© by Maria Ostler-Scharl Super-GAU vor 15 Jahren

Tschernobyl läßt einen nicht mehr los


Der nachfolgende Text, der im Aktuelles Zeitgeschehen Informationsdienst erschien, entstand auf der Basis der Recherchen, die ich für einen Beitrag zur ARD-Sondersendung Tschernobyl - die Spur von Tod und Lüge im Februar 1996 in der "Verbotenen Zone" anstellte.

Es begann mit einem Experiment, bei dem Sicherheitsmaßnahmen ausprobiert werden sollten und endete in der größten Industriekatastrophe der Geschichte - dem Super-GAU von Tschernobyl. Ein großer Teil des radioaktiven Inventars des RBMK-1000-Reaktors, der zuvor auch von westlichen Experten als sicher betrachtet worden war, drang in die Umwelt. 140.000 Menschen mußten evakuiert und verschiedene Sperrzonen eingerichtet werden. Auch zehn Jahre nach der Explosion des Atommeilers ist nicht absehbar, wie viele Menschen an Leukämie, Schilddrüsenkrebs und anderen von der Strahlung verursachten Leiden sterben werden. Schätzungen reichen bis in den Millionenbereich. Inzwischen sind in der Kiewer Region und im südlichen Weißrußland besonders viele Kinder krank. Dabei ist unstrittig, daß die Auswirkungen globaler Natur sind.

Ende Februar 1996: Valentina Koleschnikowa und ich wechseln einen vielsagenden Blick. Keine hundert Meter vom Sarkophag um den havarierten Reaktorblock 4 schlägt mein Geigerzähler akustischen Alarm. Er befindet sich in einer geschlossenen Tasche in einem geschlossenen Auto. Gammatrahlung ist durchdringend. Hier erhält man pro Stunde die Strahlenbelastung einer Ganzkörper-Röntgenaufnahme. Im Display wird die Anzahl der Kernzerfälle in unmittelbarer Umgebung aufaddiert. Bald ist die Marke 10.000 überschritten. Ein Soldat will verhindern, daß wir die Sicherheitseinrichtungen im Bild haben und zieht vor uns ein Tor zu. Valentinas Mann Valerij hat am Morgen des 26. April 1986, nachdem der Reaktor explodiert war, seinen Dienst in der "Chernobyl NPP", wie die Anlage nun offiziell heißt (NPP = Nuclear Power Plant), angetreten.

Damals, im Frühjahr 1986, hieß die Anlage Lenin-Kraftwerk (die Büste des ersten Sowiet-Führers steht noch heute vor dem Haupteingang). Es wurde an den Reaktoren 5 und 6 gearbeitet, mit denen sie das größte Atomkraftwerk der Welt geworden wäre. Um diesen Status bis weit ins 21. Jahrhundert hinein zu halten, befanden sich die Meiler 7 und 8 bereits in Planung. Zehn Jahre danach - 1996 - stehen zwar immer noch Kräne und andere Großmaschinen auf der Baustelle, doch sie sind lediglich noch nicht entsorgt. Hier rührt sich nichts mehr. Zwei Reaktoren sind während unseres Besuchs am Netz, 7000 Menschen arbeiten hier. Valerij indessen ist krank, kann die kleine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Rand von Kiew kaum verlassen und eine dringend erforderliche Operation nicht bezahlen.

Bevor wir ins Kraftwerk gehen, zeigt Valentina uns ihre frühere Heimat. Auf dem Weg dorthin ergibt eine Messung des Straßenbelages 1700 Becquerel Caesium 137 pro Quadratzentimeter. Das ist das 34fache des Normalwertes. Dieses Nuklid ist beim Super-GAU in großen Mengen ausgetreten und hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Dazu hat uns die Erlanger Meßtechnik-Firma Eberline mit hochmodernen Geräten ausgestattet, die hier als Luxus gelten. Unter der Brücke, auf der wir stehen, ist am 26. April 1986 ein Personenzug hindurchgefahren. Die Insassen erhalten eine sogenannte Tschernobyl-Rente - bis auf die Schwarzfahrer, die nicht nachweisen konnten, daß sie diesen Zug benutzt haben.

