Gegen die neue Mafia

Leoluca Orlando nun Ehrendorktor der Universität Trier

Prof. Leoluca Orlando, seit dem 10. November 2004 Ehrendoktor der Universität Trier, ist einer der mutigsten und der wohl kreativste Anti-Mafia-Kämpfer. Aus Anlaß der Ehrung veröffentliche ich nachfolgend erneut das Interview, das ich vor zwei Jahren mit ihm führte. Gleichzeitig möchte ich auf Leoluca Orlandos beeindruckendes Buch Ich sollte der nächste sein (siehe Rubrik "Buchempfehlungen" auf dieser Homepage) hinweisen.

Orlando heute: "1992, als Falcone, Borsellino und andere von der Mafia ermordet wurden, und in den Jahren danach hatte Italien so etwas wie eine kulturelle Hegemonie im Kampf gegen Korruption und Mafia erreicht. Seit die aktuelle Regierung im Amt ist, muß man sagen, daß dies verlorenging." Er benennt dafür das Beispiel einer Aussage des Ministers für öffentliche Infrastruktur, Pietro Lunardi: "Im Jahr 2001 sagte Lunardi, daß es im Namen des Geschäfts nötig sein könne, mit der Mafia zu leben. Dieser Minister ist bis heute im Amt. So etwas zu sagen ist vielleicht kein Verbrechen. Aber der Schaden, den eine solche Äußerung anrichtet, ist schlimmer als der eines einzelnen Verbrechens. Wenn man die Botschaft sendet, daß Legalität eine Wahlmöglichkeit ist, funktioniert das Legalitätsprinzip nicht mehr."

Die Gesetze Berlusconis in eigener Sache, um sich der Strafverfolgung wegen Bilanzfälschung und anderer Delikte zu entziehen, hält Orlando für "skandalös". Der Politiker weiter: "Wir haben in Sizilien gegen die Mafia gewonnen. Die alte Mafia, die im Namen von Ehre, Familie, Freundschaft mordete, gibt es zwar noch, aber sie kontrolliert die Köpfe der Leute nicht mehr. Inzwischen gibt es eine neue Mafia, die andere Werte pervertiert. Der neue Mafioso ist der, der von Reichtum ohne Regeln spricht." Dieses neue Illegalitätsprinzip könne sich beispielsweise in der Lombardei in Bilanzfälschung ausdrücken. Leoluca Orlando mit Blick auf den Lombarden Berlusconi: "In Sizilien bedeutet es Mafia."

"Der Karren braucht zwei Räder"

Gespräch mit dem Anti-Mafia-Kämpfer Leoluca Orlando

Leoluca Orlando (l.) und Jürgen Streich © by Elisabeth Kann
Der nachfolgende Text ist in gekürzter Fassung in den I.P.I-News - Zeitschrift der International Partnership Initiative, Nr. 4/2002 erschienen
Er wagte es als Erster, den damaligen Ministerpräsidenten Italiens, Giulio Andreotti, öffentlich der Mafia-Kollaboration zu bezichtigen. Die Knüppel, die er, Leoluca Orlando, als Oberbürgermeister von Palermo bei seinem Kampf gegen die Cosa Nostra immer wieder aus Rom zwischen die Beine geworfen bekommen hatte, hätten ihm und seinen Mitstreitern leicht das Leben kosten können. Nach den ermordeten Untersuchungsrichtern Giovanni Falcone und Paolo Borsselino sollte Orlando dem Willen einiger Mafia-Bosse zufolge zur nächsten "prominenten Leiche" werden.

Daß es dazu nicht gekommen ist, hat damit zu tun, daß es der von ihm gegründeten Bewegung La Rete (= Das Netz) und anderen Menschen mit Zivilcourage gelungen ist, die Hoheit über das Leben der Menschen aus den verbrecherischen Händen der Mafia in eine demokratische Verwaltung zu überführen. Ob bei der Wiederbelebung eines seit Jahrzehnten brachliegenden Theaters, der kontinuierlichen Verbesserung des Schulsystems, der Restauration einer Kirche oder der Neuanlage alter Parkanlagen - immer ging es um die Zurückeroberung des öffentlichen Lebens weg von der bedrückenden und alles lähmenden Korruption in eine Richtung, in der das Volk der wirkliche Sourverän ist; um Demokratie, die Abraham Lincoln zufolge die "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk" ist.

Mitten in das nachfolgend (verkürzt wiedergegebene) Gespräch hinein platzte die Nachricht, daß Giulio Andreotti wegen Anstiftung der Mafia zum Mord an einem Journalisten in zweiter Instanz zu 24 Jahren Haft verurteilt worden war. Für Leoluca Orlando war es ein Feiertag. Das Urteil hatte in dieser Form später allerdings keinen Bestand.

Inzwischen ist der Jura-Professor Mitglied des Europarates, Oppositionsführer im sizilianischen Regionalparlament und Präsident des Sicilian Renaissance Institute. I.P.I-News-Miarbeiter Jürgen Streich traf ihn in Hannover.

