Danke, David!

Zum Tod des Greenpeace-Pioniers David McTaggart

Es gibt Menschen und Institutionen, die - ob man eine persönliche Verbindung zu ihnen hatte oder nicht - das eigene Leben geprägt haben. Da sich gerade ein solcher Kontakt zu meinem Musik-Star seit Jugendzeiten, dem Gitarristen David Gilmour, anbahnt, denke ich viel über dieses Phänomen nach, denn die Musik von Pink Floyd hat meine Geisteshaltung eindeutig beeinflußt. Es war der Fußballer Wolfgang Overath, der 1970 mein Interesse für Sport weckte, das mich bis in die Judo-Bundesliga führte, der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff, dessen Bücher meinen Berufswunsch Journalist reifen ließen, die Berichte an den Club of Rome, die meiner Arbeit die wesentliche Richtung gaben, und später der Zukunftsforscher und Publizist Robert Jungk, dessen freundschaftlicher Rat mir in einer wichtigen Phase jederzeit eine große Hilfe war.

Zuvor - 1980 - hatte ich das Buch von David McTaggart Unternehmen Greenpeace - Fahrt in den Atompilz gelesen. Die in Deutschland gerade erst im Enstehen begriffene Umweltschutzorganisation rückte damit zunächst mitten in mein Blickfeld, und dann in mein Leben. Ich war beeindruckt von ihrer Effektivität, und das Bild des "Regenbogenkriegers", des Kämpfers für eine gesündere und friedlichere Welt, faszinierte mich. Mitte der achtziger Jahre arbeitete ich für Greenpeace Deutschland sowie International in Bonn und schrieb meine ersten Bücher über bzw. im Namen von Greenpeace. Im Sommer 1985 lernte ich David McTaggart persönlich kennen. Wir arbeiteten gemeinsam mit einigen Kolleginnen und Kollegen ein paar Tage in Genf bei einem Kongreß über die Weiterverbreitung von Atomwaffen, den die von Prinz Saddrudin Aga Khan gegründete Groupe de Bellerive bei den Vereinten Nationen durchführte. Dort bot sich uns die Gelegenheit, zahlreiche einflußreiche Politiker (u.a. Ted Kennedy, Olof Palme, Georgij Arbatow), Wissenschaftler und Medienvertreter zu treffen.

Niemals werde ich die Situation vergessen, als ein französischer Vertreter auf dem Podium behauptete, noch nie sei ein Mensch durch die Atomtests seines Landes zu Schaden gekommen, woraufhin ein fein gekleideter Herr mittleren Alters um die Erlaubnis zu einer Zwischenfrage bat und begann: "My name is David McTaggart..." Der Franzose auf dem Podium raffte seine Papiere zusammen, entschuldigte sich beim Vorsitzenden und Publikum, daß er nun einen ganz dringenden Termin habe und verließ aschfahl und überstürzt den Saal. Schließlich hatte die französische Marine McTaggarts Yacht "Vega" fast versenkt und ein Prisenkommando ihn bei einem Akt der Piraterie beinahe umgebracht, als er 1972 und 1973 ins Sperrgebiet um Moruroa gesegelt war, um die damals noch überirdischen atomaren Testexplosionen zu verhindern.

Foto: dpa Am Freitag, dem 23. März 2001, ist David Mc Taggart gestorben. Er kam im Alter von 68 Jahren bei einem Autounfall in der Nähe seiner Wahlheimat Perugia/Italien ums Leben. Seit er sich 1991 vom Präsidentenamt bei Greenpeace International zurückgezogen hatte, betrieb er dort eine Olivenplantage. Die Früchte und deren Öl waren nicht nur in Greenpeace-Kreisen sehr begehrt.

David McTaggart war eine Ikone der Öko-Bewegung. Dabei hatte er im persönlichen Umgang keinerlei Starallüren, wenngleich es zuletzt selbst langjährigen Weggefährten passieren konnte, daß er sie Wochen oder Monate auf Rückrufe warten ließ. Er war halt kein Hektiker.

Vielmehr dürfte es seine Zähigkeit gewesen sein, die ihn und mithin auch Greenpeace letztlich erfolgreich werden ließen. McTaggart hat in seinem Leben manche Gipfel geradezu erstürmt, obwohl er anschließend tiefe Täler durchwandern mußte. Sein Lebenswerk - der Aufbau und die Etablierung von Greenpeace weltweit - ist eine historische Leistung.

