"Größere Gefahr denn je"

Hermann Scheer, Jahrgang 1944, erhielt den Alternativen Nobelpreis 1999. Er ist Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 1980 zog er in den Bundestag ein und konzentrierte sich fortan auf Abrüstungs- und Energiepolitik. Scheer ist Gründer und Präsident von Eurosolar, der Vereinigung für das solare Energiezeitalter, die 3.500 Mitglieder hat. Scheer, der dem SPD-Parteivorstand angehört, gibt die Zeitschrift Das Solarzeitalter sowie das Yearbook of Renewable Energies heraus. Das nachfolgende Interview erschien in den I.P.I-News, der Zeitschrift der International Partnership Initiative, Nr. 4/1995.

I.P.I-News: Vor knapp zehn Jahren - Michail Gorbatschow war seit wenigen Monaten der mächtigste Mann der Sowjetunion - erschien Ihr Buch Die Befreiung von der Bombe. Tatsächlich sind die Bomben weniger geworden. Befreit ist die Welt vom nuklearen Damoklesschwert aber noch nicht.

Scheer: Im Gegenteil, die von Atomwaffen ausgehende Gefahr ist heute größer denn je. Das liegt an der Lernunfähigkeit des Westens. Die große Chance für eine vollständige Atomabrüstung bis zum Jahr 2000 - 1986 von Gorbatschow vorgeschlagen -, ist fünf Jahre später, nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes, in höhnischer Weise verspielt worden.

I.P.I-News: Inwiefern?

Scheer: Kernwaffen wurden lange Zeit mit der Balance zwischen zwei atomar gerüsteten Blöcken und westlicherseits mit der angeblichen konventionellen Überlegenheit des Warschauer Paktes begründet. Heute ist die NATO allen anderen Mächten eindeutig konventionell überlegen. Gleichzeitig ist atomare Balance nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes nicht mehr relevant. Die neuen Begründungen beziehen sich auf die angeblichen Gefahren aus dem Süden - also gegenüber Ländern, die konventionell klaftertief unterlegen sind, die gleichzeitig noch keine Atomwaffen haben. Dies ist eine Einladung an diese Länder insbesondere im islamisch-arabischen Raum - selbst Atomwaffen herzustellen.

I.P.I-News: Ist Denken und Handeln der NATO-Regierungen noch immer von militärischen Aspekten geprägt?

Scheer: In unverantwortlicher Weise, denn in Zeiten einer kulturellen Emanzipation der islamischen von der westlichen Welt ist klar, daß diese Länder niemals ein nukleares Zwei-Klassen-Völkerrecht akzeptieren werden. Tatsächlich hat der Westen, der sich als Verhinderer der Proliferation atomarer Waffen aufspielt, den Herd der Weiterverbreitung angefacht.

I.P.I-News: In dieser Zeit zerfällt die Welt in immer mehr Nationalstaaten. Dabei kommt es zu grausamen und eskalationsträchtigen Konflikten.

Scheer: Das hängt damit zusammen, daß die neue Weltordnung, so, wie Willy Brandt es 1991 ausgedrückt hat, zu einer neuen Welt-Unordnung geworden ist. Das hängt wiederum damit zusammen, daß es zwar einen Umbruch im Osten gegeben hat, aber einen, der mit völlig falschen Maßstäben angegangen worden ist, der mehr neue Gefahren hervorgerufen als neue Lösungen für die Menschen geschaffen hat. Dies hält unverändert an. Gleichzeitig übersieht der Westen, der eigentliche Profiteur gegenüber der gesamten Welt, daß die zunehmenden sozialen Diskrepanzen in der Welt Antworten und Reaktionen erzwingen.

I.P.I-News: Sie werfen dem Westen also Unflexibilität vor.

Scheer: Ja, denn entweder findet er positive Antworten auf die neue Situation, also Wege hin zu einer wirklich egalitäreren Welt. Oder es gibt aufgrund der zunehmenden Ungleichheit zwischen Völkern und Kontinenten blutige Barbarei, weil keine von humanen Werten getragene Perspektive gegeben ist und die Menschen nicht mehr daran glauben.

