© by WDR Unzählige Schritte
zum Ziel
Von Heinz Horst*

Etwas unsanft werde ich von meinem Funkwecker aus dem Schlaf gerissen. Es ist Sonntag, 7:30 Uhr. Eine unruhige Nacht geht zu Ende. Nun ist es soweit, in wenigen Stunden werde ich beim Köln-Marathon mitlaufen, meinem ersten Marathon überhaupt. Jetzt wird sich zeigen, ob sich der Trainingsaufwand ausgezahlt hat. Ich treffe die letzten Vorbereitungen. Schuhe schnüren, Bananen und Traubenzucker einpacken und noch ein paar Schluck Apfelsaft. Dann packe ich meine Klamotten, die ich nach dem Rennen anziehen werde, in den orangefarbenen Kleidersack, den jeder Läufer erhalten hat.

Das ist auch das erste sichtbare Zeichen in Köln. Denn ein Meer von orangefarbenen Kleidersäcken ist in der Stadt unterwegs. An den Haltestellen stehen ihre Träger und warten auf die Bahn. Bis es am Start in Deutz Tausende von Kleidersäcken samt Läufer sind. Alle schauen noch etwas müde in den Tag. Vom Marathonfieber ist um 9:30 Uhr noch nichts zu spüren.

Mich packt das Marathonfeeling am Deutzer Bahnhof, dem Startpunkt des 5. Köln-Marathons. Hier wuseln Tausende Läufer umher. Einige sind schon im Laufdress, andere stecken noch in den Trainingsanzügen. Am Kiosk werden schnell noch Bananen, Müsliriegel oder Getränke gekauft. Mit Freunden und Verwandten die Strecke nochmal durchgegangen. Wo sind die Stellen, an denen Vati, Mutti, Oma oder Onkel verpflegt werden? Alles ist genau durchorganisiert. Wie der Marathon selbst. Erst den Kleiderbeutel am entsprechenden LKW abgeben und dann zur Startaufstellung.

Ich bin einer von über 6.000 Debütanten. Auf meiner Startnummer klebt ein blauer Punkt. Damit gehöre ich in die letzte Startgruppe, ganz am Ende der Aufstellung. Die Zeit bis zum Startschuß vergeht recht langsam, ich will endlich los. Doch noch ist es nicht soweit. Bleibt also genügend Zeit, mich aufzuwärmen, denn die Muskeln wollen nicht kalt ins Rennen geschmissen werden. Über große Lautsprecher dröhnen Discomusik und kölsche Hits. Die Stimmung wird immer besser, alle fiebern nun dem Start entgegen. Dann beginnt der Countdown, es wird von zehn runtergezählt, der Startschuß fällt und es geht los. Naja, nicht direkt, denn erst machen sich die Spitzenläufer auf, dann nach und nach der Rest. Nach 17 Minuten laufe ich über die Startlinie. Ich drücke meine Stoppuhr und für mich beginnt endlich der Marathon.

Der Pulk setzt sich ganz langsam in Bewegung. Aber auf der Deutzer Brücke habe ich mein Tempo erreicht. Ich warte auf die erste Kilometermarke, um die Zeit zu nehmen. 6:30 Minuten, ja das ist genau das richtige Tempo. Langsam löst sich die Anspannung und der Lauf kann so richtig beginnen. Ich blicke mich um. Wer läuft neben mir? Wer steht am Straßenrand? Auf der Hahnenstraße ist der Andrang noch spärlich, aber am Neumarkt werden die Reihen der Zuschauer dichter. Die erste Sambaband steht am Weg. Der eigene Schritt paßt sich dem Rhythmus an. Es läuft sich fast federleicht. Schilder fordern die Läufer zum Lächeln auf und Zuschauer klatschen Beifall. Ich bekomme eine Gänsehaut, es ist toll, hier dabei zu sein.

