Zum Tod der
Kinderbuchautorin
Astrid Lindgren


Der folgende Text ist - aus Anlaß des Todes von Astrid Lindgren vorab veröffentlicht - ein Auszug aus dem Manuskript des Buches Projekte der Hoffnung - Der Alternative Nobelpreis aus der Feder von Jürgen Streich, das in der zweiten Jahreshälfte 2002 erscheinen wird.

Astrid Lindgren, 1907 geboren, erhielt 1994 den Ehrenpreis zum Right Livelihood Award, dem "Alternativen Nobelpreis".

Leben und Wirken

Die bekannte Autorin wuchs auf einem Bauernhof in der Provinz Småland im Süden Schwedens auf, verbrachte aber ihr Erwachsenenleben in Stockholm - eine Tatsache, die wesentlichen Einfluß auf ihre schriftstellerische Arbeit hatte. Das Leben auf dem Lande stellte in ihren Erinnerungen insbesondere für Kinder eine Idylle dar. Sie selbst war aus dieser scheinbar heilen Welt im Alter von 18 Jahren in die Anonymität der Großstadt geflohen, weil sie ein uneheliches Kind erwartete, was seinerzeit noch als Makel galt. Sie heiratete sechs Jahre später, 1931. Für ihre 1934 geborene Tochter Karin erfand sie Pippi Langstrumpf, das starke Mädchen mit den abstehenden Zöpfen, das sich allen Konventionen widersetzte.

Astrid Lindgren erzählte ihren beiden Töchtern viele weitere von ihr erfundene Geschichten, die fast immer auf dem Lande spielten. Als sie dann einmal auf Glatteis ausrutschte und sich verletzte, begann sie in den Tagen, in denen sie das Haus nicht verlassen konnte, diese Geschichten aufzuschreiben. Dies führte zu einer beispiellosen Schriftstellerkarriere - Astrid Lindgren wurde zum Inbegriff der Kinderbuchautorin.

Ihre Bücher wurden in über 60 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von mehr als 130 Millionen. Viele Geschichten wurden verfilmt, Pippi Langstrumpf erlangte Kultstatus. Auch in den anderen Büchern von Astrid Lindgren geht es um Lebensfreude und Phantasie, wobei Mut, Zusammenhalt, Fairneß und Zivilcourage, aber auch Freiheit und Liebe zu Tieren und Natur wesentlich sind.

Große Erfolgsstories aus der Feder von Astrid Lindgren sind auch Der Detektiv Kalle Blomquist (1946), Die Kinder aus Bullerbü (1947), Karlsson vom Dach (1949), Mio, mein Mio (1954), Die Brüder Löwenherz (1973), Michel aus Lönneberga (1973) oder Ronja Räubertochter (1981). Mit diesen Geschichten, in denen die Autorin auch unangenehme Aspekte wie Trauer und Tod thematisierte, schrieb sie sich in die Herzen von Kindern und deren Eltern rund um den Globus.

Für ihr Werk hat Astrid Lindgren zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter die Nils Holgersson-Plakette (1950), den Hans Christian Andersen-Preis (1958), die Goldmedaille der Schwedischen Akademie (1971) und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1978).

Ihren Einfluß als hochgeschätzte schwedische Bürgerin setzte sie nur selten, dann aber gezielt ein. 1976 trug sie mit ihrer Kritik an der Steuerpolitik ihres Landes, die ihrer Ansicht nach zu Ausbeutung und zunehmender Verarmung der Bevölkerung führte, und ihrem Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei dazu bei, daß die schwedische Regierung ihre Haltung bald änderte. Später engagierte sie sich ebenso wirksam für den Tierschutz.

Astrid Lindgrens menschliche Wärme, ihr Idealismus und aufrechter Humanismus sind laut denjenigen, die sie kannten, ebenso Wesensmerkmale der Schriftstellerin, wie ihr Sinn für Humor. In einer offiziellen Stellungnahme des Schwedischen Institutes heißt es: "Wir sollten glücklich sein, daß es Astrid Lindgren ist, die für den Rest der Welt den schwedischen Geist verkörpert. Sie vertritt die Seite des Lebens gegen Gewalt und Stillstand."

Astrid Lindgren starb am 28. Januar 2002. Sie habe diese Welt, merkte der deutsche Bundespräsident Johannes Rau an, "reicher und bunter gemacht."

Die Begründung für die Verleihung des "Alternativen Nobelpreises":

‚Die Bücher von Astrid Lindgren haben die Phantasie und den Geist ganzer Generationen von Kindern und Erwachsenen beflügelt. Ihre in den achtziger Jahren geführte Kampagne gegen den Mißbrauch von Tieren führte zu einem der weltweit fortschrittlichsten Gesetze zum Schutz von Nutztieren. Die Jury ehrt ihren lebenslangen Einsatz für das Recht der Kinder, mit Liebe und Respekt vor ihrer Individualität erzogen zu werden. Mit dem Preis wird ihr Einsatz für Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, das Verständnis von Minderheiten und ihre Liebe für und Sorge um die Natur gewürdigt.'

Worte von Astrid Lindgren

Aus gesundheitlichen Gründen hielt Astrid Lindgren anläßlich der Verleihung des Ehrenpreises zum Alternativen Nobelpreis nur eine kurze Dankesrede. Deshalb ist hier ein Text der Schriftstellerin aus dem Jahre 1976 dokumentiert, den der Autor des vorliegenden Buches in der Praxis eines Kinderarztes in Norddeutschland gefunden hat:

Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter, als ihr kleiner Sohn etwas getan hatte, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb dann lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, "meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Ermahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selbst gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"

Gegen Ende ihres Lebens war Astrid Lindgren fast blind und konnte kaum noch hören, also auch kein Statement zur Bedeutung der Verleihung des Alternativen Nobelpreises an sie mehr abgeben. Deshalb an dieser Stelle lediglich ein Satz, der sie charakterisiert:

"Wenn ich nur eine einzige traurige Kindheit aufgeheitert habe, dann habe ich in meinem Leben etwas vollbracht."


zurück zur Startseite