I.P.I-News: Welche Reaktionen hat dies zur Folge?

Scheer: Diese Entwicklung ist der eigentliche Grund für die Flucht in den Nationalismus. Barbarische Konflikte auszutragen ist gewissermaßen der deutlichste Ausdruck dieser ganzen Entwicklung. Gleichzeitig erleben wir eine dramatische Zunahme der Sektenbildung, die Ausbreitung faschistischer Milizen. Und wir erleben, daß sich multinationale Konzerne zu Staaten in der Staatenwelt entwicklen. So kann sich keine politische Ordnung, die auf die Menschheitsbedürfnisse Rücksicht nimmt, entfalten.

I.P.I-News: Der britische Schriftsteller H.G. Wells ist der Ansicht, "Herrschaftstreue und Ergebenheit erleichterten die Hetze der internationalen Unruhestifter". Stimmen Sie dem zu?

Scheer: Bezogen auf das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ja. Heute kommen neue Faktoren hinzu. Nämlich eine zunehmende Unübersichtlichkeit und Hilflosigkeit gegenüber komplex erscheinenden Prozessen, bei denen alles scheinbar miteinander verwoben ist und sich das Gefühl ausbreitet, es gäbe obwohl die Entwicklung abschüssig ist - keine Alternative. Deswegen gibt es einen Fatalismus, eine Lähmung der Gesellschaft gegenüber solchen Entwicklungen und gleichzeitig die Flucht zu neuen Autoritäten.

I.P.I-News: Was bedeutet das praktisch?

Scheer: Die demokratischen Gesellschaften erscheinen heute gegenüber solchen gefährlichen Entwicklungen sehr passiv. Das gilt insbesondere für die politischen Strukturen. Gott sei Dank noch nicht für die Gesellschaft insgesamt, weil es ja auch zunehmende Aktivitäten gibt, sich gegen diese Verhältnisse zu wehren. Aber das Sich-wehren alleine ist noch keine Perspektive. Es ist wichtig, damit man die weitere Fehlentwicklung aufhalten kann. Aber wenn die politischen Verantwortungsträger, die für programmatische Alternativen zuständig sind, versagen, dann bleibt die Chance, die sich aus den Protesten ergibt, ungenutzt.

I.P.I-News: Befindet sich die Staatengemeinschaft möglicherweise in der fatalen Situation, aus Gründen der Absicherung gegen Despoten vom Schlage eines Saddam Hussein nicht unter ein bestimmtes Niveau abrüsten zu können?

Scheer: Das glaube ich nicht. Diejenigen, die denen, die damals gegen den Golfkrieg waren und ihnen Appeasement-Politik vorwarfen, waren die gleichen, die Saddam Hussein bis 1990 aus nacktem Krämerinteresse geholfen haben, aufzurüsten und eine Atomrüstung vorzubereiten. Man hat zugesehen, wie er Chemiewaffen eingesetzt hat, ohne daß das zu Handelssanktionen und einer Unterbrechung der Waffenlieferungen geführt hat. Husseins Krieg gegen den Iran wurde ja sogar begrüßt und unterstützt. Das heißt, Saddam Hussein ist eine Mißgeburt einer falschen Politik. Das zu ignorieren und dann zu sagen, jetzt müssen wir Waffenpotentiale aufrechterhalten, ist schlicht und einfach eine zynische Verdrehung der tatsächlichen Verantwortlichkeiten. Tatsächlich sind für hochindustrialisierte Gesellschaften klassische Armeen ein Anachronismus geworden.

I.P.I-News: Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?

Scheer: Wir müssen einer völlig anderen Dimension von Sicherheit kommen. Sie definiert sich nicht mehr in erster Linie militärisch.

I.P.I-News: Der im Frühjahr 1995 unbegrenzt verlängerte Kernwaffensperrvertrag verpflichtet die Atomwaffenstaaten zur zivilen Zusammenarbeit mit den anderen Ländern auf nuklearem Sektor. Demnach ist die friedliche Nutzung von Kernernergie also ein Segen für die Menschheit?