Mein Kilometerschnitt pendelt sich auf sechs Minuten ein, ganz ohne Mühe. Manchmal will ich sogar schneller werden, doch ich halte mich zurück. Nur nicht zu schnell angehen, schießt es mir durch den Kopf, das rächt sich. Also, weiter im Laufschritt, dem ersten Höhepunkt entgegen. Am Chlodwigplatz stehen die Zuschauer schon in dichtgedrängten Reihen. "Quäl Dich, Du Sau!" steht auf einem Plakat. Andere Spruchbänder sind weniger martialisch. Die Lautstärke der Anfeuerungen nimmt stetig zu. Die ersten Freunde und Bekannten stehen am Wegesrand. Wieder durchläuft mich eine kalte Schauer.

Am Rhein kommt die erste Verpflegungsstation in Sicht. Alles stürmt auf den Tisch mit den Wasserbechern zu. Ordner winken uns durch: "Weiter vorne ist kein Gedränge." Stimmt. Und so kann ich meinen ersten Becher aufnehmen und weitertraben. Doch im Laufen verschütte ich zuviel. Beim nächsten Stand muß das anders werden.

Ich erreiche Kilometer acht und alles läuft wunderbar. Keine Probleme in den Beinen, die Atmung ist ganz ruhig. Mein Tempo bleibt konstant. Aus den Kneipen und Wohnungen dringt der Duft von Mittagessen auf die Strecke. Von Gyros bis Reibekuchen kriegt meine Nase reichlich Appetitanreger, doch mein Magen läßt sich davon nicht beeindrucken. Sowas können wir jetzt nicht gebrauchen. Auch die ersten angebotenen Kölsch lehne ich dankend ab. Auf der Bonner Straße erreiche ich die zehnte Kilometermarke. Hier wird die erste Zwischenzeit genommen. Die angeschlossenen Meßcomputer fiepen wie wild, da zeitgleich immer mehrere Läufer durch die Meßschranke laufen.

Kilometer für Kilometer spule ich die Strecke ab. An jeder Verpflegungsstation nehme ich Wasser oder Tee zu mir. Dann gehe ich solange, bis ich den Becher ausgetrunken habe. Dabei verschlabbere ich nichts und allzu viel Zeit kostet es auch nicht.

Immer wieder stehen Hunderte von Zuschauern in engen Spalieren am Wegesrand. An einigen Stellen stehen Freunde von mir. Sie sehen mich zunächst nicht, erst als ich direkt vor ihnen auftauche und ihnen zuwinke, erkennen sie mich. Für die Zuschauer ist es nicht einfach, aus dem Gewusel einen Freund, Verwandten oder Bekannten zu erkennen. 16.000 Läufer in den unterschiedlichsten Sporttrikots, da werden viele Augen träge.

© by WDR Nach 20 Kilometern wundere ich mich, wie gut ich noch laufe. Weiterhin keine Probleme in den Beinen und die Atmung ganz ruhig. Bei Kilometer 25 höre ich das Kompliment: "Du siehst gut aus". Kriegt man auch nicht allzu oft zu hören, da haben sich die Strapazen bis hierhin schon mal gelohnt. Nun liegt auch schon Ehrenfeld hinter mir und es geht Richtung Mediapark. Von dort die Ringe entlang zum Ebertplatz. Kilometer für Kilometer fresse ich mich durch die Stadt. Die ersten Teilnehmer gehen nur noch. Muskelkrämpfe, Magenschmerzen oder Erschöpfung! Ihre Gesichter zeigen Schmerz und Enttäuschung. Viele gehen weiter in der Hoffnung, bald wieder mitlaufen zu können.

Als ich die Riehler Straße nach Norden laufe, kommt kurzzeitig Neid bei mir auf. Auf der anderen Straßenseite sehe ich die Läufer, die schon in Nippes waren und nun nur noch das Ziel vor Augen haben. "Die Glücklichen", denke ich. Erstmals spüre ich nun auch meine Beine und merke, daß sie doch recht müde geworden sind. Ich hatte aber Schlimmeres erwartet. Nur nicht schlapp machen, schießt es mir durch den Kopf. Immer mehr Läufer sind zu Fußgängern geworden. Andere zollen ihrem Anfangstempo Tribut. Sie sind nun auch deutlich langsamer, als zu Beginn. Ich überhole immer mehr Läufer, das baut mich auf.

