© by NASA Edgar D. Mitchell wurde 70

"Ein Anblick,
 der mein Leben
 veränderte"


"Plötzlich taucht hinter dem Horizont des Mondes in langen, zeitlupenartigen Momenten von grenzenloser Majestät ein funkelndes, blauweißes Juwel auf, eine helle, zarte, himmelblaue Kugel, umgeben von langsam wirbelnden weißen Schleiern. Allmählich steigt sie wie eine kleine Perle aus einem tiefen Meer empor, unergründlich und geheimnisvoll. Du brauchst eine kleine Weile, um ganz zu begreifen, daß es die Erde ist... unsere Heimat."            Edgar D. Mitchell

Edgar Dean Mitchell wurde am 17. September 1930 in Hereford/Texas geboren. Er studierte am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh. Von 1952 an war er bei der US-Marine, nahm als Pilot auf einem Flugzeugträger am Koreakrieg teil und wurde 1958 Testpilot. 1964 promovierte er am Massachusetts Institute of Technology im Fachbereich Aeronautik und Astronautik zum Doktor der Naturwissenschaften.

Mitchell kam 1966 zur NASA. Fünf Jahre später - vom 31. Januar bis 9. Februar 1971 - flog er mit der Apollo 14-Mission ins All und betrat als sechster Mensch im Fra Mauro-Hochland den Mond. Zuvor hatte er bei der Rettung der durch die Explosion eines Sauerstofftanks in höchste Not geratenen Apollo 13-Besatzung eine wesentliche Rolle gespielt.

Ein Jahr nach seinem Mondflug verließ Edgar D. Mitchell das Raumfahrtprogramm. Er gründete im kalifornischen Palo Alto das Institute of Noetic (Noetik ist die Lehre vom Denken, Begreifen und Erkennen) und schrieb das Buch Psychic Exploration: A Challenge for Science (Psychische Forschung: Eine Herausforderung für die Wissenschaft). 1983 gehörte Edgar D. Mitchell zu den Gründern der Association of Space Explorers, einer internationalen Raumfahrervereinigung, die sich dem Schutz des Heimatplaneten verschrieben hat. Für seine engagierte Öffentlichkeitsarbeit für ein neues Denken und einen veränderten Umgang mit unserer Umwelt erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter drei Ehrendoktortitel; von drei Institutionen wurde er zum Mann des Jahres erklärt. Höhepunkt seiner intensiven Vortragstätigkeit war 1992 eine Rede bei den Vereinten Nationen in New York anläßlich des Earthday. Inzwischen lebt Edgar D. Mitchell in Florida.


© by NASA "Wo vorher intellektuelle Suche gewesen war, regte sich plötzlich ein tiefes Gefühl in mir, etwas sei ganz anders geworden. Dieses Gefühl ist aus dem Blick auf die Erde erwachsen, diesem blauweißen, dahingleitenden Planeten, von dem wir wissen, daß er seine Bahn um die Sonne zieht. Es erwuchs aus dem Anblick der Sonne vor dem samtig tiefschwarzen Kosmos, der nicht nur ahnen läßt, sondern die Gewißheit vermittelt, daß im Strom von Energie, Zeit und Raum im Weltall etwas Zweckvolles liegt, daß dies menschliches Verstehen übersteigt und daß sich dem Verstehen ein nichtrationaler Weg erschließt, der mir in meiner bisherigen Erfahrungswelt unzugänglich geblieben war. Das Universum scheint mehr zu sein als die zufällige, chaotische und sinnlose Bewegung einer Ansammlung molekularer Partikel.

Während der Heimkehr staunte ich über 400.000 Kilometer hinweg die Sterne und den Planeten an, von dem ich gekommen war. Da spürte ich mit einem Mal die Intelligenz, die Liebe und die Harmonie im Universum."     E.D.M.


Für mein Buch 30 Jahre Club of Rome (siehe Rubrik "Eigene Bücher") verfaßte Edgar D. Mitchell folgende Gedanken zum Titelbild, das die Erde vom Mond aus gesehen zeigt, und zur Arbeit des Club of Rome:

Vor über 40 Jahren sagte der britische Astronom Fred Hoyle: "Wenn Menschen Bilder aus dem Weltraum von der Erde sehen, wird das Leben auf der Erde nie mehr so sein, wie es einmal war." Er behielt recht. Bilder aus dem Weltraum haben mitgeholfen, uns der Endlichkeit unseres Heimatplaneten bewußt zu werden.