© by Maria Ostler-Scharl Wir erreichen - in Sichtweite des Kraftwerks - Pripjat. Die Stadt ist von 1973 an aus dem Boden gestampft worden, um den Arbeitern, die die Stromfabrik bauten, und später deren Mitarbeitern Wohnungen zu bieten. Vor der Katastrophe lebten 50.000 Menschen in dieser modernen und wegen des Kraftwerks für Sowjetverhältnisse wohlhabenden Stadt. Nun lebt hier niemand mehr. Wir dürfen lediglich eine Stunde bleiben, denn die radioaktive Wolke hat seinerzeit einen beträchtlichen Teil ihrer strahlenden Last auf Pripjat abgeladen. Die Gondeln des Riesenrades, das für die Maifeiern aufgebaut war, dümpeln im Wind. In den Eingängen großer Gebäude befinden sich oftmals Überwachungskameras, mit deren Hilfe verhindert werden soll, daß kontaminierte Gegenstände aus der Sperrzone herausgelangen. Selbst an derart verstrahlten Orten wird geplündert.

Tschernobyl-Minister Vladimir Chaloscha gesteht, daß es nicht möglich sein werde, die Reaktoren des Unglückskraftwerkes - wie versprochen - bis zum Jahr 2000 abzuschalten. Auch auf meinen Vorwurf hin, man spiele Atompoker mit Leben und Gesundheit von Millionen Menschen, um dem Westen gegenüber den Preis fürs Abschalten hochzutreiben, bleibt der Politiker gelassen. Man habe aus der Katastrophe genug gelernt, um Wiederholungen auszuschließen. Der Reaktor 1 von Tschernobyl habe bei Uberprüfungen im vergangenen Jahr als sicherster der Ukraine abgeschnitten.

Der Schichtleiter im Kontrollraum eben dieses Reaktors fühlt sich wohl bei seinem Job: "Es gibt sicherere Reaktortypen, doch mit diesem kann man auch arbeiten." In den Saal, in dem sich der Meiler befindet, will man uns aber beim besten Willen nicht schauen lassen. Aus gutem Grund, denn hier hat sich am 17. November 1995 erneut ein schwerer Unfall ereignet. Beim Wechseln eines Brennelementes ist der neu einzuführende Stab zerbrochen - angeblich aufgrund eines vom russischen Hersteller zu verantwortenden Materialfehlers. Bei diesem Unfall, der gegenüber der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien deutlich zu niedrig eingestuft wurde, sind drei Arbeiter verstrahlt worden, einer davon schwer. Reaktor 2 ist abgeschaltet, weil er nach einem Brand umfangreich gewartet werden muß. Im Turbinensaal, in dem radioaktiver Dampf aus dem Innern der Reaktoren 1 und 3 ohne jeden zwischengeschalteten Wärmetauscher auf die Schaufeln strömt, bröckelt der Putz.

Wenn Pripjat an Aufnahmen aus einem düsteren Science-Fiction-Film erinnert, so drängt sich beim Gang über den Schrottplatz, auf dem kontaminierte Geräte stehen, die während der Katastrophe im Einsatz waren, der Eindruck auf, daß in der Nähe eine Atombombe detoniert sein muß. Wir befinden uns zwischen 13 riesigen Militärhubschraubern, die in der Nähe des explodierten Reaktors im Einsatz waren, teils exakt darüber. In einen, der Bor und Sand in den glühenden Kern geworfen hat, gehe ich ca. einen Meter hinein. Geigerzähler und Contamat (ein Geigerzähler, mit dem die Strahlung zuvor bestimmter Nuklide gemessen und aufgezeichnet werden kann) geben alle Warnzeichen von sich, derer sie mächtig sind. Ich messe auf dem Boden des Helikopters 31.000 Becquerel Caesium 137 pro Quadratzentimeter, an der Außenseite eines Räumgerätes gar 38.000. Wir dürfen uns hier nur sehr kurz aufhalten, sonst wird es zu gefährlich. Es ist schwierig, das dem Kameramann, der sich in seinem Element fühlt, zu erklären. Unsere nächste Station ist das Denkmal für die toten Hubschrauberbesatzungen.

