More than
A Saucerful of Secrets?

Begegnung mit Nick Mason, Schlagzeuger und Chronist von Pink Floyd
© by Siegfried Offermann "Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; daß er immer dabei ist, aber nie dazugehört." Diese Aussage des früheren "Mister Tagesthemen", Hanns Joachim Friedrichs, ist Lehrmeinung. Sie trifft sicherlich auf weite Teile des Journalismus´ zu, in dessen investigativer Variante meines Erachtens nach aber nur sehr bedingt. Es ist auch für einen nach Objektivität strebenden Journalisten unmöglich, niemals innerlich Partei zu ergreifen. Schließlich ist er Mensch. Mensch mit eigener Geschichte.

Und was, wenn einer während dieser Geschichte im zarten Alter von 20 Jahren in ein Buch über eine Rockband gekritzelt hat, daß diese ihn "mitgeformt", ihm "mit die Richtung" gegeben hat? Wenn er aufgrund dieser Richtung Journalist geworden ist? Und wenn er dann in dieser Funktion - inzwischen 25 Jahre älter - einem Mitglied dieser Band gegenübersitzt?

Die Band heißt Pink Floyd, deren Mitglied, um das es geht, ist der Schlagzeuger Nick Mason, der Journalist bin ich. Auch, wenn ich in meinem bisherigen Berufsleben schon zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Publizistik und Kultur getroffen und teils gut kennengelernt habe, so müßte das Treffen mit Nick Mason eigentlich Gänsehaut-Atmosphäre für mich bedeuten. Warum nur eigentlich? - Weil der Musiker sich von der Begrüßung an wie ein Mensch wie du und ich verhält, ihm irgendwelche Starallüren offenkundig völlig fremd sind, seine freundliche, ebenso verbindliche wie humorvolle Art mir das Gefühlt gibt, ihm willkommen zu sein, ich für ihn nicht nur einen weiteren, womöglich nervigen Journalistentermin verkörpere.

Dabei mußte ich bei der Vermittlerin dieser Begegnung der Verlegerin des Rockbuch Verlages, Heide Buhmann, schriftlich gut begründen, weshalb ich als politischer Journalist um diesen Termin mit einer Größe der Rockmusik bitte. Schließlich ist Nick Mason das einzige Pink Floyd-Mitglied, das der Band seit ihrer Gründung Mitte der sechziger Jahre durchgängig angehört. Doch das schien mir gut gelungen zu sein, Mason habe einem ausführlichen Interview gerne zugestimmt. Ich würde mich mit ihm, so prophezeite Heide Buhmann, gut verstehen. In der Tat, als es soweit ist, gibt es keinerlei Eis zu brechen.

Nachdem Nick Mason meinen Fotografen Siegfried Offerman und mich am Eingang zu seiner Suite im Kölner Hotel Hyatt begrüßt hat, weist er daraufhin, daß die auf einem Sideboard stehenden Getränke und Knuspereien keine Ausstellung seien, sondern wir uns bedienen und hinsetzen sollen, wo wir wollen. Siegfried will sich gar nicht setzen, sondern möchte, daß Nick und ich auf einer Couch nebeneinander Platz nehmen.

Nick Mason interessiert sich zunächst für das Aufnahmegerät, das ich mir von einem WDR-Kollegen geliehen habe. Ich sei schon der zweite Journalist, den er in Köln treffe, der dieses analoge Sony-Gerät benutze. Das spreche für diesen Typ. Längst nicht immer sei die modernste Technik die beste, mitunter seien ältere Maschinen sogar verläßlicher. Als Technik-Freak und Sammler von Oldtimer-Autos muß er es wissen.

Nun haben wir beide zwischen der Zeit, in der ich in besagtes Buch über Pink Floyd schrieb, daß die Band mich zu etwas inspiriert habe, woraus ich noch etwas machen würde - gemeint war damit die Fotografie, über die ich in den Journalismus gelangte -, und diesem Treffen Bücher geschrieben. Ich einige über Umweltschutz sowie Auf- und Abrüstung, Nick Mason Inside Out über fast 40 Jahre Geschichte von Pink Floyd, "meine absolut besten Jahre", wie er betont.

Ich habe ihm mein Buch Vorbilder - Menschen und Projekte, die hoffen lassen - Der Alternative Nobelpreis (siehe Rubrik "Eigene Bücher") mitgebracht und hineingeschrieben, daß ich seit meinem 14. Lebensjahr, als die LP Wish You Were Here erschien, für jede Situation in meinem Leben - Glück oder Traurigkeit, Furcht oder Hoffnung - einen passenden und ermutigenden Pink Floyd-Song parat gehabt hätte. "So thank you for the music."

