© by Jürgen Streich Einfach nich' ignorier'n

Über die Idiotie, in Düsseldorf ein Ski-Weltcuprennen auszutragen

Von Markus Brakel

Vor rund 70 Jahren war es noch eine These, höflich in die Form einer Frage gegossen. Mehr ein leiser Zweifel, zaghaft geäußert: Kann es sein, fragte sich da der jüngst durch die Launen des Literaturbetriebs zurecht auf eine Woge der Popularität gehobene Ungar Sándor Márai, daß die Menschen immer verrückter werden, je weiter die Zivilisation fortschreitet? Diese Frage hat sich inzwischen derart eindrucksvoll zur Gewißheit bejaht, daß eigentlich nur noch die gezielt eingesetzte selektive Wahrnehmung vor Teilhabe an dieser scheinbar alles und alle beherrschenden Tendenz zu schützen vermag. Einfach nich' ignorier'n, pflegt mein Kumpel Frido gern zu sagen. Aber das meint er natürlich nicht so.

Und wo wir gerade beim Wegsehen sind: Als geradezu beispielhaft für den real existierenden Wahnsinn auf Basis zivilisatorischer Fertigkeiten mag der jüngste Ausflug der Skiläufer an den Rhein nach Düsseldorf stehen. Als erstes fragt man sich da: Wieso Düsseldorf? Aber das fragt man sich ja immer, wenn die Landeshauptstadt sich in ein Licht zu rücken sucht, das ihrer Geltungssucht den nötigen Glanz verleihen soll, sich jedoch nicht selten als Schein einer tranigen Funzel entpuppt. Daß die Frage richtig gestellt ist, fällt spätestens beim Blick auf die Tatsache auf, dass Düsseldorf mit der in Geiselhaft genommenen gesamten Rhein-Ruhr-Region im Schlepptau die Jugend dieser Welt an ihre Shopping-Meile für seniles Kaufgebahren, ihr Paradies für gut betuchte Greise, die Kö, locken möchte. Da tut es wohl not, der staunenden deutschen Sportwelt im vorolympischen Spiel ohne Grenzen auf möglichst originelle Art zu beweisen, daß man in Düsseldorf genauso sportbegeistert wie närrisch sein kann. Als Beleg für das fast symbiotische Verschmelzen von Narrentum mit dem Sport reicht eigentlich der Modell gewordene Wahnsinn einer hunderte Millionen Euro kostenden neuen Fußball-Arena ohne erkennbaren Nutzer in ebendieser Stadt, der in Kürze Wirklichkeit zu werden droht, schon völlig aus. Oder eben eine solche Veranstaltung, wenn man noch ein Sahnehäubchen möchte.

Aus fehlgeleiteten populistischen Überlegungen heraus hat Düsseldorf sich also dazu entschlossen, der Natur ein Sch(n)ippchen zu schlagen und einer benachbarten Skihalle zu zweifelhaftem nationalen Ruhm als Mitveranstalter zu verhelfen, in dem von dort die ursprünglich weiße, aber schnell angegraute Pracht an die Gestade des Rheins verbracht wurde. Eine dicke Made an Umweltsünde, die sich da feist am Ufer räkelte. Und erst von einem Orkan, mit verursacht vielleicht von einer ihrer Vorgängerinnen, zu der ihr gebührenden Bedeutungslosigkeit verurteilt. Auch Vater Rhein hat schon viel Unvernünftiges erlebt, wie u.a. das bekannteste Lied des wohl bekanntesten Sohnes Düsseldorfs beweist. Und wie reagiert er darauf? Ruhig und unbeirrt fließt er ignorant einfach weiter, läßt sich von derlei Jedöns nicht aufhalten und merkt sich nicht mal die Stelle für ein künftiges Hochwasser vor.

Ganz so glatt wollen wir das aber nicht durchgehen lassen. Wir fragen uns, wie es eigentlich sein kann, dass ein grüner Landes-Sportminister einen solchen Unsinn nicht nur zuläßt, sondern auch noch protegiert? Daß er dabei auf die Öko-Steuer schielt, die für einen Energieschlucker wie eine solche Skihalle ohnehin äußerst happig ausfallen und demnächst nochmal kräftig steigen müßte, dürfen wir wohl bezweifeln. Sein Augenmerk gilt einzig dem zu mehrenden Ruhm einer auf circensisch getrimmten Metropole mit zweifelhaftem Sport-Charisma. Den größten regelmäßigen Zuschauerzuspruch verzeichnete hier zuletzt der Ableger der Europlast-Liga im American Football, Rhein Fire. Aber die spielen künftig in der Arena auf Schalke. Über die allgemeine sportive Tristesse müssen in der Landeshauptstadt ergo Import-Veranstaltungen hinwegtäuschen. So gastierten wenige Wochen vor den Skiläufern schon die Beachvolleyballer auf der Rheinufer-Promenade.

Vesper darf sich nun rühmen, mit über 300.000 Besuchern zum Ski-Event am Rhein auch noch eine mittlere Völkerwanderung ausgelöst zu haben. Allein dafür sollten ihm Parteifreunde mal gründlich das dicke Fell gerben. Der aufwendige Betrieb von Schneekanonen paßt nun einmal nicht nur aus pazifistischen Gründen nicht zu einem Grünen. Selbst, wenn er Minister geworden ist. Den Düsseldorfern sei ihr spöttischer Sohn in Erinnerung gerufen, der dem Wahnsinn seiner Zeit ebenfalls den Spiegel vorhielt und dem man mit solchen Veranstaltungen wohl nicht in Sachen zeitgemäßer Aufklärung nacheifern kann. Auch wenn eines von dessen unterhaltsamsten Werken heißt: "Deutschland, ein Wintermärchen"...

Markus Brakel, 1960 in Ahaus / Westfalen geboren, volontierte von 1983 bis 1985 bei den Westfälischen Nachrichten in Münster und arbeitete dort bis 1990 als Redakteur. Nach zweieinhalbjähriger Tätigkeit als freier Journalist übernahm er von 1992 bis 1995 bei dem lokalen Radiosender Antenne Düsseldorf die Position des Chefs vom Dienst. In dieser Zeit erschien auch sein Kriminalroman Kö-Schatten. Nach Stationen in der Public Relations- und Werbebranche eröffnete Markus Brakel als freier Journalist und Autor ein eigenes Pressebüro.

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