Scheer: Das war das Denken der sechziger Jahre. Damals glaubte man noch an die Chance einer emissionsfreien Stromversorgung für alle Zeiten mit Hilfe der Atomtechnologie. Das hat sich als Irrglauben herausgestellt. Der leichteste Weg zu Atomwaffen führt über die friedliche Nutzung der Kernkraft, indem man sich auf diesem Wege die notwendigen Fachleute heranzüchtet und an die notwendigen Materialien herankommt. Außerdem wissen wir heute besser als je zuvor, daß es eine nicht-fossile Alternative zur Atomtechnologie gibt. Das ist die Solartechnologie. Sie ist in der Tat eine Energie für alle Zeiten. Sie kann das einlösen, was die Atomtechnologie nur versprochen hat.

I.P.I-News: Sie fordern eine radikal andere Energiepolitik. Wie ist diese umzusetzen?

Scheer: Man muß den Atomwaffensperrvertrag jetzt um einen Solaren Verbreitungsvertrag ergänzen. Wir brauchen statt einer Internationalen Atomenergieagentur eine Internationale Solarenergieagentur, um den nicht-kommerziellen Technologietransfer zur Nutzung erneuerbarer Energien in die Dritte Welt zu organisieren. Das abzulehnen bedeutet, daß immer noch nicht begriffen worden ist, wo die eigentlichen Zukunftschancen liegen.

I.P.I-News: Woran liegt das?

Scheer: Es heißt immer, man müsse warten, weil die Nutzung der Sonnenenergie noch zu teuer sei, neben den unsäglich dummen Behauptungen, hinter denen egoistische Interessen des jetzigen Energiewirtschaftssystems stecken, eine Versorgung aus erneuerbaren Quellen funktioniere nicht. Je länger wir warten, diesen Weg zu gehen, desto teurer wird es, denn desto größer werden die Versorgungsengpässe mit herkömmlicher Energie und desto umfangreicher werden die unkorrigierbaren Umweltschäden durch den Einsatz herkömmlicher Energieträger - fossiler wie atomarer.

I.P.I-News: Wells propagierte die Weltregierung als Instrument zur Lösung derart großer Menschheitsprobleme.

Scheer: Ich glaube nicht an die Weltregierung, weil sie eine Rationalität der bestehenden Regierungen voraussetzt. Die Notwendigkeit einer Weltregierung wird ja gerade damit begründet, daß die nationalen Regierungen viel zu irrational handeln. Da man aber zu einer Weltregierung nur über die nationalen Regierungen kommt, ist klar, daß die Teufelsaustreibung, die durch eine Weltregierung gesucht werden soll, nicht von den Teufeln selbst realisiert werden kann. Wells war in dieser Frage optimistischer als ich es bin.

I.P.I-News: Wie wollen Sie denn so gewaltige Umbrüche verwirklichen, wie Sie sie selbst fordern?

Scheer: Wir müssen verstehen, wie derartige Machtfülle in den Händen weniger Staaten und von immer weniger Unternehmen monopolisiert werden konnte. Ich glaube, das hängt damit zusammen, daß das fossile Zeitalter diese Zentralisierung geradezu ermöglicht hat. Die natürlichen Vorkommen für Energie, die man aus der Erde holt und für die mineralischen Rohstoffe sind begrenzt, die Stoffe sind an verhältnimäßig wenigen Plätzen der Welt zu finden. Das birgt für diejenigen, die über die Förderplätze verfügen, die Möglichkeit, andere abhängig zu machen. Die Alternative liegt auf der Hand - es ist gleichzeitig die ökologische: die Nutzung der erneuerbaren Energiequellen und Rohstoffe, die jedem Land zur Verfügung stehen, die nicht erschöpft werden können.

I.P.I-News: Spielen die Vereinten Nationen bei der Bewältigung solcher Zukunftsaufgaben eine Rolle?