Greenpeace war 1971 aus Protest gegen einen Atomtest, den die USA auf der Aleuteninsel Amchitka planten, im kanadischen Vancouver, der Heimatstadt McTaggarts, entstanden. Mit fünf Megatonnen war die Bombe "Cannikin" die stärkste nukleare Ladung, die je unterirdisch gezündet werden sollte. David McTaggart wußte damals noch nichts von der bemerkenswert zielstrebigen, aber auch ziemlich unorganisierten Gruppe von Umweltschützern.

Er selbst hatte bis dahin ein bewegtes Leben geführt. Obwohl er rauchte und trank, hatte er den US- und den Weltmeister im Badminton im Alter von 23 Jahren besiegt, um mit der Begründung, daß sein Ehrgeiz in dieser Sportart nun befriedigt sei, damit aufzuhören. Er war als Bauunternehmer erfolgreich, zwei Ehen gingen in die Brüche.

Dann veränderte die Gasexplosion eines Hotels, das ihm gehörte, sein Leben völlig. Zwei Angestellte waren dabei sehr schwer verletzt worden. Obwohl ihn keinerlei Schuld an dem Unfall traf, ging er 1969 nach Neuseeland, um Abstand vom Geschäftsleben zu gewinnen. Dort schaffte er sich die Elfmeteryacht "Vega" an.

Genau in dieser Zeit suchte die kandische Umweltschutzorganisation Greenpeace per Zeitungsanzeige einen Skipper mit eigenem Schiff, der bereit war, in die von Frankreich gesperrten Gewässer um Moruroa, die nicht zum Hoheitsgebiet der Fünften Republik gehörten, zu segeln. David McTaggart erfuhr durch seine Freundin davon. McTaggart: "Vor zwölf Stunden hatte Gene ganz nebenbei den Zeitungsartikel über Greenpeace erwähnt, und dabei hatte ich das Gefühl gehabt, daß ein Finger auf mich zeigte, wie eine Kompaßnadel." Die Entscheidung stand bei dem konservativ erzogenen Kanadier bald fest: "Ich würde, nachdem ich soviel vom Leben verlangt hatte, eine Art Gegenleistung erbringen."

Die erste Fahrt nach Moruroa geriet zeitweise zum Horrortrip. Obwohl die "Vega" in der Nähe war, wurde eine Atombombe gezündet. Später rammte ein Kriegsschiff die Yacht derart, daß ihrer Besatzung nichts anderes übrig blieb, als die "Hilfe" der Franzosen anzunehmen. Ein Foto, das während der dürftigen Reparaturarbeiten an der "Vega" aufgenommen wurde, als McTaggart und seine Mitsegler aßen und zufälligerweise der unsägliche Admiral Claverie anwesend war, wurde anschließend von französischen Stellen in die Weltpresse lanciert. Es sollte implizieren, daß die Protestler sich nun als Gäste der Atomwaffentester wohlfühlten. Doch diese Strategie scheiterte.

Während seiner späteren Auseinandersetzungen mit der Fünften Republik erfuhr McTaggart, daß die Regierung seines Heimatlandes Kanada Frankreich quasi die Genehmigung zur Versenkung der "Vega" erteilt hatte. Aufgrund seiner Aktivitäten verarmte der ehemalige Millionär. Er lebte vorübergehend in einem Blockhaus auf der kanadischen Insel Thornaby. Von dort aus beobachtete er eines Tages, wie Fischer ein Schiff abfackelten - ein offensichtlicher Versicherungsbetrug. David McTaggart, der kaum noch seine Lebensmittel und die Telegramme an den Außenminister seines Landes bezahlen konnte, sägte, als das Wrack gestrandet war, in zehnstündiger Arbeit im eiskalten Wasser die bronzene Schiffschraube und die Welle ab und vergrub beides im Sand. Er konnte diesen "Schatz" für 350 Dollar verkaufen.

McTaggart schien am Ende. Im Jahr darauf - 1973 - brachen mehrere Friedensschiffe in Richtung Moruroa auf, doch nur eines erreichte sein Ziel wirkungsvoll: die "Vega". McTaggart vor seinem zweiten Törn ins Atomtestgebiet: "Wenn ich dorthin fahre, dann werden sie so verdammt wütend werden, daß sie nicht mehr geradeaus sehen können. Aber genau das will ich." Irgendwie war es ihm gelungen, genug finanzielle Unterstützung für eine weitere Protestfahrt zusammenzubekommen.

