Chemikalien-Tierversuche auf EU-Anordnung:

Grausam und sinnlos

Von Dr. Corina Gericke
(Ärzte gegen Tierversuche)

Obwohl der Tierschutz seit einem Jahr im Grundgesetz verankert ist und damit zum Staatsziel wurde, steigt die Zahl der Tierversuche, wurde im Jahr 2001 die Zweimillionenmarke überschritten. Nach Angaben des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft mußten 2001 allein in Deutschland 2,1 Millionen Tiere im Namen der Wissenschaft leiden und sterben. Damit nicht genug. Die EU-Kommission plant ein neues Testprogramm, bei dem etwa 30.000 alte Chemikalien - vom Terpentin bis zur Textilfarbe, vom Maschinenöl bis zum Pflanzenschutzmittel - auf ihre Giftigkeit überprüft werden sollen. Mindestens 50 Millionen Tiere sollen dafür zu Tode gequält werden.

Gigantisches Tiermassaker

Seit dem Inkrafttreten der EU-Richtlinie 67/548/EEC im Jahr 1981 müssen alle Chemikalien getestet werden - beim größten Teil dieser Untersuchungen handelt es sich um Tierversuche. Anschließend werden die Stoffe klassifiziert und entsprechend beschriftet. Vor 1981 wurden zwar auch schon Tierversuche durchgeführt, allerdings nicht in EU-einheitlichem Rahmen. Genau 100.106 Chemikalien kamen vor 1981 auf den Markt. Die EU plant nun ein Testprogramm, bei dem diese Substanzen noch einmal, dieses Mal in vereinheitlichten Tierversuchen auf ihre mögliche Schädlichkeit getestet werden sollen. Die EU-Kommission will zunächst die 30.000 am häufigsten produzierten Chemikalien überprüfen lassen. Nach einer vom britischen Umweltministerium in Auftrag gegebenen Studie werden hierfür mindestens 12,8 Millionen Tiere leiden und sterben müssen. Diese Zahl erhöht sich auf gigantische 50 Millionen, wenn man die Nachkommen der bei Reproduktionsexperimenten verwendeten Tiere mitzählt.

Schädlich für Mensch und Umwelt

Nach offiziellen Statistiken sind in der EU jedes Jahr etwa eine Million vorzeitiger, durch chemische Substanzen verursachte Todesfälle zu beklagen. Etwa 80 bis 90 Prozent aller Krebsfälle sind auf krebsauslösende, chemische Substanzen im täglichen Gebrauch und in der Umwelt zurückzuführen. Krebs ist in Europa inzwischen bei den 35- bis 65jährigen zur Todesursache Nummer eins geworden. Weitere 120.000 Todesfälle gehen in der EU jedes Jahr auf das Konto von akuten Arzneimittelnebenwirkungen. Im Bereich der chronischen, durch Arzneimittel verursachten Schäden, dürfte die Zahl etwa doppelt bis dreimal so hoch liegen.

Tierversuche als Unsicherheitsfaktor

Die logische Schlußfolgerung muß sein, daß diese Substanzen offensichtlich nicht in genügendem Maße auf ihre Gefährlichkeit überprüft worden sind. Die gängige Methode für die Überprüfung von Chemikalien ist der Tierversuch. Doch weder die vor 1981 durchgeführten, noch die danach in der EU-Richtlinie 67/548/7EEC vorgeschriebenen Tierversuche konnten und können die Verbraucher wirksam vor schädlichen Chemikalien schützen. Auch die jetzt geplanten Tierversuche werden nicht zur Risikoabschätzung dieser Stoffe beitragen. Im Gegenteil, das Testprogramm ist zum Scheitern verurteilt, wenn die EU sich dabei auf den Tierversuch als Testmethode verläßt.

Gerade im Bereich der Giftigkeitsprüfungen zeigen sich immer wieder die gravierenden Unterschiede zwischen Mensch und Versuchstier. Was für den Mensch giftig ist oder Mißbildungen hervorruft, kann für die Ratte harmlos sein und umgekehrt. Die Vorstellung, daß eine Tierart als biologisches Modell für eine andere dienen soll, ist geradezu absurd. Jede Tierart ist einzigartig bezüglich Anatomie, Physiologie und Stoffwechsel (Metabolismus) und besitzt ein nur ihr eigenes Erbgut. Die Reaktion auf giftige Substanzen ist speziesspezifisch, also nur für eine Art charakteristisch. Da neben der biologischen Reaktion auch noch andere Faktoren, wie Haltung, Nahrung, Konstitution usw. eine wichtige Rolle spielen, sind Ergebnisse aus einem Tierversuch nicht nur für die eine Tierart, sondern strenggenommen sogar nur für die betroffenen Individuen gültig.

