erfolglos versucht, mich zu kontaktieren, weil er mich während eines Deutschlandbesuches treffen wollte. Dumm gelaufen, wie man so sagt.

Deshalb fragte er Weber, ob er meine neue Anschrift und Telefonnummer ausfindig machen könne. Dabei schoß der Kollege im Unruhestand dann weit am Ziel vorbei. Und zwar mehrfach. Jefim Malitikow wußte von mir, daß ich Greenpeace einmal in Bonn vertreten hatte - woraus durch Übersetzungsfehler so etwas wie "Regionalbeauftragter" geworden sein kann. Tatsächlich war ich Mitte der achtziger Jahre für Greenpeace Deutschland und teils auch -international in der damaligen Bundeshauptstadt im Einsatz. Zudem war ich nicht "gegenüber russischen Unternehmen", sondern gegenüber einem einzigen russischen Unternehmer aufgetreten. Das, Herr Kollege Weber, ist ein riesengroßer Unterschied!

Journalisten sollten niemals in Revolverblatt-Jargon verfallen. Leider neigen manche dazu und verabschieden sich damit aus dem Kreis der seriösen Kolleginnen und Kollegen. Darüber hinaus bedeutet Seriosität innerhalb der Medienwelt, daß vor der Schreibe die Recherche steht. Doch sowohl inhaltliche wie stilistische Fragen standen bei Erich Weber nicht im Vordergrund, als er von dem prominenten Russen um Hilfe gebeten worden war und im Zuge seiner dilettantischen Kaum-Recherche eine Räuberpistole erahnte. Oder gar erhoffte.

Da ist von der "von ihm gegenüber seinen russischen Ansprechpartnern verwendeten Anschrift" (schon wieder der falsche Plural!) die Rede, dessen Telefon "abgeschaltet" sei. Dabei wohnt der Kollege so nah bei mir, daß er mich noch in seinem Telefonbuch, falls er denn ein aktuelles besitzt, hätte finden können. Aber auch ein Anruf bei der Auskunft hätte ihn deutlich weitergebracht. Es ist in Deutschland nämlich nur ein Jürgen Streich mit der Berufsbezeichnung Journalist eingetragen, wenn auch ohne Adresse. Doch Erich Weber hatte wohl schon in Moskau nicht richtig zugehört, also bereits die Grundrechere vergeigt.

Ich befasse mich inzwischen intensiv mit der Rolle und Verantwortung der Medien in dieser Welt. Wenn diese die "Vierte Gewalt" im positiven Sinne verkörpern wollen, dürfen Namen von Personen ungerechtfertigt ebenso wenig wie die von letztlich verdienstvollen Organisationen wie Greenpeace derart hingeschlurt und vage in die Nähe konspirativer Machenschaften gerückt werden.

Im Grunde aber muß ich Erich Weber dankbar sein. Er hat mir ein Paradebeispiel für den Umgang mit der Wahrheit verantwortungslos arbeitender Journalisten geliefert, das ich in Beiträgen, Seminaren und Gesprächen noch oft verwenden werde. Es wird viele - seriöse - Kolleginnen und Kollegen oder solche, die es werden wollen, erheitern! Und vielleicht auch den ein oder anderen Greenpeace-Mitarbeiter. Im Grunde aber ist die Sache bitter ernst.


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