Friedensnobelpreis
für Wangari Maathai

1984 bereits mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet Als Wangari Maathai und das von ihr gegründete Green Belt Movement den Alternativen Nobelpreise erhielten, begründete die Jury das damit, "daß sie aus der ökologischen Debatte in Kenia eine Massenbewegung formten." Nun, zwanzig Jahre später, erhält die am 1. April 1940 geborene Kenianerin auch den Friedensnobelpreis. Das Komitee betonte bei der Bekanntgabe, daß es damit "den Friedensbegriff bewußt erweitert" habe, denn "ohne eine intakte Umwelt gibt es keinen Frieden." - Diese Entscheidung ist besonders vor dem Hintergrund interessant, daß Jakob von Uexküll, bevor er aus privaten Mitteln den Alternativen Nobelpreis gründete, versucht hat, die Nobelpreisstiftung von der Notwendigkeit eines Umweltnobelpreises zu überzeugen. Kurz, nachdem der Wirtschaftsnobelpreis ins Leben gerufen worden war, sah das Komitee dafür aber keine Chance. Nun hat sich dessen Haltung dazu einschneidend geändert. Aus diesem Grunde veröffentliche ich hier vorab das Kapitel über Wangari Maathai aus meinem Buch Projekte der Hoffnung - 25 Jahre Alternativer Nobelpreis, das im Winter erscheint.

Welchen Wert die Anpflanzung und Versorgung von Bäumen für die Menschen eines Landes haben kann, beweist die Grüngürtelbewegung, ein Selbsthilfeprojekt kenianischer Frauen, eindrucksvoll. Durch die von der Bewegung geförderte Wiederaufforstung werden nicht nur die Gefahr von Bodenerosionen gemindert und wichtige Ressourcen wie etwa Brennholz erneuert, es ergeben sich darüber hinaus viele weitere positive Effekte. So werden Grüngürtel-Försterinnen und Baumschulhelferinnen ausgebildet, wodurch Arbeitsplätze entstehen und die gesellschaftliche Anerkennung der Frauen steigt. Gleichzeitig ermöglicht das Engagement den Frauen, Zusammenhänge zwischen Umweltschäden und den Problemen ihrer Familien wie beispielsweise Hunger und Krankheiten der Kinder zu erkennen und diesen aktiv zu begegnen.

Initialzündung der inzwischen mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneten Bewegung war eine Initiative der ersten afrikanischen Professorin, Wangari Maathai. Die Veterinärmedizinerin - sie hatte in Atchinson, Kansas, Pittsburgh und Deutschland studiert - hatte am Welt-Umwelttag des Jahres 1977, dem 5. Juni, im Rahmen einer Wiederaufforstungskampagne symbolisch den ersten Baum gepflanzt. Die Initiative wuchs sehr schnell. Bald schon mußten aufgrund der immensen Nachfrage nach Setzlingen hunderte Baumschulen gegründet werden. Der Name Grüngürtelbewegung war treffend, da die Bäume auch von zigtausenden Bauern und einer halben Million Schulkindern oft in Reihen um Farmen sowie Schul- und Kirchengrundstücke gepflanzt wurden und sich wie grüne Gürtel im ganzen Land verbreiteten.

Ursprünglich nur auf einen Teil der Stadt Nairobi beschränkt, gründete die Grüngürtelbewegung 1986 ein pan-afrikanisches Netzwerk, die Idee breitete sich u.a. auf Tansania, Zimbabwe, Uganda, Malawi, Lesotho und Äthiopien aus. Über 20 Millionen Bäume sind mittlerweile gepflanzt worden. Neben den Pflanzungen widmet sich die Bewegung erfolgreich auch anderen Aufgaben: Sie organisiert Kurse und vermittelt Wissen, mit dem Quantität und Qualität von Agrarprodukten verbessert werden können. Weiterhin bietet sie im Rahmen des Ökotourismus´ sogenannte "Green Belt Safaris" an, um zusätzliche Einnahmequellen zu nutzen. Außerdem trainiert die Grüngürtelbewegung ausgesuchte Interessentinnen darin, Umweltschutzprojekte in ihrer Heimat zu initiieren und zu betreuen.

Wangari Maathai, die von 1981 bis 1987 auch Vorsitzende des Nationalen Rates der Frauen war, ist heute weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus als einflußreiche Umweltaktivistin bekannt und wurde in die Unabhängige Arbeitsgemeinschaft zur Zukunft der Vereinten Nationen berufen. 1997 kandidierte Maathai bei der kenianischen Präsidentschaftswahl. Trotz ihrer Prominenz war sie zuvor mehrfach ins Gefängnis gesteckt und bei Angriffen verletzt worden. Ihr Mann, der in den siebziger Jahren im Parlament gesessen hatte (die beiden hatten drei Kinder miteinander), hatte sie bereits einige Jahre zuvor verlassen, weil sie "zu gebildet, zu stark, zu erfolgreich, zu starrsinnig und zu schwer zu kontrollieren" gewesen sei.

