AUSSICHTEN

Meine Rede in der Trauerhalle
von St. Audomar, Frechen,
am 29. Mai 2002
anläßlich der Beerdigung von

Werner Stang

Lieber Werner,
liebe Agnes, liebe Yvonne,
liebe Freunde, Verwandte und Kollegen von Werner,
lieber Pastor Korr,

es ist erst ein paar Wochen her, als Werner und ich ganz hier in der Nähe Zukunftspläne schmiedeten. Diese basierten auf jahrelang gewachsenem Vertrauen, denn wir hatten schon einiges miteinander auf die Beine gestellt. Unter anderem haben wir einmal gemeinsam eine Rede, die Werner sehr am Herzen lag, verfaßt. Noch kann ich nicht fassen, künftig auf Deinen Rat und Deine Hilfe verzichten zu müssen, denn es war einer Deiner Charakterzüge, daß Du für diejenigen, die Dir lieb und wichtig waren, zur Stelle warst.

Beim Versuch, mit Worten ein Bild von Dir zu zeichnen - und das kann nur unvollständig sein - ist Dein Gemüt einer der wichtigsten Aspekte. Du konntest mit dem Herzen denken, das Streben nach Gerechtigkeit war Deine wohl wichtigste Grundüberzeugung. Du warst der Ansicht, daß die Menschen durch Wissen und Information am besten fit fürs Leben gemacht werden könnten. Gerade in diesem Punkt ergänzten sich unsere Interessen, Fähigkeiten und Bestrebungen ganz besonders.

Wenn Dir gestern Deine Schüler in einer Zeitungsanzeige dankten, taten sie das ganz bestimmt auch deshalb, weil Du als Erwachsenenpädagoge nicht lediglich einen Job abgewickelt hast. Im Gegenteil - Du hattest immer die Einzelschicksale und Lebensumstände dieser Menschen im Kopf. Oft hast Du mich besucht, damit wir gemeinsam ein paar Zeilen über Deine Schützlinge verfaßten, um ihnen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben zu helfen. Immer warst Du nach Kräften bemüht, die Theorie der Ausbildung mit der Praxis des Arbeitslebens zusammenzubringen. Das habe ich bewundert.

Großen Respekt hatte ich vor Deiner Stehaufmännchen-Mentalität. Nachdem wir uns durch gemeinsame Freunde in einer für uns beide schwierigen Zeit kennengelernt hatten, hat es uns Spaß gemacht, gegenseitig Hebel füreinander in Bewegung zu setzen. Dabei war keiner dem anderen böse, wenn mal was nicht klappte.

Werner hat sich nach einer unschönen Erfahrung im Geschäftsleben nicht hängen lassen - im Gegenteil. Er hat konsequent Auswege verfolgt und sich Ziele gesetzt. Um seine Familie durchzubringen und sein Studium zu finanzieren, war er sich für kaum etwas zu schade. Ich erinnere mich noch genau an folgende Begebenheit: Jemand, der für Werner und einen gemeinsamen Freund vielleicht hätte wichtig werden können, besichtigte eine Firma, in der Werner aushalf. Jemand Weiteres kam auf den Einfall, daß Werner sich für die Zeit vielleicht zurückziehen solle, damit nicht der Eindruck aufkomme, er verrichte mindere Tätigkeiten. Doch Werner blieb beinahe demonstrativ und begründete das so: "Arbeit schändet nicht." - Ein Spruch, den ich mir besonders gut gemerkt habe.

Wenn wir uns getroffen haben, hatte Werner im wahrsten Sinne des Wortes einen guten Geschmack, was die Auswahl der Örtlichkeiten anging. Er wußte, welches Gericht oder Getränk in welchem Restaurant besonders empfehlenswert war und kannte mitunter gar Vorzüge und Macken einzelner Kellner. Wer Dich, lieber Werner, kannte, weiß, daß die künstliche Nahrung, die Du zuletzt im Krankenhaus bekommen hast, nichts für Dich war.

Auch in einem anderen Lebensbereich, den ich sehr wichtig finde - nämlich in Sachen Humor - stimmten wir völlig überein. Heute ist nicht der Tag, Beispiele dafür zu nennen. Aber Dein verschmitztes Lächeln, das oft in herzhaftes Lachen überging und Deine mitunter diebische Freude über bestimmte Begebenheiten sind Dinge, die ich nie vergessen werde.

Überhaupt heißt es ja, nur Menschen, die man vergißt, seien wirklich tot. Daran ist was Wahres. Du und ich hätten uns noch so sehr streiten können - die Gefahr dafür gab es allerdings nicht -, doch im Sinne von Demokratie und Menschlichkeit hätten wir immer Seit´ an Seit´ gestanden, dessen bin ich mir sicher. Solche Freunde vergißt man nicht. Viele Gedanken von Dir sind fester Bestandteil meiner eigenen Denkrichtung geworden. Ich werde sie weitertragen, das ist fest versprochen.

In der Vergangenheit haben wir manches miteinander bewegen können; in Zukunft werde ich Dich in Gedanken oft fragen, was Du denn von meinen Plänen und Aktivitäten hälst. Und auch sonst wird mich Vieles an Dich erinnern.

Welche Art Mensch jemand war, zeigt sich meines Erachtens nach immer auch ein wenig an seinen Nächsten. Deine Frau Agnes und Deine Tochter Yvonne haben besonders in den zurückliegenden schweren Tagen bewiesen, welch starke Frauen sie sind. Auch und gerade in ihnen lebt ein Stück von Dir weiter. Darauf kannst Du sehr stolz sein.

Sie haben Dir in der Hoffnung auf Dein Erwachen u.a. Deine Lieblingsmusik vorgespielt. Auch da haben wir eine Gemeinsamkeit. "Bridge Over Troubled Water" ist auch eines meiner Lieblingslieder. Doch wenn ich künftig einmal durch oder über schwere Wasser muß, wird mir ein guter Freund und verläßlicher Mitstreiter fehlen.

In den letzten Tagen habe ich natürlich besonders viel über Dich nachgedacht. Da fiel mir dann eine Textzeile des Kölner Musikers Thommie Engel ein. Sie lautet kurz und knapp: "Du häs´ et joot jemaat!"

In Antoine de Saint-Exuperys Buch "Der kleine Prinz" heißt es: "Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben."

Ich weiß nicht, wann sich meine Trauer über Deinen Tod legen wird. Aber froh und glücklich über unsere Freundschaft bin ich schon lange und werde es immer bleiben.

Du weißt ja: "Niemals geht man so ganz." Ein Teil von Dir bleibt hier.


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