Scheer: Ja, aber sie können ihre Aufgaben erst dann erfüllen, wenn sie finanziell unabhängig sind. Eine Geldquelle für die Weltorganisation könnte man mit der zwingend notwendigen Besteuerung des Flugtreibstoffs schaffen. Man könnte die Einnahmen aus dem nationalen Flugverkehr in die nationalen Kassen, und die aus dem internationalen Flugverkehr in den UN-Haushalt leiten. Ich habe ausgerechnet, daß man, würde Flugbenzin so besteuert, wie gegenwärtig die Kfz-Treibstoffe, jährliche Einnahmen von 200 Milliarden Dollar erzielen würde. Die würden sich zwar vermindern, weil ein Ziel ja ist, daß weniger verbraucht wird, aber wenn man unterstellt, daß vielleicht die Hälfte dieser Summe aus internationalem Flugverkehr übrig bleibt, hätten die UN-Institutionen endlich die Finanzausstattung, die sie bräuchten.

I.P.I-News: Hapert die Wirksamkeit der Vereinten Nationen nur am Geld?

Scheer: Nein, nicht nur. Gleichzeitig müßte das UN-System dezentralisiert werden. Es ist überbürokratisiert und arbeitet deshalb uneffektiv und ohne wirkliche demokratische Kontrolle, die auch dort notwendig ist.

I.P.I-News: Denken Sie an ein Weltparlament?

Scheer: Wichtiger als ein Weltparlament ist eine wirklich kritische Weltöffentlichkeit. Alles, was ohne Öffentlichkeit geschieht, kann lange Zeit in unerträglicher Weise weiterlaufen.

I.P.I-News: Kommentieren Sie bitte Wells' These: "Nur durch kluge Kontrolle der Bevölkerungszahl vermag der Mensch sich außerhalb jenes Konkurrenzkampfes zu stellen, der bisher für die Entwicklung der Arten bestimmend war."

Scheer: Die Frage ist, wie bei allen solchen Vorschlägen: Wer kontrolliert? Und was ist der eigentliche Grund für das Bevölkerungswachstum? Man kann sehr deutlich erkennen, daß sich die Bevölkerungsexplosion dort vollzieht, wo der größte Energiemangel herrscht. Die Energiekette beginnt beim Menschen. Viele Kinder sind der Ersatz für fehlende Energie, die im Überlebenskampf gebraucht wird. Wir begreifen die Energiefrage als eine Fachfrage unter mehreren und nicht als den elementaren Ausgangspunkt jeglicher menschlichen Aktivitäten und haben den Menschen aus der Energiekette wegdefiniert.

I.P.I-News: Ist dieser Fehler korrigierbar?

Scheer: Von dem Augenblick an, in dem wir eine ausreichende Energieversorgung für alle haben - was nur mit Hilfe der erneuerbaren Energien möglich ist -, ist das Bevölkerungswachstum zu stoppen. Dann ist es auch zu schaffen, daß die Menschen auf dem Land bleiben. Wenn dieser Weg nicht so schnell wie möglich beschritten wird, dann werden wir in dreißig Jahren hunderte Städte haben mit zehn bis zwanzig Millionen Einwohnern, von denen drei Viertel wie in Mexico City, Sao Paulo, Bombay in Slums leben.

I.P.I-News: Wird genug getan, um einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken?

Scheer: Im Gegenteil. Diese Zeitbombe wird verstärkt durch die schlimmste Fehlentscheidung dieses Jahrzehnts, möglicherweise des Jahrhunderts: die Einbeziehung der Landwirtschaft in das Welthandelsabkommen. Es leben derzeit in der Dritten Welt drei Milliarden Menschen von der Landwirtschaft. Durch die Einbeziehung in das Welthandelssystem wird die Existenz des Kleinbauern vernichtet. Es entstehen mit westlichem Kapital große landwirtschaftliche Einheiten, die für internationale Märkte produzieren und durch Technikeinsatz Menschen überflüssig machen.

I.P.I-News: Worauf muß die Völkergemeinschaft sich Ihrer Ansicht nach also einstellen?

Scheer: Die Vorstellung, es sei für die Weltgesellschaft verkraftbar, daß ein bis zwei Milliarden dieser Menschen in die Vorhöllen der Millionenslums wandern, die dann explosionsartig zunehmen, ist abenteuerlich. Gleichwohl ist diese Aussicht durch eine bigotte Entscheidung von den Fundamentalisten einer weltweiten Handelsfreiheit hervorgerufen worden.



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