Diese Tatsache, daß Tierversuche gerade im toxikologischen Bereich besonders unzuverlässig sind, ist auch den in diesem Bereich tätigen Wissenschaftlern bekannt. So ist der Grund für die Beibehaltung der Tierversuche auch nicht deren wissenschaftlicher Wert, sondern die jahrzehntelange Etablierung dieser Methode in der Welt der Forschung.

Wissenschaftliche Testmethoden

Das berechtigte Interesse der Menschen, vor schädlichen Chemikalien geschützt zu werden, kann nicht durch noch mehr Tierversuche gelöst werden. Zu vielen Chemikalien, die seit über 20 Jahren auf dem Markt sind, liegen bereits zahlreiche am Menschen gewonnene Daten vor. Dieses längst vorhandene Wissen muß zunächst ausgewertet werden. Für weitere Informationen steht eine Vielzahl tierversuchsfreier Testmethoden zur Verfügung, die nicht nur sinnvolle, für den Menschen relevante Ergebnisse liefern, sondern zu dem noch viel billiger und vor allem auch schneller sind. Beispielsweise dauert der übliche Tierversuch zur Feststellung krebserregender Eigenschaften einer Substanz drei bis fünf Jahre. Der tierversuchsfreie SHE-Test hingegen liefert verläßliche Resultate schon nach wenigen Wochen.

Diese neuen sogenannten In-vitro-Systeme (in vitro = im Reagenzglas) werden oftmals noch nicht eingesetzt, weil sie zunächst validiert werden müssen. Bei der Validierung werden die Ergebnisse der In-vitro-Tests in langwierigen Studien mit den Ergebnissen aus bekannten Tierversuchen verglichen. Nur, wenn beide übereinstimmen, wird eine tierversuchsfreie Methode behördlich anerkannt und nach einem weiteren langwierigen Vorgehen in die gesetzlichen Bestimmungen aufgenommen. Mit anderen Worten: Die Qualität neuer, sinnvoller Testsysteme wird an einer schlechten, veralteten Methode, die selbst nie validiert wurde, gemessen. Es ist kein Wunder, daß bei diesem Vorgehen bislang nur einige wenige In-vitro-Methoden in die Gesetze aufgenommen wurden. Einzige Ausnahme war der 3T3 NRU-Test zur Bestimmung der Phototoxizität (hautschädigende Wirkung bei Sonnenlichteinstrahlung). Die im Vergleich zwischen Tierversuchsergebnissen und am Menschen gewonnenen Daten war so extrem schlecht, daß der tierversuchsfreie Test nicht, wie üblich, am Tierversuch gemessen wurde, sondern an Menschendaten.

Fazit:

Chemikalien in Gegenständen des täglichen Gebrauchs und in der Umwelt stellen tatsächlich ein unkalkulierbares Risiko für die Gesundheit des Menschen dar. Tierversuche sind jedoch der falsche Weg, um die Sicherheit der Menschen vor schädlichen Substanzen zu gewährleisten. Nur eine sorgsame Auswertung bereits vorhandener, am Menschen gewonnener Daten sowie der Einsatz tierversuchsfreier Reagenzglas-Methoden können zu einer tatsächlichen Abschätzung der Risiken für Mensch und Umwelt führen.

Die Autorin dieses Beitrages, Dr. med. vet. Corina Gericke, ist Fachreferentin und Schriftführerin der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche. Sie war als praktische Tierärztin in England tätig und ist seit 1984 in verschiedenen Positionen aktive Tierversuchsgegnerin. Seit 1999 arbeitet sie hauptberuflich bei der Organisation Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner. Die Ärzte gegen Tierversuche bereiten eine Petition gegen die EU-verordneten Versuche vor. Informationen hierzu und Kontakt zur Autorin: gericke@aerzte-gegen-tierversuche.de

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