In Nippes steht das Viertel Kopf. Es wird ganz eng und an den Kneipen stehen die Leute mit Kölschgläsern in der Hand und jubeln uns Läufern zu. "Nein, ich möchte jetzt wirklich kein Kölsch", lehne ich dankend den mir angebotenen Gerstensaft ab. Passiert mir auch nicht allzu oft. Weiter geht's Richtung Innenstadt. Und nun laufe ich die Riehler Straße südwärts. Immer noch laufen oder quälen sich Marathonis nach Nippes. Immer noch laufe ich einen Schnitt von sechs Minuten pro Kilometer. Rächt sich mein Tempo? Die Oberschenkel sind schwer geworden. Dennoch verfliegen die Kilometer, die Stoppuhr tickt unaufhaltsam weiter und die Zahlen werden immer gigantischer, 36, 37 Kilometer.

Am Hansaring läuft ein Freund neben mir her. Er feuert mich an, er sieht, daß es mir nun schwerer fällt, locker zu laufen. Er schält mir eine Banane und drückt sie mir in die Hand. "Wir sehen uns am Ziel," ruft er mir nach. Die letzten Kilometer sind endgültig angebrochen. Und die Oberschenkel deuten ein ersten Zucken an. Die ersten kleinen Krämpfe drohen. Trotzdem behalte ich mein Tempo bei. Die Zahl der Geher wird immer größer und mir fällt es zunehmend schwerer, sie zu überholen. Will ich rechts vorbei, schon machen sie ebenfalls einen Schritt nach rechts.

Dann wird es auch noch ziemlich eng. Denn die Zuschauer drängen immer mehr auf die Strecke. Ich habe das Gefühl, an einem Alpenaufstieg bei der Tour de France zu sein. Die aufmunternden Rufe werden lauter. Immer mehr Transparente und Spruchbänder sind zu lesen. Ab und zu kann ich noch in die Gesichter der Zuschauer sehen. Sie sind toll, jeder wird unterstützt. Und die "Fans" stehen nun auch schon seit Stunden am Straßenrand. Auch eine tolle Leistung. Doch ich muß mich immer mehr auf meine letzten Kilometer konzentrieren. Die Atmung wird deutlich schwerer. Von der Anfangsleichtigkeit ist nicht mehr viel zu spüren. In meinem Kopf ist nur noch ein Gedanke: "Ankommen!" Kilometer 39. Gleich biege ich zum dritten Mal auf den Chlodwigplatz ein. Der Mix aus Anfeuerung und Sambamusik hilft mir um die Kurve. Meine Oberschenkel zucken immer häufiger, noch zwei Kilometer, Heinz. Halt durch! Soll ich mal ein paar Schritte gehen? Nein, antworte ich mir sofort, so kurz vor dem Ziel nicht mehr. Das Kopfsteinpflaster unter der Severinstorburg macht die Laufschritte noch schlimmer. Ein neuer Krampf droht, nun ist die Leichtigkeit endgültig der Laufarbeit gewichen. Dann das Schild mit der Aufschrift "41 Kilometer". Nur noch sechs Minuten, das wäre doch gelacht.

Die Hohe Straße liegt vor mir, noch einmal ein enges Spalier von Zuschauern. Kinder halten die Hände raus und ich klatsche sie ab. Da, ich kann das Ziel sehen. Und plötzlich ist die Müdigkeit weg, der Schmerz für kurze Zeit betäubt und ich bekomme eine Gänsehaut. Nur noch wenige Schritte, dann ist die heiß ersehnte und tatsächlich auch erreichte Ziellinie vor mir. Ich mache einen leichten Freudensprung über diese Linie und der Moderator nennt meinen Namen: "Heinz Horst hat gerade das Ziel erreicht." Ich bin da! Ich habe es geschafft! Vergessen sind die quälenden letzten Kilometer. Ein Blick auf die Uhr: vier Stunden, acht Minuten und neun Sekunden. Und unzählige Schritte habe ich gebraucht. Obwohl ich sehr erschöpft bin, bin ich vor allem eins - glücklich!

* Heinz Horst, Jahrgang 1960, ist Wirtschaftsredakteur beim neuen Radiosender der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit seiner - für eine Premiere hervorragenden! - Zeit von 4:08:09 Std. belegte er in seiner Altersklasse Platz 1.212.


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