Nick versteht den Untertitel des Buches selbst, aber will mehr dazu wissen. Ich erörtere ihm den Inhalt. Er hält den Alternativen Nobelpreis für sehr wichtig, daß Vorbilder von der Internationalen Bibliothek für Zukunftsfragen in die "Top Ten 2005 der Zukunftsliteratur" aufgenommen worden ist, für sehr begrüßenswert. Sein Sohn studiere Deutsch, der könne ihm mehr aus Vorbilder, das ihn sehr interessiere (er betont das später noch einmal in der Widmung, die er mir in sein Buch schreibt), übersetzen.

Als der Fotograf bittet, daß ich Inside Out für ein Bild in die Kamera halte, sagt Nick spontan, "Your´s too!" und greift erneut zu Vorbilder.

Von Köln habe er am Rande der Pink Floyd-Konzerte leider nicht allzu viel mitbekommen. Später sei er, wenn er Oldtimer-Rennen auf dem Nürburgring gefahren habe, meist im Dom-Hotel untergebracht gewesen, aber sie Stadt habe er so auch nicht kennengelernt. Daß der Dom Weltkulturerbe ist, weiß er dennoch. Ich erzähle ihm, daß Köln, das das Image einer besonders toleranten Stadt hat, speziell auf seine Musiker, die anno 1992 ein historisches Open-Air-Konzert gegen Ausländerfeindlichkeit gegeben haben, stolz sein könne. Doch leider werde die derzeitige städtische Kulturpolitik dem Anspruch einer Großstadt dieses Formats nicht gerecht. Vor diesem Hintergrund frage ich Nick Mason, was aus seiner Sicht Kultur im allgemeinen und Musik im besonderen für eine Gesellschaft bedeute.

"Kultur ist Gewinn für eine Gesellschaft. Das oberste Ziel der Menschen ist ihr Überleben. Ist das sichergestellt, dann streben wir danach, dem Leben andere Aspekte hinzuzufügen. Das ist Kultur. Es kann sich dabei um Malerei, Musik, Theater und andere Dinge handeln, es geht darum, sich auszudrücken. Im Grunde hat das alles mit Kommunikation zu tun. Eine Voraussetzung für das langfristige Überleben der menschlichen Rasse ist ist die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, Freunde und nicht Feinde zu werden. Musik ist hierfür natürlich eine ganz besondere Kunstform. Sie ist abstrakt, wir können sie sehr unterschiedlich interpretieren. Wenn wir beispielsweise hundert Pink Floyd-Fans bitten würden, ein bestimmtes Stück zu interpretieren, dann kämen sie zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, würden sehr unterschiedliche ‚Bilder' dessen, was sie heraushören, beschreiben. Das macht Musik, ihre signifikante Bedeutung als Medium, als Form von Kommunikation zwischen Künstlern und dem Publikum aus."

Ich komme zu Inside Out: "Nick, der Titel Deines Buches impliziert die Veröffentlichung bisher unbekannter Fakten. Enthält es mehr als A Sauercerful of Secrets?"

Nick Mason (lacht): "Ich hoffe, daß es Informationen enthält, die den Lesern bisher noch nicht vertraut waren, aber es ist nicht als Enthüllungsbuch gedacht. Es soll eine Sammlung sein, eine Sammlung durchaus von vielen Dingen, die bekannt sind, aber eben in der richtigen Ordnung, so daß die Leser Schlüsse daraus ziehen können."

Ich frage, ob das "Aufräumen mit einigen Legenden über Pink Floyd" eines der Ziele gewesen sei. Dazu Nick Mason: "Nicht wirklich. Doch es gibt Legenden und es wurden eine Menge Geschichten behauptet. Ich war sehr darauf aus, eine Reihe von Zusammenhängen richtigzustellen. Zum Beispiel, daß wir angeblich so harte Auseinandersetzungen in der Band hatten, oder im Zusammenhang mit Roger Waters´ Ausscheiden. Tatsache ist, daß wir die allermeiste Zeit der Band-Geschichte über sehr gut miteinander zusammengearbeitet und die Gesellschaft der jeweils anderen genossen haben. Obwohl Pink Floyd immer sehr ernst genommen worden ist, ging es um Rock´n Roll, eine Art von Lebensstil, die auch etwas mit Spaß zu tun hat."

"Wann hattest Du die Idee, Inside Out zu schreiben?"

"Ich begann vor zehn Jahren, es zu schreiben. Die Idee existierte in meinem Kopf schon sehr lange. Aber es mußten natürlich zwei Voraussetzungen gegeben sein: Einerseits mußte ich genug Zeit dafür haben, was nach dem Ende unserer letzten Tour der Fall war. Und ich mußte wissen, wie es mit der Band weitergehen würde, weil ich andernfalls einiges vielleicht hätte zweimal schreiben müssen."

"Hattest Du viel zu recherchieren, oder existierte das meiste in Deiner Erinnerung?"

"Ich stellte sehr viele Recherchen an..."


Bald geht es hier weiter. Ich beeile mich mit der Übersetzung des Interviews und einer ausführlichen Rezension von Inside Out. Versprochen!


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