I.P.I-News: Sie haben als Oberbürgermeister von Palermo und in anderen politischen Funktionen die damals alles beherrschende und zu jeder Gewalttat bereite Mafia entscheidend zurückgedrängt. Was war Ihr Konzept?

Orlando: Es war die Partnerschaft aller aufrichtigen gesellschaftlichen Kräfte. In Sizilien gibt es das Bild des Karrens, der zwei funktionierende Räder braucht, um geradeaus fahren zu können. Das eine Rad symbolisiert das Recht, das andere die Kultur. Wenn diese nicht zusammenwirken, kommt der Karren vom Weg ab. Er kann sogar einen Totalschaden erleiden.

I.P.I-News: Konkretisieren Sie dieses Bild bitte.

Orlando: Wenn nur die Kultur funktioniert, kann es passieren, daß wir zum Beispiel wunderbare Konzerte veranstalten, diese aber zu Ehren der übelsten Mafia-Bosse, deren Macht wir dann stärken. Funktioniert nur das Recht, kann es wie im Deutschland der 30er Jahre geschehen, daß die Menschen sich den Gesetzen - welchen auch immer - entsprechend verhalten, so daß das Recht selbst verbrecherisch wird, weil eben der Respekt vor den Menschenrechten ebenso auf der Strecke bleibt, wie der Respekt vor dem Individuum.

I.P.I-News: Sie sind also der Ansicht, daß Recht und Kultur sich gegenseitig befruchten und nötigenfalls auch korrigieren?

Orlando: Genau. Der Karren muß manchmal auch Hindernisse umfahren. Das gelingt nur, wenn beide Räder sich unterschiedlich schnell drehen - aber eben kontrolliert. Mal muß das eine gebremst werden, mal das andere. Oder eines muß beschleunigt werden.

I.P.I-News: Wie haben Sie diesen Karren in Palermo und schließlich ganz Sizilien so zielgerichtet und energiegeladen auf den Weg bringen können?

Orlando: Indem ich als Oberbürgermeister versucht habe, alle Kräfte - politische und wirtschaftliche auf der einen, kulturelle, kirchliche usw. auf der anderen Seite - zusammenzuführen und auf ein Ziel einzunorden: Nämlich das, daß die Menschen ihr Leben und damit ihre Kultur und ihr Recht selbst bestimmen. Daß beides nicht von eigennützigen und verbrecherischen Kräften diktiert werden darf.

I.P.I-News: Können Sie Beispiele aus der Praxis nennen?

Orlando: Die Mafia beherrschte das gesamte Bauwesen. So war das Teatro Massimo seit 1979 wegen angeblicher Renovierungsarbeiten stillgelegt, damit natürlich ein wesentlicher Teil des kulturellen Lebens. Wir haben alles daran gesetzt, das Theater auf dem Wege privater Finanzierung zum Jahrestag seines 100jährigen Bestehens wieder zu eröffnen. Es ist uns gelungen. Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Claudio Abbado sind aufgetreten. Es war ein unvergeßlicher und symbolträchtiger Tag.

I.P.I-News: In Ihrer politischen Autobiographie Ich sollte der Nächste sein schreiben Sie, daß die Mafia auch das Erziehungssystem beherrschte.

Orlando: Weil sie wußte, daß ihr Schlüssel zur Macht darin bestand, die Menschen unwissend zu halten. Es gab kaum noch reguläre Schulen. Die Kinder und Jugendlichen wurden in privaten Räumen, die größtenteils wiederum von Mafiosi angemietet werden mußten, so unterrichtet, wie die Cosa Nostra es wollte. Meine Mitstreiter und ich haben erreicht, daß es wieder richtige Schulen gibt.

I.P.I-News: Überhaupt haben Sie einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit auf die Situation von Kindern und Jugendlichen gelegt.

Orlando: Sie sind unsere Zukunft und haben das Beste verdient, das es auf dieser Welt gibt.

I.P.I-News: Bitte nennen Sie hierfür Beispiele.

Orlando: Die Mafia wollte die Erinnerung der Menschen an die wunderschöne multikulturelle und tolerante Geschichte Siziliens in Vergessenheit geraten lassen. Denkmäler verfielen. Inzwischen haben Jugendliche Patenschaften über Denkmäler übernommen. Sie kümmern sich um deren Restauration und die Wieder-Bekanntmachung ihrer jeweiligen Bedeutung.

I.P.I-News: Außerdem haben Sie - kann man es so ausdrücken? - die Medien bei Ihrer Kampagne benutzt.

