Rechtschreibreform

Rücknahme
wäre gelebte
Demokratie

Rixa Borns hatte sich ein ganzes Interview lang nachdrücklich für die konsequente Umsetzung der Rechtschreibreform eingesetzt. Doch bei der abschließenden Frage des Moderators des WDR-2-Mittagsmagazins, ob man "herausbekommen" nun zusammen oder getrennt schreibe, mußte sie passen. "Heutzutage schreibt man ja nicht mehr so viel mit der Hand", entschuldigte sie sich. Der Computer, den man inzwischen mehr dazu benutze, wisse schon Bescheid. Lächerlich.

Und erschreckend. Die Dame ist nämlich Leiterin der Matthias Claudius-Grundschule in Münster. Ob sie im Unterricht wohl einen Laptop dabei hat? Damit sie auf Nachfragen ihrer Schüler hin im Elektronenhirn nachschauen kann? Und den Kids so beibringt, daß man eigentlich nichts mehr wissen muß. Die Technik macht´s schon. Und ach ja Schreiben mit Federhalter oder Stift? Das ist in Zukunft sowieso nicht mehr wichtig. Dazu gibt´s ja Tatstaturen und Displays.

Schöne neue Welt der Kommunikation. So einfach wie möglich ungefähr das ausdrücken, was man eigentlich sagen möchte, das soll reichen. Genau in diese Richtung wirkt die Rechtschreibreform. Und die verteidigt, wie könnte es anders sein, der Lehrerverband. Dessen Mitglieder haben das Chaos längst verinnerlicht und geben es ziemlich kritiklos Tag für Tag an unseren Nachwuchs weiter. Sich erneut umzustellen wäre ja mit Arbeit verbunden.

Koryphäen wie Rixa Borns begründen das so: "Sprache entwickelt sich weiter." - Eigentlich ja, wenn man sie der Bevölkerung, der sie gehört, überläßt. Die von Politikern und angeblichen Fachleuten per Ukas verordnete Rechtschreibreform aber ist ein großer Rückschritt. Sie beinhaltet gar manche Idiotie. Völlig zu Recht betont der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass in seinem Aufruf an die deutsche Presse, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, daß "die Kinder infolge dieser Pseudoreform nicht das Leichte, sondern das Falsche" lernen.

Wer nur ist auf die kontraproduktive Idee gekommen, einen besonderen Vorteil der deutschen Sprache in ihrer Schriftform nämlich den, daß sie ebenso feine wie deutliche Unterscheidungen ermöglicht schlichtweg zu tilgen? Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek bringt das in einem Schreiben, in dem sie die Rückkehr der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur alten Rechtschreibung befürwortet, so auf den Punkt: "Endlich können wir alleinstehenden Menschen uns nun, da wir nicht mehr allein stehend sind, wieder hinlegen." Und natürlich sind "schwer fallen" und "schwerfallen" zwei völlig verschiedene Geschehnisse.

Wenn Politiker eine Verschlechterung der Sprache also die Tendenz zur Verdummung statt zum Fortschritt - verordnen, ist das ein höchst bedenklicher Vorgang. Würde er sich durchsetzen, könnte es nicht nur dumm laufen, sondern richtig gefährlich werden. Was wäre, wenn Politiker in einem weiteren Schritt nicht nur bestimmen, was wie zu schreiben, sondern auch, was wie zu bezeichnen ist?! Ab da könnte einem Obrigkeits-gewollten "Neusprech", vor dem George Orwell in seinem Roman 1984 eindringlich gewarnt hat, Tor und Tür geöffnet sein. Mit allen politischen und gesellschaftlichen Folgen. Dazu noch einmal Günter Grass: "Das Festhalten an einem mißlungenen Reformversuch gegen den entschiedenen Willen der Bevölkerung nimmt (...) doktrinäre Gestalt an und widerspricht unserer mühsam erlernten demokratischen Verhaltensweise."

Dieser Sichtweise schließe ich mich als Journalist und Buchautor an. Ich unterstütze die Forderung zahlreicher Kolleginnen und Kollegen in Verlagen und Redaktionen nach einer kompletten Rückkehr zur alten Rechtschreibung.

Daß ein bißchen Komma-Entrümpelung ebenso guttut wie die Aufhebung des st-Trennverbots betrachte ich als normale Sprach-Evolution.

Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auf diesen Webseiten darüber hinausgehende Relikte der neuen Rechtschreibung finden, bitte ich Sie, mir diese nachzusehen. Ich war zwar nie glücklich mit der neuen Schreibung, fand bei der Umstellung aber, daß es besser sei, sich an eine Regelung zu halten, als zum allgemeinen Chaos beizutragen. Das war ein Fehler, denn das jetzige Chaos, das eine Generation von Legasthenikern zur Folge haben dürfte, haben die Reformer zu verantworten. Als wenn es um die Bildung nicht schon schlecht genug bestellt wäre.

Ein paar Sätze noch an die Adresse von Verlags- und Redaktionsleitung des Nachrichtenmagazins Spiegel: Sich als selbsternanntes "Sturmgeschütz der Demokratie" mit einer Titelstory an die Spitze der Gegner der Rechtschreibreform zu setzen und vollmundig zu verkünden, die neuen Regeln niemals anzuwenden, sich dann aber kleinlaut auf die butterweiche Kompromißlösung der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen zurückzuziehen, ist schlichtweg opportunistisch und auch ein bißchen feige.