Das Weltraumzeitalter begann 1957 mit den Erdumkreisungen des sowjetischen Sputniks. Zehn Jahre später, als drei Amerikaner den Mond umkreisten, waren die ersten aus dem tieferen All aufgenommenen Fotos von der Erde als Ganzem zu sehen. Sie sind Ehrfurcht einflößend, zeichnen ein lebendiges Bild der grenzenlosen Schönheit, doch auch der Zerbrechlichkeit dieses kleinen Planeten.

Meine persönlichen Eindrücke im Weltraum waren diese: Mit tiefer Bewunderung betrachtete ich die winzige Kugel, die wir Erde nennen. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Erde wieder als jenen Ort, der sie einmal war: unberührte Täler, in denen der Geist zur Ruhe kommen und neue Kraft sammeln konnte, Landschaften und Lebewesen, die den Forscherdrang der Menschen herausforderten. Doch meine Träumereien wurden jäh von der Erinnerung an die Realität unterbrochen. Kriege, Raubbau an den natürlichen Ressourcen, Umweltverschmutzung und Überbevölkerung prägen das Leben auf der Erde.

Mich hat das Erlebnis im Weltraum nachhaltig geprägt. Seit nunmehr über zwanzig Jahren appelliere ich in meinen Vorträgen und Büchern für einen neuen, schonenden Umgang mit dem Planeten Erde, der auch unseren Kindern eine freundliche Zukunft ermöglicht.

Seit den fünfziger Jahren wird beständig auf die Gefahren hingewiesen, die der Erde durch menschliche Aktivitäten drohen. Der Erfinder Buckminster Fuller (1895 - 1983) sprach vom "Raumschiff Erde", um den Gedanken der Endlichkeit und Zerbrechlichkeit sowie die Notwendigkeit des Umdenkens zu verdeutlichen. Der Club of Rome hat zahlreiche Berichte veröffentlicht, die eben diese Notwendigkeit thematisieren und Handlungsvorschläge geben. Jetzt wird die Zeit knapp, um die Ausschweifungen unserer Lebensweise zu korrigieren.

Die Entwicklungen, die gegenwärtig Alarm auslösen, begannen vor tausenden Jahren. Sie nahmen ihren Anfang, als Menschen erstmals Werkzeuge einsetzten, Sprachen entwickelten, um sich mitzuteilen, und begannen, ihre Umwelt zu manipulieren, zu beherrschen. Schritte, deren Auswirkungen jahrtausendelang nicht absehbar waren. Insbesondere das zwanzigste Jahrhundert ist von schnellem, exponentiellem Wachstum geprägt. Das aber kann in einer Welt, der Grenzen gesetzt sind, nicht immer weiter aufrechterhalten werden. Der Club of Rome hat das für jedermann nachvollziehbar vorgerechnet. Doch ungeachtet dessen wird weiter dem Götzen Wirtschaftswachstum gehuldigt. Inzwischen verdoppelt sich die Menge sämtlicher menschlichen Aktivitäten in weniger als der Zeitspanne eines durchschnittlichen Menschenlebens. Die Grenzen des Wachstums sollten uns demnach mehr als deutlich sein.

Wir müssen also unsere Lebensweise ändern. Doch wo setzen wir den Hebel an?

© privat

Auf dem Weg zur Bestimmung dieses Planeten hat der Mensch sozusagen auf dem Fahrersitz Platz genommen und rast durch das "globale Dorf". Die einzelnen Länder und Kontinente sind jedoch von ihren unterschiedlichen Entwicklungsstadien und kulturellen Werten geprägt, so daß es den einen Hebel zur Lösung der Umweltprobleme nicht geben kann. Dabei hat der Mensch die Macht über, nicht jedoch die Verantwortung für die Konsequenzen unseres Kollektivverhaltens übernommen. Und Macht und Verantwortung müssen, wie jeder Management-Student im ersten Jahr lernt, zusammengehen.

Irgendwo auf dem Weg der Evolution der zivilisierten Welt verloren die neuzeitlichen Kulturen ihre spirituelle Verbindung zu Gaia (Name der griechischen Erdgöttin, Anmerk. J.S.). Gaia ist ein altes, doch wieder zum Leben erwecktes Wort für den Leitgedanken, die Erde sei ein Gesamtorganismus. Lebensnotwendige Aktivitäten wie beispielsweise Nahrungssuche schlugen in Verteilungskämpfe um. Es ging fortan um Zugewinn, nicht mehr darum, sich und die seinen zu ernähren. Der Wunsch, Glaubensrichtungen zu bekräftigen, schlug in die Unterjochung Andersgläubiger um. Aus den friedlichen Tälern wurden Gebiete, die verteidigt werden mußten.

