Prof. Erich Schöndorf © by Ole Schöndorf

Die US-Justiz und das Wunder von Illinois

Anmerkungen von Erich Schöndorf

George Ryan, bis Januar 2003 Gouverneur von Illinois, hat alle 167 in dem US-Staat einsitzenden Todeskandidaten begnadigt und deren Urteile in lebenslange Haft umgewandelt. Diese Nachricht schlug weltweit ein wie eine Bombe. Von einem amerikanischen Spitzenpolitiker hätte man das nicht erwartet, erst recht nicht, weil es sich um einen Repubikaner handelt und der Irakkrieg vor der Tür stand. Es ist dennoch so geschehen. Wer die Abschiedsrede des Gouverneurs liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da meldet sich ein Amerika zu Wort, das endlich wieder Achtung und Solidarität verdient. Ob diese Geschichte Schule macht - es wäre zu hoffen.

Das Wunder von Illinois ruft geradezu nach ergänzenden Informationen über die amerikanische Justizwirklichkeit. Hier sind sie:

Von den circa 260 Millionen US-Amerikanern befinden sich ständig etwa zwei Millionen in einem Gefängnis. Weitere 3,6 Millionen sind nur auf Bewährung oder unter Auflagen auf freiem Fuß.

Über die Hälfte der Inhaftierten ist schwarz, wobei der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent beträgt.

Von 100.000 Amerikanern aller Hautfarben sind ständig 672 inhaftiert. Nur in Rußland liegt die Zahl noch höher.

Zum Vergleich Deutschland: Ständig 50.000 Gefangene, das heißt, daß knapp 60 von 100.000 Deutschen Dauergäste im Knast sind. Also weniger als ein Zehntel im Vergleich zu Amerika.

Von den in den USA lebenden 33 Millionen Schwarzen befinden sich ständig eine Million im Gefängnis, das sind drei Prozent. Um es anschaulich zu machen: Wäre Frankfurt am Main ausschließlich von Schwarzen bevökert, säßen von den 650.000 Einwohnern ständig circa 20.000 im Gefängnis.

In den Vereinigten Staaten sitzen ein Viertel aller weltweit registrierten Gefangenen (zwei von acht Millonen) ein, bei einem Anteil von nur fünf Prozent an der Weltbevölkerung. Komisch: Genauso verhält es sich mit den Treibhausgasen. Amerika emittiert 25 Prozent der weltweit freigesetzten klimaschädlichen Gase, obwohl es auch in diesem Zusammenhang nur fünf Prozent der Weltbevölkerung vertritt. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Amerika gibt mehr Geld für den Bau von Gefängnissen aus, als für den Bau von Schulen.

Ich denke, die Welt muß aufpassen, wem sie da folgt. Aber vor allem Europa muß sich auch daran erinnern, daß Amerika sein Kind, pardon, sein Baby ist. Von hier kamen die ersten und meisten Einwanderer. Das Kind ist noch nicht erwachsen. Kinder hat man ein Leben lang und genauso lang schuldet man ihnen Solidarität. Dazu gehören aber auch deutliche Worte und, wenn nötig, ein klares "Nein" zu seinen Machenschaften im Halbstarkenalter.

Erich Schöndorf, geb. 1947 in Greifenstein-Ulm (Westerwald), ist Professor für Umweltrecht an der Fachhochschule Frankfurt. Zuvor war er von 1977 bis 1996 Staatsanwalt (von 1983 an im Umweltdezernat), wo er als Ermittler und Ankläger u.a. den Holzschutzmittelprozeß führte. Er ist Autor der Bücher Von Menschen und Ratten - Über das Scheitern der Justiz im Holzschutzmittelskandal (siehe Buchempfehlungen), Strafjustiz auf Abwegen - Ein Staatsanwalt zieht Bilanz (erschienen 2001 im Fachhochschulverlag Frankfurt), sowie des Real-Krimis Feine Würze Dioxin (erschienen 2002 im Bad Vilbeler Buchverlag, siehe Buchempfehlungen).

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