Orlando: Man kann es so ausdrücken. Zunächst sind die Medien von der Mafia benutzt worden. Es gab in Palermo eine einzige Tageszeitung. Und raten Sie mal, auf wessen Seite die stand! Ich habe ihr auch in Wahlkämpfen solange kein Interview gegeben, bis es eine zweite - unabhängige! - Zeitung gab. Da einigte ich mich mit der ersten auf ein Experiment: Kinder konnten jeden Tag beschreiben, was sie bewegt, welche Probleme sie haben. Und ich als Oberbürgermeister habe immer am selben Tag handschriftlich geantwortet und den Brief von einem Polizisten an das jeweilige Kind überbringen lassen. So lernten die Kinder, daß die Anti-Mafia nicht lediglich eine andere Macht ist, sondern ein Herz hat und sich um ihre Belange kümmert. Daß die staatlichen Behörden in ihrem Sinne agieren.

I.P.I-News: Stichwort Öffentlichkeit. Sie selbst waren höchst gefährdet, mußten stark bewacht werden und wohnten in Polizei-Kasernen. Nun nehmen Sie wieder am öffentlichen Leben teil.

Orlando: Ja, die Bürger schützen mich.

I.P.I-News: Wie?

Orlando: Zum Beispiel, indem tausende Frauen Palermos einen Aufruf an die Mafia unterschrieben haben, mir kein Haar zu krümmen, weil sie andernfalls eine Kampagne gegen diese Verbrecher organisieren würden.

I.P.I-News: Gerade erhalten wir die Nachricht, daß der frühere italienische Ministerpräsident Guilo Andreotti zu 24 Jahren Haft verurteilt worden ist. Freunde von Ihnen beglückwünschen Sie.

Orlando: Es gibt zwar nicht den schriftlichen Bweis für Andreottis Zusammenarbeit mit der Mafia, aber die Indizien sprechen für sich. Immer wieder ist unser Kampf gegen die Mafia aus Rom schwer behindert worden, solange Andreotti dort etwas zu sagen hatte.

I.P.I-News: Sie sind auch Abgeordneter in Rom und später des Europaparlamentes geworden.

Orlando: Weil mir bis heute wichtig ist, daß wir, nachdem Sizilien so lange die Krankheit exportiert hat, nun, da es mächtige Mafien in vielen Ländern Europas gibt, die Therapie verbreiten. Die Europäische Union spielt dabei eine wichtige Rolle. Beispielsweise hätte ich nie gedacht, daß ich einmal auf Seiten einer Bank stehen könnte. Die Europäische Zentralbank könnte aber ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung von Korruption und Terrorismus werden.

I.P.I-News: Sie sind ein engagierter Europa-Politiker. Auch ein Weltbürger?

Orlando: Natürlich. Als ich einmal dringend mit meiner Familie aus Palermo verschwinden mußte, habe ich wochenlang in Tiflis Unterschlupf gefunden. Heute gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen meiner Heimatstadt und der Hauptstadt Georgiens.

I.P.I-News: Angenommen, alle Staaten der Welt würden sich partnerschaftlich zusammenschließen und Sie würden Präsident. Was würden Sie dann tun?

Orlando: Ich würde drei Dinge machen: Erstens die Todesstrafe weltweit abschaffen. Zweitens dürfte es keine Reisepässe mehr geben. Und drittens dürften Städte, Gemeinden und Regionen nicht mehr verpflichtet sein, einem Staat anzugehören. Sie müßten frei wählen dürfen, ob sie das oder lieber selbständig eine Stimme im großen Chor darstellen wollen, über dem als gemeinsame Verwaltung die Vereinten Nationen stehen müßten.

I-P.I-News: Soweit sind wir natürlich noch lange nicht. Was beispielsweise halten Sie von der Politik Silvio Berlusconis?

Orlando (lächelt): Berlusconi ist nicht rechts, nicht links. Er hat überhaupt keine Philosophie. Außer der, daß er tut, was für ihn selbst gerade günstig ist. Das ist sehr gefährlich, denn er schafft eine Gesetzgebung, die speziell auf ihn und seine Freunde zugeschnitten ist und auch dann noch wirkt, wenn er gar nicht mehr an der Macht ist. Er könnte zur Marionette seiner eigenen Politik werden. Aber alle werden darunter zu leiden haben. Vielleicht wird so auch der Mafia erneut der Weg geebnet.

I.P.I-News: Ein anderer wichtiger Präsident, Vladimir Putin, führt in Rußland einen autoritären Kampf gegen Korruption, aber auch einen brutalen Krieg mit der Begründung, dieser sei gegen Terrorismus gerichtet.

Orlando: Ich glaube Putin, daß er wirklich Terrorismus und Korruption bekämpfen will. Den Krieg in Tschetschenien hat er von seinem Vorgänger, Boris Jelzin, geerbt. Jelzin war sicherlich kein Mafioso, hat der russischen Mafia aber ein weites Feld überlassen. Putin hat damit jetzt zu kämpfen. Auch er muß das zweite Rad - die russische Kultur - berücksichtigen. Das ist alles andere als ein leichter Job.

I.P.I-News: Haben Sie ein persönliches Lebensmotto?

Orlando: Liebe.

I.P.I-News: Das ist ein Wort, das oft auch mißbraucht wird.

Orlando: Okay. Liebe für das Leben!


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