Im Januar 2002 nahm Wangari Maathai, inzwischen Trägerin mehrerer Ehrendoktortitel und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen in die "Global 500 Hall of Fame" aufgenommen, eine Gastprofessur am Institut für globale, nachhaltige Forstwirtschaft an der Yale-Universität an. Ende desselben Jahres wurde sie, nachdem die Diktatur von Daniel Arap Moi nach 24 Jahren beendet war, ins kenianische Parlament gewählt. Mois Nachfolger, Mwai Kibabi, ernannte sie zur stellvertretenden Ministerin für Umwelt und Naturschutz. Im Herbst 2004 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Aus der Dankesrede anläßlich der Verleihung des Alternativen Nobelpreises:

(...) Unser bisheriger feindseliger Umgang mit der Erde - dazu gehört das wahllose Abholzen der Wälder, Buschrodung, Begünstigung der Bodenerosion, Überweidung, Überbevölerung und vor allem die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt - hat das wunderschöne grüne Kleid unserer Mutter Erde nicht nur in Fetzen gerissen, sondern sie mancherorts auch völlig entblößt. Wir haben ihr tiefe Wunden geschlagen, und jetzt ist sie schwach und unfruchtbar. (...)

Die Natur nimmt ihren gesetzmäßigen Lauf, und das bedeutet für uns Vernichtung und Tod. Wir müssen unsere Sünden büßen (das heißt, unser falsches Handeln korrigieren), indem wir unsere Mutter Erde, unser Heimatland, wieder in ihr ursprüngliches, vollständiges Gewand kleiden. (...)

Die meisten Leute sind Feldbauern und haben Viehbestand. Sie können folglich nicht all ihren Grund und Boden in Waldland umwandeln, weil sie ihn als Acker brauchen. Deshalb werden sie dazu angehalten, eine Gemischtwirtschaft mit Feld und Wald zu betreiben, eine Landbaumethode, der unsere Leute nachgingen, ehe europäische Landwirtschaftsmethoden eingeführt und fälschlicherweise für überlegen gehalten wurden. Inzwischen empfehlen sogar die Wissenschaftler diese Mischwirtschaft, nur muß die jetzige Generation leider erst wieder von Grund auf darin unterrichtet werden. Dazu sind gewisse Kenntnisse über die Bäume, ihre Rolle für den Erdboden und für andere Kulturpflanzen erforderlich. Die Mehrzahl der einheimischen Bäume beispielsweise ist natürlich ökologisch besser geeignet, wächst jedoch größtenteils sehr langsam und hat heutzutage keinen hohen Marktwert. Dadurch geraten diese Baumarten allmählich ins Hintertreffen, denn den Landwirten liegt mehr an exotischen, importierten Bäumen, die schnellwüchsig sind und einen guten Absatzmarkt haben, zumindest im Augenblick noch, wo sie sozusagen in jungfräulichem Boden wachsen. In ein paar hundert Jahren stellt sich vielleicht heraus, daß diese exotischen Bäume Versteppung und Zerstörung über die üppige Lebensvielfalt der tropischen Ökosysteme gebracht haben. Um das Auspflanzen importierter Bäume einzuschränken, bezahlen wir den Züchtern (zumeist Frauen) weniger für solche Sämlinge und mehr für einheimische Hölzer und Obstbäume, die sich besser für die Mischwirtschaft eignen. (...)

Die Brennholzkrise zieht ein weiteres Problem nach sich: Unterernährung. Eine Frau mit wenig Brennholz entscheidet sich für Speisen, die wenig Energie bei der Zubereitung verbrauchen. Wenn sie Geld hat, ernährt sie deshalb ihre Familie lieber mit Fertignahrungsmitteln wie Brot, Maismehlprodukten, Tee und anderen Getränken. Oft weiß eine Frau gar nicht so recht, was eigentlich zu einer ausgewogenen Kost gehört. Die Unwissenheit in Verbindung mit der Brennholzknappheit leistet entscheidend der Unterernährung und anderen Krankheiten Vorschub, die durch bessere Eßgewohnheiten vermieden würden. Wenn zuviele Menschen in diese Lage geraten, hat man schnell eine kranke Gesellschaft, und eine kranke Gesellschaft ist unproduktiv. Unproduktive Leute jedoch steigen allmählich zwangsläufig auf die Stufe der Unterentwicklung ab. Deshalb ist es überaus wichtig, die Energieprobleme der Armen dadurch zu lösen, daß Holz zur Verfügung gestellt wird und alternative Hausbrandmöglichkeiten gefunden werden, die den Holzverbrauch einschränken. (...)

Wir haben im Ökosystem auf unserem Erdball ein einzigartiges Erbe angetreten und tragen eine besondere Verantwortung. Wenn von denen, die mit Vernunft begabt sind, mehr erwartet werden kann, dann müssen wir bereitwillig unsere besondere Verantwortung gegenüber den "unvernünftigen" Elefanten und Schmetterlingen anerkennen. Wenn wir ihnen und ihren Nachkommen das Überleben sichern, werden wir auch das Überleben unserer eigenen Art sichern.

The Green Belt Movement
P.O. Box 67545
Nairobi, Kenya
Tel.: 00254-20-57-3057, -1523
gbm@wananchi.com
www.greenbeltmovement.org


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