Die wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften der jüngsten Zeit haben neue Wege zur Verbesserung der Lage der Menschheit bereitet. Aber mit ihnen haben die Menschen auch neue und effizientere Mittel zur Befriedigung der Gier, zur Unterdrückung und Eroberung sowie Verteidigung in die Hände bekommen. Die Geschichte der Menschheit ist gleichwohl keine Geschichte von Mißerfolgen, sie ist eine Geschichte überwältigender Erfolge - Erfolge für die kreativsten und leistungsfähigsten Mitglieder ihrer Spezies, doch von Gefahren für das Gesamtsystem.

Das eigentliche Opfer ist die Verbundenheit mit dem Lebensraum, zu Gaia. Die weitverbreitete falsche Überzeugung, daß die Technologie die immaterielle Verbundenheit ersetzen könnte, durchtrennte die Nabelschnur. Neuzeitliche Kulturen haben diese spirituelle Verbindung und ihre Werte, die die Natur respektieren und mit ihr einhergehen, durch materialistische Werte und einen institutionalisierten, ritualistischen, religiösen Fanatismus ersetzt, der mehr dazu dient, die Menschheit zu spalten, als ihre Wunden zu heilen.

Es ist augenfällig, daß unser herrlicher kleiner Planet über die Möglichkeiten verfügt, seinen ungleichen, voneinander abhängigen Arten ein reiches Leben zu erhalten; vorausgesetzt, daß seine erfolgreichste Spezies, der Mensch, willens ist, dieser Tatsache ins Auge zu schauen und - auch um den Preis von Verzicht - Konsequenzen daraus zu ziehen.

Die kulturellen Überlieferungen, die den Menschen als andere Art von anderer Qualität, den Mitgeschöpfen "überlegen" bezeichnen, sind nicht besonders dienlich. Der Mensch ist ein elementarer Bestandteil der Entwicklung, die alles Leben hervorbrachte, nicht mehr und nicht weniger. Klar aber ist, daß das Überleben aller Arten, Pflanzen wie Tiere, vom Verhalten der Menschheit abhängt. Notwendig ist zudem die vorbehaltlose Einsicht in die Tatsache, daß wir wiederum auch ihres Überlebens für unseren Fortbestand bedürfen.

Ich persönlich bin der Überzeugung, daß der Mensch stärkeres Bewußtsein entwickeln kann und wird und auch die notwendigen Maßnahmen einleiten wird. Es fängt damit an, daß Einzelne für sich selbst den Sinn und Zweck ihres Lebens neu beurteilen. Es bedarf neuer Fragen zu elementaren Werten und der Bereitschaft, Antworten Taten folgen zu lassen. Ich bin davon überzeugt, daß die Antworten nicht die Notwendigkeit ununterbrochenen Erwerbs materieller Besitztümer beinhalten. Die Lektüre der Berichte des Club of Rome hat mich darin bestärkt.

Wenn in vergangenen Zeiten das Dorf bedroht war, traten alle Bewohner an, um die Bedrohung abzuwenden. Als später aus den Stadtstaaten Nationen entstanden, veranlaßte im Falle einer Bedrohung ein Appell an das Nationalgefühl und das gemeinsame Interesse die Bürger dazu, der gemeinsamen Notlage höchste Priorität beizumessen. Heute, in einem Zeitalter, in dem aus der Erde ein globales Dorf geworden ist, muß der gleiche Grundsatz gelten. Die Bedrohung jedoch kommt nun nicht mehr von außen, sondern von innen.

Die Aufgaben sind gewaltig, und doch finden die Lösungen ihren Anfang in einer einzigen neuen Überlegung. Und die muß sein, jedes einzelne Handeln unseres tagtäglichen Lebens in Frage zu stellen und zu beurteilen, ob es zum Problem oder zur Problembewältigung beiträgt. Und darin, weiterhin darauf zu bestehen, daß sich unser politisches System auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene nachdrücklich und beharrlich den Aufgaben stellt. Dies immer wieder angemahnt zu haben, ist die historische Leistung des Club of Rome.


Der Höhepunkt unserer Reise war die Erkenntnis, daß das Universum harmonisch, zweckvoll und schöpferisch ist. Der Tiefpunkt lag in der Feststellung, daß sich die Menschheit nicht dieser Erkenntnis gemäß verhält.                                 E.D.M.


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