Eine Schiffahrt
mit Folgen
Anfang August 1984 befand ich mich an Bord des Greenpeace-Schiffes "Sirius". Die Umweltschutzorganisation hatte mich eingeladen, für den Kölner Stadt-Anzeiger über den Versuch, in den Hafen von Rostock einzulaufen, zu berichten. Greenpeace wollte dort anläßlich des Jahrestages der Einäscherung von Hiroshima den von DDR-Behörden beschlagnahmten Heißluftballon "Trinity" abholen. Mit dem waren ein Jahr zuvor Gerd Leipold und John Sprange über die Berliner Mauer geflogen, um gegen die Nuklearwaffentests der Atommächte zu protestieren. Beide waren nun mit an Bord, ebenso wie Fernando Pereira, der ein Jahr später beim Anschlag des französischen Geheimdienstes auf das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" ums Leben kommen sollte. © by Günter Zint

Die Schnellboote der DDR-Marine waren schon im internationalen Teil der Ostsee bei ihren Störmanövern nicht zimperlich vorgegangen, an der Grenze zur Dreimeilenzone aber machten sie dicht. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht dümpelten sie vor sich hin, für das regenbogenfarbene Schiff gab es kein Durchkommen. Es folgte tagelanges Verhandeln mit den Ostbehörden per Seefunk. Doch letztlich konnte Greenpeace lediglich 2.000 Luftballons, an denen Karten mit der Forderung nach einem Stopp der Atomtests sowie nach spürbarer nuklearer Abrüstung hingen, auf die Reise schicken. Diese trieben dann allerdings präzise in Richtung der Rostocker Innenstadt.

Die "Sirius" mußte nicht zuletzt aufgrund der Gesundheitssituation von Collin Avey abdrehen. Collin hatte als 17jähriger sechs britische Kernwaffentests miterlebt, sich in der damaligen Begeisterung gar einen Atompilz auf die Brust tätowieren lassen und litt nun an Leukämie. Das Telefonat, das er von der "Sirius" aus mit Offiziellen der DDR führte, trieb manchen Zuhörern die Tränen in die Augen. Doch Collin durfte nicht zu lange ohne ärztliche Behandlung bleiben.

Ungeachtet dessen sind weder Greenpeace noch Collin, der in einer internationalen Atomtestveteranen-Vereinigung aktiv war, gescheitert. Im Gegenteil: Durch geschickte Pressearbeit war es mit einer gar nicht so spektakulären Aktion erneut gelungen, die fortgesetzten Atomexplosionen in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Für mich war es eine Schiffahrt mit Folgen, die weit über eine interessante Erinnerung hinausgehen. Auf der Rückfahrt nach Lübeck, als der größte Streß vorüber war, plauderte ich an der Reeling mit dem Leiter der Aktion - Gerd Leipold. Ich erzählte ihm von meinen journalistischen Plänen, er mir von seiner Arbeit, die er als "Traumjob" bezeichnete. Gerd bat mich, auf dem Rückweg ins Rheinland das Hamburger Greenpeace-Büro zu besuchen.

Die daraus resultierende Zusammenarbeit prägte meinen weiteren Weg sehr. Ich übernahm - zunächst neben meinem Job beim Kölner Stadt-Anzeiger ehrenamtlich, dann für kurze Zeit freiberuflich - die Lobbyarbeit für Greenpeace Deutschland und teils auch International in der Bundeshauptstadt Bonn, die ja vor meiner Haustür lag. Ich schrieb mein erstes Buch - betrifft: Greenpeace - über die Organisation, mein Buch Stoppt die Atomtests! eröffnete die Buchreihe Greenpeace-Report bei Rowohlt. Ich lernte durch die Umweltschutzorganisation den Zukunftsforscher und Publizisten Robert Jungk kennen, der mein Mentor wurde. Und viele andere bis heute ganz verschieden aktive Personen, zu denen ich teilweise bis heute Kontakt habe.

Ich nahm als "Greenpeace-Berichterstatter" an Aktionen teil, aber eben auch als Lobbyworker, wie wir das nannten, an internationalen Konferenzen. So verfolgte ich es mit Sympathie, als eine Kollegin von damals, Cornelia Durrant, Präsidentin von Greenpeace International wurde; eine andere, Monika Griefahn, Umweltministerin von Niedersachsen und nun Kulturausschußvorsitzende des Deutschen Bundestages. Und war natürlich tief traurig, als der Greenpeace-Pionier und langjährige internationale Vorsitzende der Organisation, David McTaggart, mit dem ich 1985 ein paar Tage in Genf zusammengearbeitet hatte, bei einem Autounfall ums Leben kam.

Ich selbst habe mich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre als freier Journalist und Sachbuchautor mit den Schwerpunktthemen Umwelt und Abrüstung selbständig gemacht. Eine gewisse Nähe zu der Organisation, bei der ich mehr als meine Ausbildung in Umwelt- und Abrüstungsfragen gemacht hatte, blieb. Noch zweimal fuhr ich auf Greenpeace-Schiffen mit; einmal mit der "Rainbow Warrior II" nach Leningrad, wie es damals noch hieß, wo 1989 die neue sowjetische Sektion der Umweltschutzorganisation der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und berichtete für die taz, natur und einige Rundfunkanstalten. Später leitete ich Seminare für die regionalen Pressesprecher. Schließlich hatte alles ja einmal begonnen, als ich Greenpeace selbst als Pressevertreter gegenübertrat.

Zwar hatte ich in der Zwischenzeit durchaus auch Kritik an der Organisation. Zum Beispiel die, daß einige Urgesteine manch anderen ganz schön im Weg rumstanden bzw. noch stehen. Doch das ist ein anderes Thema.

Gerd Leipold aber hat immer auch über den Tellerrand hinausgeschaut. Wenn er sich diese Fähigkeit bewahrt hat - wofür einiges spricht -, könnte er der richtige Mann sein, den Umweltdinosaurier Greenpeace International in Zeiten, in denen sich dieser wandeln muß, zu führen. Nach knapp einem Jahr seiner Geschäftsführung scheint sich das zu bewahrheiten. Nach außen tritt er vergleichsweise leise auf, nach innen denkt er strategisch und lenkt ensprechend.

Über das Gespräch an der Reeling der "Sirius" anno 1984 bin ich jedenfalls heute noch froh. Und wünsche Gerd Leipold eine glückliche Hand am Ruder.

Bitte beachten Sie auch die Seiten

- Danke, David! - Zum Tod des Greenpeace-Pioniers David McTaggart (Archiv)
- Wechsel an der Greenpeace-Spitze (Archiv)
- Stoppt die Atomtests! (Eigene Bücher)
- betrifft: Greenpeace (Eigene Bücher)


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