Wolfgang Schorlau
Die blaue Liste
Kriminalroman mit realem Hintergrund
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2003
ISBN 3-462-03318-2
19,90



Georg Dengler hat die Schnauze voll vom Bundeskriminalamt. Dem erfolgreichen Terroristen-Fahnder geht es gehörig gegen den Strich, wie mit seinen Ermittlungsergebnissen im Kräftespiel zwischen Politik, Justiz und BKA umgegangen wird, daß die Wahrheit mitunter zugunsten angeblich höherer Staatsinteressen auf der Strecke bleibt. Da es Gründe genug gibt, einiges in seinem Leben zu verändern, steigt er aus und wagt als privater Ermittler die Selbständigkeit.

Da er Zahlungsverpflichtungen und nicht viel auf dem Konto hat, ist er bereit, auch langweilige Jobs wie etwa Recherchen in einer Eifersuchtsangelegenheit zu übernehmen. Ein anderer Auftraggeber will seine Lebensgefährtin von einem Trauma befreien: Ihr Vater sei beim Absturz der Lauda-Air-Maschine anno 1991 in Thailand ums Leben gekommen, habe die Tochter aber zu einem Zeitpunkt angerufen, wo das - auf den ersten Blick - nicht mehr möglich war. Der Beweis, daß er in den Flugzeugtrümmern umgekommen ist, werde ihr endlich Seelenfrieden bringen. Aufgrund Denglers Verbindungen zu Kollegen beim BKA scheint nichts einfacher als das, freut der Ex-Beamte sich schon auf leicht verdientes Geld.

Doch dann ergeben sich Ungereimtheiten. Sollte der Mann tatsächlich noch am Leben sein? Wieso hat er dann aber nie Kontakt zu seiner Familie, zu der er ein ausgezeichnetes Verhältnis hatte, aufgenommen? Außerdem hatte der progressive Wirtschaftswissenschaftler im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung große Pläne. Mit einer Anzahl eigens dafür ausgesuchter Treuhand-Firmen wollten er und seine Mitarbeiter ein Experiment wagen.

Der Autor Wolfgang Schorlau führt den Leser an wechselnde Orte und mitunter viele Jahre zurück, zum Beispiel zum Mord am damaligen Treuhand-Chef Detlef Carsten Rohwedder und der Schießerei auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Seine Beschreibung, wie es damals innerhalb der RAF zugeangen sein und wen sie in ihren Reihen gehabt haben könnte, ist durchaus bedenkenswert.

Schorlau erhebt keinerlei Anspruch auf Richtigkeit wesentlicher Darstellungen in seinem Buch, weshalb er ja auch einen Roman und keinen weiteren Beitrag zur Sammlung teils unqualifizierter Verschwörungstheorien geschrieben hat. Es ist ihm vielmehr gelungen, um die vielen ungeklärten Details und Merkwürdigkeiten sowohl bei der Auseinandersetzung des Staates mit der späten RAF, als auch der Verscherbelung vieler Treuhand-Firmen herum eine spannende Geschichte zu schreiben. Sie fesselt, obwohl Denglers Recherche weitgehend unspektakulär verläuft. Ein packender Showdown fehlt trotzdem nicht.

In einem Nachwort geht Wolfgang Schorlau auf einige reale Hintergründe seines Buches und seine Motivation, es zu schreiben, ein. Zum Mord an Detlef Carsten Rohwedder schreibt er beispielsweise: "(...) dazu gibt es zwei Erklärungsversionen: die offizielle, die der RAF den Mord zuschreibt, und eine weitere, die hartnäckig behauptet, dies sei eine Geheimdienstoperation gewesen. (...)

Falls es die RAF war, kommt zu der Empörung über diesen feigen Mord das Kopfschütteln über die maßlose Dummheit der Täter, die offensichtlich nicht wußten, wem oder was sie den Weg freischossen.

Der Autor kann nur eine Geschichte erzählen, aber wenn Polizei, Justiz und Politik versagt haben, muß es dem Geschichtenerzähler erlaubt sein zu sagen: Es ist nur eine Geschichte, aber vielleicht war es so."


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