Die Vogelgrippe - Symptom
weltweiter menschlicher Gewalt

Von Dr. Edmund Haferbeck,
PETA Deutschland e.V.

"Selbst wenn die Forscher entscheidend weiterkommen und den Influenza-Viren neue High-Tech-Innovationen entgegensetzen, bleiben die fruchtbarsten Nährböden der Seuchen wohl noch für lange Zeit erhalten: Armut, Not und Ignoranz." Man könnte versucht sein, diese Schlußfolgerung im neuesten Stern ("Der geflügelte Tod") in der Begrifflichkeit der "Ignoranz" als lange erwartete tatsächliche Ursachendarstellung der Vogelgrippe-Hysterie anzusehen - doch weit gefehlt. Auch die Stern-Redakteure feiern "die Industrialisierung der Viehhaltung im Westen" als "Segen", nämlich um einer Pandemie in der zivilisierten Welt schnellstens Herr zu werden, wie dies im Jahr 2003 bei einem Ausbruch der Vogelgrippe in Länderdreieck Belgien, Holland und Deutschland der Fall war: Kurzerhand wurden 20 Millionen Hühner ermordert, ein Holocaust der Tiere.

Je mehr Kommunikations- und Bildungsmöglichkeiten der Gesellschaft zur Verfügung stehen, desto mehr scheint diese zu verdummen. SARS, Salmonellen, Würmer, BSE, Schweinepest und nun die Vogelgrippe: Armut und Not? Alles epidemieartige Krankheitsschübe bei Tieren in den hochindustrialisierten "Erst-Welt-Ländern" wie den USA, Kanada, England, Holland, Dänemark und Deutschland. Vor einigen Jahren gelang es wenigstens zeitweise, die Hirnverbranntheit des Homo sapiens im Umgang mit den von ihm unterdrückten, gequälten und industrialisiert massenermordeten "Nutz"tierarten "beim Volk" anzubringen: Wie kann man vegan und/oder vegetarisch lebenden Tieren wie Kühen oder Schafen fleischliche Produkte in der Intensivtierhaltung zur Förderung der "Leistung" zu fressen geben? Diese Absurdität menschlichen Handelns leuchtete sogar der breiten Masse der Bevölkerung ein - im Kurzzeitbewußtsein, denn der Fleisch- und Milchkonsum eben auch von diesen Tieren nahm nicht etwa ab, sondern zu.

Mittlerweile regt sich angesichts der teils drastischen Fernsehbilder, die allabendlich in die Wohnzimmer der fleischsatten Deutschen ob der bestialischen Tötungsarien in den asiatischen Ländern, aber auch im europäischen Teil der Türkei flimmern, doch Mitleid und Wut: Wie kann man hunderte Millionen Tiere bloß so grausam ermorden? Wegen wieviel toten Menschen bislang? 79 weltweit? Nun gut, darunter auch wenige Kinder, was traurig genug ist, aber: Allein in Deutschland (von den wilden Horden auf amerikanischen oder spanischen Straßen gar nicht zu sprechen) sterben jährlich ca. 6.000 Menschen im Straßenverkehr, darunter mehrere hundert Kinder. Und dies meist durch leichtsinniges und verantwortungsloses Verhalten der Verursacher. Und auch der Lärm fordert allein in Deutschland seinen Tribut: 2.000 Menschen sterben daran. Randnotizen, mehr nicht im täglichen Blätterwald.

Mitleid und Wut vor'm Fernseher nach einem ausgiebigen fleischbesetzten Abendessen, womöglich mit Puten- oder Hühnchenschenkel, Schinken und Salami: Und immer noch springt der Gedankenblitz zu Ursache und Wirkung nicht über. Während alle das Verursacher-Prinzip vor allem im Umweltschutz einfordern, versagt dieses gerechte Prinzip bei den Mitgeschöpfen und der ungeheuren Gewalt, die Menschen den Tieren antun. 80 Millionen Bundesbürger lassen zu, daß jedes Jahr ca. 550.000.000 Tiere nach extrem tierquälerischer Haltung ermordet werden wegen der fatalen Fleischeslust nach totem Getier, wobei bis zu 30 Prozent bei vollem Bewußtsein getötet werden, weil die Betäubungsvorrichtungen, im Akkord gefahren, falsch bedient werden. Das Staatsschutzziel Tierschutz, seit 2002 im Grundgesetz verankert, wird ebenso ignoriert wie der Kernsatz des Hanseatischen Oberlandesgerichts: "Fleisch ist kein notwendiger Teil menschlicher Ernährung."

Jeder Völkermord wird gesühnt, irgendwann wird aufbegehrt mit Methoden, die dem Menschen eigen sind. Und die Tierwelt, trillionenfach unterdrückt, gequält, dem Holocaust für einen krankhaft überhöhten Fleischkonsum satter Bevölkerungsschichten preisgegeben, soll nicht "zurückschlagen"? Die Tierwelt, die nach Elias Canetti und Thomas von Aquin Gott unmittelbarer und näher ist als der Mensch, obwohl der Homo sapiens eigentlich dazugehört, sich jedoch selbst zur Herrenrasse auserkoren hat, wehrt sich. Sie begehrt auf gegen diesen alltäglichen, weltweiten Wahnsinn, sich vom Fleisch anderer Lebewesen ernähren zu wollen. Die Vogelgrippe ist nur Symptom dieser unvorstellbaren Gewalt gegen Mitgeschöpfe, die die Schöpfungsgeschichte niemals vorsah. - Tief religiös? Tief gläubig? Kreationismus? Welche unbändige Heuchelei von Gesellschaftsgruppen, die sich ca. 100 Kilogramm Fleisch von verschiedenen Tierarten pro Jahr einverleiben, wofür jedes Jahr über 100.000.000 Menschen, die meisten Kinder, verhungern müssen?

Das Vieh der Reichen frißt die Nahrung der Armen - es wird Zeit für diesen Rückschlag gegen das Unmaß der Menschen auch in Deutschland, die Vegetarier immer noch vielfach als Sektierer und Spinner verunglimpfen.

Dr. Edmund Haferbeck, geb. 1957 in Detmold, Agrar-Ingenieur, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Tierschutzorganisation PETA. Zuvor war er Umweltdezernent von Schwerin und Geschäftsführer der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der mecklenburg-vorpommerschen Landeshauptstadt. Über den Tier- und Artenschutz hinaus engagiert er sich gegen Rechtsmißbrauch und Wirtschaftskriminalität.

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