Tags darauf befinden wir uns 70 Kilometer weiter westlich, im Bezirk Naroditschi, der ebenfalls Sperrgebiet ist. Nachdem die radioaktive Wolke sich bereits über Weißrußland befand, ist sie hierhin zurückgeweht worden. Das Gebiet ist zu stark belastet, als daß hier Menschen leben sollten. Doch von den einst 30.000 Einwohnern ist die Hälfte zurückgekommen. Die Holzhäuser sind zwar klein, aber oft liebevoll bemalt, mit Schnitzereien versehen, davor fast immer Wachhunde in Hütten, teils domestizierte Wölfe. Pferdefuhrwerke prägen das Straßenbild. Es ist tatsächlich kaum vorstellbar, Menschen von hier in die Wohnsilos um Kiew oder die eigens errichtete sterile Stadt Slavutitsch umzusiedeln. Galina Korinna, 32jährige Vizelandrätin des Bezirks: "Meine Mutter ist hier geboren. Ich bin hier geboren. Meine Mutter wird hier sterben, und ich werde hier sterben." Das ist die Mentalität, auf die man hier, 70 Kilometer vom Reaktorsarkophag entfernt, fast immer stößt.

Das auf dem Boden ausgebreitete Heu für ein Pferd weist über 200 Becquerel Caesium 137 pro Quadratzentimeter auf, die Oberfläche dessen, was das Tier hinter sich läßt, weit über 400: ein auch nicht anders zu erwartender Beweis, daß die Konzentration der Nuklide in den Organismen zunimmt. An der Rinde des nächsten Baumes zeigt das Gerät bereits einen Wert von deutlich über 800.

Die Menschen in der Naroditschi-Zone leben von der Landwirtschaft und erzeugen ihre Lebensmittel auf derart belastetem Boden. 80 Prozent der Kinder sind krank, ungefähr die Hälfte schwer. Besonders häufig sind die Immunsysteme geschädigt.

Die illegal hier lebenden, aber von den Behörden geduldeten Menschen versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. In einem völlig menschenleeren Ort, in dem - wohin man auch schaut - Warnschilder mit dem internationalen Radioaktivitätszeichen ins Auge stechen, finden wir eine innen wie außen sehr schön verzierte Kirche, in der noch jedes Jahr ein Gottesdienst gefeiert wird. Der höchste Geistliche der Region, der sich gar nicht erst umsiedeln ließ, hat zahlreiche Kunstgegenstände aus anderen Kirchen zusammengetragen und daraus quasi ein Museum gemacht.

Ganz andere Gegenstände hat Michail Sizonenko gesammelt, mit Erklärungen versehen und in der Stadt Naroditschi (heute noch 5.000 Einwohner) in zwei Räumen ausgestellt. In seinem Atomkatastrophenmuseum stehen Meßgeräte, die noch die Strahlenwerte vom 27. April 1986 anzeigen, hängen Bilder und Zeitungsseiten, darunter auch der Artikel, den die Journalistin Ljubow Kowalewskaja unter der Uberschrift "Keine Privatsache" gegen immense Widerstände aus Politik und Redaktionen ein halbes Jahr vor dem Super-GAU in der Literaturna Ukraina veröffentlicht hat. Darin ist zu lesen, daß beim Bau der Reaktoren 5 und 6 erheblich geschlampt wurde und auch bei der Errichtung der Meiler 3 und 4 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Ljubow Kowalewskaja hat damals eindringlich gewarnt, daß das nicht gutgehen könne. Dafür war sie und ihre Familie fünf Jahre lang Verhören und Denunziationen durch den KGB ausgesetzt. Erst ein befreundeter Schriftsteller konnte bei Michail Gorbatschow ein Ende des Geheimdienstspukes erwirken. Auch Ljubow lebt inzwischen am Kiewer Stadtrand, kann ebenfalls die Wohnung kaum verlassen. Von ihrer Tschernobyl-Rente kann sie gerade die Medikamente bezahlen, die sie benötigt, weil ihr die Schilddrüse herausgenommen worden ist.

Apropos "keine Privatsache": Das Experiment, mit dem vor zehn Jahren die Katastrophe begann, hätte eigentlich vor der Zulassung zum kommerziellen Betrieb des Reaktors stattfinden müssen. Aber dann wäre der Plan nicht um zwei Monate überzuerfüllen gewesen, Prämien in der Höhe von zwei bis drei Monatsgehältern wären den Beschäftigten verlorengegangen. So holte man es einfach nach - zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt gegen Ende des ersten Brennstoffzyklus´. Die Genehmigungsbehörden haben geschlafen - auch die Internationale Atomenergie-Organisation ist nicht eingeschritten, und einige Kraftwerksobere haben ihre verantwortungsvolle Tätigkeit wohl tatsächlich als Privatsache mißverstanden.