Würden Blätter wie der Spiegel sich statt dessen der FAZ anschließen, käme niemand mehr an dem Weg, der zurück nach vorn führt, vorbei. Die sogenannte Vierte Gewalt, die Gesamtheit der Medien, könnte so beweisen, daß sie ein wirklicher Statthalter der Demokratie ist. Insbesondere dann, wenn es um die Sprache, die Basis jeglicher Demokratie, geht.

Man kann und sollte die manchmal übers Ziel hinausschießend konservative Grundhaltung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchaus kritisch betrachten. Doch für ihren Mut, im Sinne der Pflege der Sprach- und Schriftkultur einen positiven Dammbruch zu versuchen, muß man ihr dankbar sein.

Möglichst präzise Sprache ist eine Absicherung gegen kollektive Verblödung, etwas, dessen Lenkung eine Gesellschaft niemals aus den Händen geben darf. Und seien die Institutionen, die die Steuerung gerne übernehmen wollen, auch noch so frei gewählt.

Nachtrag aus aktuellem Anlaß:

Ich habe diesen Beitrag kurz nach Beginn der Übergangsfrist zwischen den Schreibweisen verfaßt, ihn aber all die Jahre in der Rubrik "Aktuelles" belassen. Widerstand gegen "staatlich verordnete Legasthenie", wie Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust und der Vorsitzende der Axel-Springer AG, Mathias Döpfner, die Reform nannten - Volksverdummung also -, hielt ich auch dann noch für aktuell, als man den Eindruck haben konnte, daß sich Politiker und manche sogenannten Sprachwissenschaftler, die sich einmal auf einem falschen Weg befanden, mit der Beschädigung der deutschen Sprache auch noch durchsetzen würden. Die Gefahr ist noch nicht vorüber. Teile der Vierte Gewalt, der Medien, haben das Ruder vollmundig, aber abgesehen von FAZ und den meisten Zeitungen des Axel-Springer-Verlages, nur halbherzig in die Hand genommen. Zwar ist die Sprache ihr Werkzeug, doch Spiegel und Süddeutsche Zeitung lavieren derart herum, daß die Rechtschreibung letztlich doch noch schweren Schaden zu nehmen droht. Dabei hätte dem Spuk längst ein Ende gesetzt werden können.

Sprache ist Grundlage beinahe jeglicher Kommunikation zwischen Menschen, macht - wie auch immer - Menschlichkeit aus. Kein Gremium darf sich anmaßen, per Ukas in die Sprache einzugreifen, andernfalls wird es gefährlich. "Die Sprache gehört nicht der Kultusbürokratie. Sie ist Kern der Demokratie. Sie läßt sich nicht auf dem Verordnungswege vergewaltigen", schrieb Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust in der Hausmitteilung der Ausgabe des Magazins vom 9. August 2004. Und: "Auch der Spiegel will sich nicht länger seinen eigenen Argumenten gegen die verunglückte Reform verschließen." - Genau das aber macht er nun schon seit Monaten. Jetzt will er nur noch zur alten Schreibung zurückkehren, wenn "es nicht zu substanziellen Veränderungen" an der Reformschreibung kommen sollte. Dabei war von Bedingungen zunächst nicht die Rede. Jetzt will das selbsternannte "Sturmgeschütz der Demokratie" abwarten, was bei den Beratungen des von den Ministerpräsidenten eingesetzten und kurios besetzten "Rates für deutsche Rechtschreibung" herauskommt...

Die Vierte Gewalt sollte die Sprache vernehmlich vor dem Zugriff von dafür nicht befugten und dazu nicht befähigten Politikern und ihren Schergen in Schutz nehmen und nicht nur davon reden. Sollte der Spiegel in Sachen Rechtschreibung ein zweites Mal nur große Töne gespuckt haben und sich dann feige dem Mainstream anschließen, würde sich das Magazin in dieser Frage endgültig lächerlich machen. Von "staatlich verordneter Verdummung" hat Chefredakteur Stefan Aust noch im Sommer gesprochen. Dabei wissen Spiegel-Leser laut Eigenwerbung doch mehr. Der Schriftsteller Günter Kunert hat schlicht recht, wenn er betont, daß, wer sogenannte Experten an der Sprache "herumfummeln läßt, mitschuldig daran (wird), daß wir Deutschen auch im Denken immer mehr absacken."

Ungeachtet dessen ist denen, die behaupten, die Reformgegner würden das Chaos nur noch verschlimmern, entgegenzuhalten: Die Katastrophe haben - wider besseren Wissens - die Reformer angerichtet. Die Gegner haben von Beginnn an davor gewarnt. Wem aber die Qualität der Sprache aufgrund irgendwelcher Beschlüsse gleichgültig ist, der oder die hat nichts an verantwortlicher Position zumindest in dieser Frage zu suchen, weil er / sie nicht verstanden hat, worum es geht, mithin Teil des Problems und nicht der Lösung ist.

Im obigen Text habe ich auch den Lehrerverband angegriffen. Dieser neigt nun auch deutlich der Rücknahme der Rechtschreibreform zu. Erfahrung macht selbst manche Pädagogen klug.

Bitte beachten Sie auch die Kritik des neuen Dudens Die Reform der Reform nimmt Gestalt an in der Rubrik "Aktuelles".

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