Leider konnte David McTaggart nach dieser Fahrt auf einem Auge kaum noch sehen. Sein Schiff war in internationalen Gewässern geentert, er selbst brutal zusammengeschlagen worden. Doch eine Frau der Besatzung der "Vega" hatte einen Film mit Aufnahmen der illegalen Aktion unter üblen Schmerzen im Unterleib von Bord geschafft. Die Bilder gingen um die Welt und entblößten die französische Politik. Diese war, wie 1985 die Versenkung des Greenpeace-Schiffes "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland bewies, durchaus zu mörderischen Maßnahmen bereit.

Obwohl McTaggart mit seiner Gesundheit und seinem Leben pokerte, damit er Kontakt zu seinem Bruder aufnehmen konnte, überlebte er und verklagte die Pariser Regierung vor einem französischen Gericht. Im Grunde waren die Erfolgsaussichten gleich null. Als 1976 eine Berufungsinstanz bestätigte, daß der Übergriff in internationalen Gewässern ein Ausnahmefall gewesen sei - was faktisch eine Genehmigung für Piraterie war -, stellte sich heraus, daß es Spannungen zwischen Politikern und Militärs gegeben hatte. Der Regierungsvertreter Jacques Simon erklärte nach der Urteilsverkündung: "Es darf nicht geleugnet werden, daß McTaggart dazu beigetragen hat, die französische Regierung davon zu überzeugen, daß es richtig ist, anstelle von Versuchen in der Atmosphäre unterirdische Versuche durchzuführen. Es ist durchaus möglich, daß die Haltung von McTaggart, unterstützt durch die Reaktionen gewisser Länder und Gruppen, der französischen Regierung den Anstoß gegeben hat, diese Frage zu überdenken." - Eine Sensation.

McTaggart, der kein Geld mehr hatte, um vor die höchste Instanz zu gehen, sich allein und heimatlos fühlte, unternahm einen langen Spaziergang durch Paris, ging in sich und kam zu dem Ergebnis: "Die Konfrontation hatte zwischen zwei ganz ungleichen Gegnern begonnen, war dann aber an einen Punkt gelangt, an dem ein winziger Bauer gegen alle Damen, Läufer, Türme und Springer ein Patt erzielt hatte. Als ich soweit gedacht hatte, begriff ich, daß ich noch kein Spiel so gut gespielt hatte, wie dieses."

Während dieses sehr ernsten Spieles wurde David McTaggart, der aus dem unkoordinierten Haufen kanadischer Friedensaktivisten und Umweltschützer die wirkungsvolle Organisation Greenpeace International formte, einer der wichtigsten Strategen auf dem Schachbrett, auf dem politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen miteinander ausgetragen werden. Daß Frieden und Umweltschutz dort inzwischen auch im übertragenen Sinne nicht mehr nur von Bauern (aber auch!) vertreten werden, ist ein wesentliches Verdienst von David McTaggart.

Zum Thema Ursache und Wirkung noch was anderes: Wäre David McTaggart in einer wichtigen Phase nicht mutig, standhaft und konsequent gewesen, gäbe es die mittlerweile wohl wichtigste Umweltschutzorganisation der Welt heute nicht in dieser Form. Dann hätte ich anno 1986 auch nicht mein erstes Buch über Greenpeace geschrieben, hätte mich Elisabeth nicht darauf in der Fußgängerzone unserer Heimatstadt angesprochen, wären wir beide anschließend nicht ins Café gegangen und seitdem leiert. So kann´s gehen.

Angesichts des Todes von David McTaggart möge man mir gestatten, daß ich über die Bedeutung seines Lebenswerkes für mein eigenes Leben und meine Arbeit intensiv nachdenke. Und daß ich mich vor dieser Lebensleistung innerlich tief verneige.

Die Menschheit braucht noch sehr viel mehr Typen vom Schlage eines David McTaggart, wenn sie nicht, wie im ersten Bericht an den Club of Rome vorhergesagt, in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts aufgrund selbstgemachter Probleme zugrunde gehen will.

Sollte die Erde als Biotop auch für unsere Spezies zu retten sein, dann wird ein erheblicher Anteil daran David McTaggart zu verdanken sein.

Bitte beachten Sie hierzu auch folgende Seiten:

- betrifft: Greenpeace (Eigene Bücher)
- Stoppt die Atomtests! (Eigene Bücher)
- Wechsel an der Greenpeace-Spitze (Aktuelles)
- Eine Schiffahrt mit Folgen (Berichte)


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