Ein Ökothriller
der Extraklasse
Der 1.000-Seiten-Wälzer Der Schwarm aus der Feder des Kölner Autors Frank Schätzing hat bereits vor seinem offiziellen Erscheinen Rekorde gebrochen: Er ist nicht nur das dickste Buch der Geschichte des Verlages Kiepenheuer & Witsch, sondern erzielte auch bei der Versteigerung der Taschenbuchrechte eine Rekordsumme.

Tatsächlich ist dem Band, von dem eine Startauflage von 100.000 Exemplaren gedruckt worden ist, großer Erfolg zu wünschen. Frank Schätzing, der sich mit dem Mittelalter-Roman Tod und Teufel, dem Polit-Krimi Lautlos und anderen Büchern eine große Fangemeinde schuf und beachtliche Verkaufszahlen erreichte, hat mit Der Schwarm nämlich einen Öko-Thriller der Extraklasse vorgelegt.

Dem liegt das eigentlich nicht neue Szenario einer Bedrohung der Menschheit zugrunde; allerdings auf eine Weise, wie es bisher weder in der Realität, etwa durch einen Atomkrieg, noch in der Fiktion durch Kometen auf Kollisonskurs, Außerirdische, Naturkatastrophen oder Terrorismus je geschehen ist.

Zunächst bleiben lediglich Wale auf ihren Wanderungen aus. Als sie dann endlich an den gewohnten Orten auftauchen, legen sie unerklärlich agressives Verhalten gegenüber Menschen an den Tag. Gleichzeitig läßt die explosionsartige Vermehrung einer neuen Art von Würmern gefrorenes Methan schmelzen, verursacht so Abrutschungen riesiger tektonischer Platten im Meer und mithin Überschwemmungen bisher ungekannten Ausmaßes. Darüber hinaus dringen Heerscharen krebsartiger Wesen, die eine giftige Substanz transportieren, in Küstenregionen und -städte vor. Plötzlich befindet sich die Menschheit in einem Stellungskampf gegen einen unbekannten Gegner auf dem Rückzug. Wesentliche Erkenntnis: Wir sind nicht allein. Und zwar nicht nur im Universum, sondern auch auf unserem blauen Planeten nicht. Von wegen Krone der Schöpfung...

Höchste Zeit für Verhandlungen also. Doch wie kommuniziert man mit einem nicht greifbaren Feind, der die Menschheit offensichtlich als Schädling betrachtet und konsequenterweise vernichten will? - Fragen über Fragen, aber zunächst kaum Antworten.

Frank Schätzing baut mit interessanten Beschreibungen der Charaktere und Lebensgeschichten der handelnden Personen sowie deren Zusammen- bzw. Gegeneinanderwirken an um den Globus verteilten Schauplätzen, detaillierten und präzise recherchierten Darstellungen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge und nicht zuletzt philosophischen Betrachtungen der Rolle und Verantwortung des Homo sapiens in der Evolution ungeheure Spannung auf. Leser, die Der Schwarm schon vor seiner offiziellen Veröffentlichung kannten, konnten das Buch, ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen, kaum aus den Händen legen. Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow hatte recht, als er nach der Lektüre des umfangreichen Manuskriptes befand, daß dieses keine Seite zu lang sei.

Genres in einem Buch zu vermischen, ist schwierig bis gefährlich. Meist fühlen die Leser sich hin- und hergerissen, überfordert. Mit Der Schwarm aber ist es Frank Schätzing gelungen, auf unterschiedlichen Ebenen vieles zu vermitteln und manchen Gedankengang auszulösen, ohne daß der Eindruck aufkommt, hier würden Dinge, die in Sach- oder Fachbücher gehören, in einen Roman gepackt, damit der Autor seine Message loswerden kann. Im Gegenteil: Auf der Basis realer naturwissenschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge denkt Frank Schätzing - eingebettet in eine fesselnde Story - einfach weiter, wohin manches, was die Menschheit (an)treibt, führen könnte und was vielleicht schon lange unbemerkt oder zumindest unberücksichtigt geblieben ist. Ein Buch, das über die 1.000 Seiten hinausgeht, weil es einen auch nach der letzten Zeile nicht losläßt.

Ein Kritkpunkt kann dem Verlag indessen nicht erspart bleiben: Die reformierte Rechtschreibung hat die Schriftsprache und mithin die Kommunikation verschlechtert. Zusammenhänge sind nicht mehr so präzise, wie zuvor, darzustellen, manche tatsächlich gemeinte Bedeutung wird schriftlich in ihr Gegenteil umgekehrt. Gerade ein Buch wie Der Schwarm hätte es verdient, in der herkömmlichen Rechtschreibung veröffentlich zu werden. Und ein Verlag wie Kiepenheuer & Witsch sollte nicht selbsternannten und durch nichts legitimierten Rechtschreibwächtern, die lediglich Verwirrung an Schulen, Universitäten und in der Gesellschaft stiften, auf den Leim gehen. Im Gegenteil könnte er einen großen Anteil zur Bewahrung der Qualität der Schriftsprache leisten, wenn er zur herkömmlichen Rechtschreibung zurückkehren würde. Einen kleinen Schritt in diese Richtung hat er allerdings bereits getan: In Der Schwarm werden Delphine noch oder wieder mit ph geschrieben.

Versehen oder Absicht? - So oder so ist Der Schwarm ein ganz besonderes Buch.

Frank Schätzing
Der Schwarm
Roman
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2004
ISBN 3-462-03374-3
24,90 (D), 25,60 (A), SFR 42,30

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