Nachtrag mit Blick auf den 15. Super-GAU-Jahrestag:

Ich selbst kam als nicht ganz derselbe Mensch aus Tschernobyl und seiner Umgebung zurück, als der ich hingefahren war. Das empfinde ich auch jetzt, fünf Jahre nach dieser Reise, noch so. Immer noch muß ich im Zusammenhang mit Tschernobyl an einen Satz aus einem meiner frühen Lieblingsbücher - Watership Down von Richard Adams - denken: "Du kannst es Dir nicht vorstellen, wenn Du nicht da gewesen bist."

Besonders eingebrannt hat sich bei mir die Entfernung eines Tumores aus dem Kopf eines zwölfjährigen Mädchens in der Kinder-Neurochirurgie eines Kiewer Krankenhauses. Viele Stunden lang durfte ich Jurij Orlow und seinen zahlreichen Helfern über die Schultern gucken, als der Professor das tief und ungünstig sitzende hühnereigroße Geschwür mit einem Geschick, vor dem ich großen Respekt habe, herausoperierte. Stundenlang schaute ich in eine "kontrollierte" Wunde, die man, so dachte ich, eigentlich nicht überleben kann; tief ins Hirn eines jungen Menschen, das gleichermaßen Erinnerungen, Hoffnungen und Zukunftsvorstellungen birgt. An dem sich Jurij nur so eingreifend zu schaffen machen konnte, weil es dafür materielle Hilfe aus dem Ausland gab und er die damit verbundene OP-Technik beherrschte.

"Four more years", sagte mir ein beobachtender Chirurg aus Lwow (ehem.: Lemberg) habe ein Kind, das er selbst mit der selben Technik operiert habe, noch gelebt. Man müsse noch mehr Erfahrung mit strahlenbedingten Hirntumoren erlangen, aber das Kind, das vor uns im OP lag, habe, wenn es das Jahr 2000 überlebe, sein ganzes weiteres Leben vor sich. Jurijs Laserschnitt-Technik hielt er für vorbildlich.

Das am Vormittag und über den Mittag operierte Kind bewegte später am Tag auf gezielt in die Pupillen geschickte Lichtreflexe hin bereits wieder Finger und Zehen. Die OP schien gut verlaufen zu sein, irreparable Schäden waren bei dem Eingriff offenbar nicht entstanden. Doch würde das Kind langfristig überleben?

Ich, der ich damals entsprechend vermummt mehrmach an den vor dem OP-Saal ängstlich wartenden Eltern, die mich ob meiner Verkleidung für einen der Operateure gehalten haben müssen, vorbeiging, nahm mir damals vor, nach "four years" nachzufragen.

Nun, kurz vor dem 15. Jahrestag des Super-GAUs von Tschernobyl, ist es soweit. Ich bin gespannt. Voller Hoffnung. Und habe auch ein bißchen Angst. Tschernobyl läßt einen eben nicht mehr los.


Bücher zum Thema Tschernobyl

Frank Franke, Norbert Schreiber, Peter Vinzens
Verstrahlt, vergiftet, vergessen
Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren
Insel Verlag, Frankfurt, 1996 (DM 29,80 incl. DM 5,- Spende)

Ein einfühlsamer, umfassender und eindrucksvoll illustrierter Bericht von engagierten Journalisten. Pflichtlektüre für alle, die die Katastrophe nicht verdrängen wollen!

Zhores Medwedew
Das Vermächtnis von Tschernobyl
Daedalus Verlag, Münster 1991 (DM 34,-)

Das umfassendste Buch über die Reaktorkatastrophe. Der Autor beleuchtet detailliert zahlreiche Aspekte des Super-GAUs.

Alla Jaruschinskaja
Verschlußsache Tschernobyl
Die geheimen Dokumente aus dem Kreml

Basisdruck, Berlin 1993 (DM 29,80)

Die Autorin dokumentiert Lügen und Vertuschungen der Offiziellen und erhielt dafür den Alternativen Nobelpreis.

Grigori Medwedew
Verbrannte Seelen
Die Katastrophe von Tschernobyl
Carl Hanser Verlag, München 1991

Medwedew arbeitete an leitender Stelle im Atomkraftwerk Tschernobyl und anschließend im sowjetischen Energieministerium. Ungeschminkt und menschlich berührt dokumentiert er seine Insider-Kenntnisse.

Juri Stscherbak
Tschernobyl
Aufbau Verlag, Berlin 1991
Der Arzt Juri Stscherbak, zwischenzeitlich Botschafter der Ukraine in Israel, beschreibt anschaulich das Schicksal der Menschen aus der Region um den Katastrophenreaktor.


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