Strafe für Tempo

Ein Beispiel für besonders ungerechte Studiengebühren

Von Tanja Klaes

Als ich 1999 mein Übersetzerstudium an der FH Köln angefangen habe, habe ich über Studiengebühren nicht nachgedacht. Gerade als ich mich nach meinem Grundstudium entschlossen hatte, erst Übersetzen und dann im Anschluß noch Dolmetschen zu studieren, kam die Debatte über Studiengebühren für Langzeitstudenten auf, woraufhin Studenten in vielen Bundesländern die Vorlesungen und ganze Universitäten bestreikten. 2003 habe ich mein Studium in 8 Semestern (Regelstudienzeit) sehr erfolgreich abgeschlossen. Ich habe mich beeilt, weil ich zusätzlich zu meinem Übersetzer-Diplom auch noch ein Erweiterungsstudium Dolmetschen machen wollte und auch nicht ewig studieren will.

Und jetzt muß ich mich gezwungenermaßen mit dem Thema Studiengebühren auseinandersetzen - denn seit Sommersemester 2004 (seit 1. März 2004) müssen alle Gebühren bezahlen, die entweder länger als die anderthalbfache Regelzeit studieren, ein Zweitstudium machen, das 60. Lebensjahr vollendet haben oder Zweithörer sind.

Für mich persönlich heißt das, daß ich Studiengebühren zahlen muß, weil ich schon einen berufsqualifizierenden Abschluß erworben habe und Dolmetschen somit als Zweitstudium angesehen wird. Für mich wurde gar nicht mehr erst ein sogenanntes Studienkonto eingerichtet. Denn nach dieser Regelung hätte ich noch vier Semester Restguthaben, die ich für ein anschließendes Studium hätte verwenden können. Das Studienkontomodell sieht vor, daß ein Studium in der anderthalbfachen Studienzeit abgeschlossen werden muß (also in meinem Fall acht Semester Regelstudienzeit plus vier Semester). Wer länger braucht, gilt nach dieser Regelung dann als Langzeitstudent und muß zahlen. Ich frage mich allerdings schon, warum mir diese vier Semester nicht zuerkannt werden, denn schließlich habe ich nur die Regelstudienzeit gebraucht. Somit werde ich jetzt dafür "bestraft", daß ich mein Studium schnell abgeschlossen und nicht länger rausgezögert habe. Wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich meine Diplomarbeit erst im zwöften Semester geschrieben! Dann müßte ich jetzt keine Studiengebühren bezahlen. Doch kurios, nicht wahr?

Also muß ich jetzt zusätzlich zum Semesterbeitrag (z.Zt. 112,59 Euro) 650 Euro Studiengebühren pro Semester bezahlen. Manch einer mag sagen, daß das ja nicht viel sei. Sicherlich, im Vergleich zu anderen Ländern ist dies nicht viel. Aber man muß das im Zusammenhang mit der Lebenswirklichkeit zahlreicher Studenten sehen. Ich gehe nur auf 400 Euro-Basis arbeiten, d.h. ich gehe quasi zwei Monate nur für Gebühren arbeiten, da ich auch kein Bafög bekomme. Dann sind 762 Euro doch sehr viel Geld.

Dabei hinaus habe ich noch das große Glück, zu Hause wohnen zu können, aber viele meiner Kommilitonen haben diesen Vorteil nicht, da sie nicht aus der Kölner Gegend kommen. Also muß Miete, Verpflegung, Versicherung und vieles mehr bezahlt werden. Viele bekommen entweder gar kein Bafög, oder nicht den Höchstsatz, so daß sie gezwungenermaßen neben dem Studium arbeiten müssen. Sobald man aber nebenbei arbeitet, kann man einige Vorlesungen schon nicht mehr belegen, da sie teilweise nur einmal in der Woche angeboten werden. Man muß sie also in späteren Semestern nachholen. Je nachdem dauert dadurch das Studium länger, und wenn man dann Pech hat, gehört man zu den Langzeitstudenten. Meiner Meinung nach sind die wenigsten "Langzeitstudenten" dies aus reinem Spaß am Studieren, oder weil sie "gebummelt" haben, sondern weil sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Und ob Studiengebühren wirklich zu einer Verkürzung der langen Studienzeiten führen, möchte ich bezweifeln.

Die Studentenwerke befürchten vor diesem Hintergrund, daß sich viele Studenten zu den nächsten Semestern nicht mehr zurückmelden. Nicht, weil sie alle Langzeitstudenten sind, sondern viele die Gebühren nicht bezahlen können. Weniger Studenten führt aber langfristig zu steigenden Wohnheimplätzen, steigenden Preisen in den Mensen, etc.

Man muß sich zudem fragen, wofür Studiengebühren bezahlt werden. Es wird doch überall gespart, auch im Schul- und Hochschulwesen. Das führt längst zu überfüllten Hörsälen, zu vielen Studenten pro Dozent, schlechten Ausstattungen und vielen anderen nicht hinnehmbaren Umständen an den Hochschulen.

Zu diesem Thema kann man sicherlich genauso viel sagen wie zur Gesundheitsreform, wobei die alle betrifft, Studiengebühren aber "nur" die Studenten. Ich hoffe, daß mein Beispiel dazu beiträgt, manch einen ans Nachdenken zu bringen, bevor er oder sie sagt, "Studiengebühren sind ok". Denn ich halte Studiengebühren gür sozial ungerecht. Bildung darf nicht zu einem Privileg der Reichen werden. Im Moment betrifft es "nur" Langzeitstudenten und Studierende im Zweitstudium, aber wie lange bleibt denn wohl das Erststudium noch gebührenfrei?


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