AUSSICHTEN

Günter Wallraff enthüllt...
... seine Plattensammlung

Das Sprengen
aller Takte
und Konventionen

Von Jürgen Streich

(erschienen in popkultur 2002 / 2003, herausgegeben von Dieter Gorny und Jürgen Stark im Rowohlt Verlag)

"Ich war in der Hinsicht ein ziemlicher Banause", antwortet Günter Wallraff, der in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren mit undercover recherchierten Enthüllungsbüchern Publizistik-Geschichte schrieb, auf die Frage, welches Verhältnis er zur Pop-Musik hat. Die Beatles und all die anderen Rock ´n Roller seien im Wesentlichen an ihm "vorbeigegangen". - Naja, ganz stimmt das nicht. Vor ein paar Jahren, da war er beim Open-Air-Konzert der Rolling Stones im Kölner Stadion. "Da ist der Jagger immer über so einen Riesen-Laufsteg gerannt", erinnert der zum Zeitpunkt des Interviews 59jährige sich und fügt hinzu: "Da wäre ich schneller gewesen!"

Immerhin - Mick Jagger kennt er. Doch überhaupt spielt Musik im Leben und Denken des Schriftsteller eine wichtige Rolle. Bei näherem Hinsehen ist es nur eine Definitionsfrage, um welche Art von Musik es sich bei den von ihm favorisierten Stücken handelt. Populär, mithin Pop-Musik, sind bzw. waren sie auf ihre Art alle. Ethno-Pop ist schließlich längst etabliert. Und an die zahlreichen Klassik-"Verrockungen" von "Roll over Beethoven" bis zu Emerson, Lake & Palmers Interpretation von Mussorgskijs "Pictures of an Exhibition" muß nicht groß erinnert werden.

Als Jugendlicher war Günter Wallraff beeindruckt von experimenteller Musik - teils aus Fernost -, für die Karl-Heinz Stockhausens Zwölfton-Stücke ein Beispiel sind: "Im Sprengen aller Takte und Konventionen entsprachen deren Dissonanzen der Zerrissenheit meines damaligen Lebensgefühls." Besonders angetan hatte es ihm in seiner "lyrischen Phase" als 16- bis 18jährigem jedoch Igor Strawinskys "Geschichte vom Soldaten". Sie brannte sich neben musikalischen noch aus anderen Gründen in sein Gedächtnis ein. Wallraff lebte damals mit seiner Mutter in einer engen, dünnwandigen Sozialwohnung. "Wenn meine Freundin mich besuchen kam, übertönte Strawinsky die Geräusche unserer Liebesspiele auf einer alten, knarrenden Couch", erzählt der Schriftsteller. "Innerhalb der gut zwanzig Minuten mußten wir zum Höhepunkt kommen, und gerade dieses Werk mit seinem vorwärtsdrängenden Leitmotiv und seinen immer wieder eingeschobenen Verzögerungen und retardierenden Einschüben beflügelte uns."

Bald darauf spielte Bert Brechts "Legende vom toten Soldaten" eine "begleitende, oder gar mit auslösende Rolle" bei Günter Wallraffs Entschluß, Ende der sechziger Jahre, als dies noch ein absolutes Unding war, den Wehrdienst zu verweigern und die "monatelangen Willensbrechungsmethoden bei der Bundeswehr" zu überstehen. Der Song, mit dem die Gruppe BAP Anfang der achtziger Jahre die Kommissionen, die das Gewissen der Kriegsdienstverweigerer "prüften", lächerlich machte, liegt in direkter Verwandtschaftslinie zu Brechts als Moritat vorgetragener "Legende".

Doch Jahre, bevor die Karriere der Kölsch-Rocker begann, füllte jemand große Säle, wurde von seinem Heimatland verstoßen und von Günter Wallraff aufgenommen: Wolf Biermann. Aus dessen Feder stammten Textzeilen wie diese: "Die Lehrer, die Rekrutenschinder, sie brechen schon das Kreuz der Kinder. Sie pressen unter Fahnen die idealen Untertanen. Gehorsam, fleißig, geistig matt - die hab´ ich satt!" - Vor über 6.000 Besuchern in der Kölner Sporthalle intoniert und von der ARD live übertragen war das anno 1976 Pop-Kultur. Das Konzert war tags darauf Gesprächsthema auch von Teenies, die so politisiert und für Vieles sensibilisiert wurden.

Heute übt Wallraff jedoch auch Kritik an seinem Freund, der offenkundig jegliche Hoffnung verloren habe. Anfang der siebziger Jahre habe der Sänger die Vision verfaßt, daß auch "nach dem Chaos, daß uns ja blüht, im Osten und Westen nichts mehr übrigbleibt, als die Herrschenden hüben und drüben", der Traum "nicht ausgeträumt" sei. Biermann damals: "Wie sie´s auch dreh´n - in ihren Kindern wird dieser Traum gegen sie auferstehn." Doch das wolle Biermann, so Wallraff, "heute nicht mehr wahrhaben." Biermann habe "diesen Traum ausgeträumt".

Es ist unverkennbar: Günter Wallraff betrachtet Musik auch als Vehikel zum Transport von Inhalten, als Ausdruck von Geisteshaltungen. Die Spannweite reicht vom Klagelied des 1942 im KZ ermordeten Mordechai Gebirtich über das "Städtel" ("´s brennt, Brüderle, ´s brennt"), das damals unter osteuropäischen Juden aus traurigen Gründen populär war, über vergleichsweise schon locker und frech daherkommende Gesellschaftskritik von Dieter Süverkrüpp, für Wallraff "einer der Großen der internationalen Kleinkunstszene", bis hin zu Widerstandsliedern, die positive Signalwirkung hatten.

Vor dem Hintergrund, daß dem deutschen Volk ein Großteil seines ursprünglich unverfänglichen Liedgutes durch die Nazis genommen und dieses politisch mißbraucht worden sei und diese Tradition sich in militärischer Hinsicht fortgesetzt habe, so daß es "furchteinflößend" sei, habe er danach gesucht, "wo es in anderen Kulturen noch Lieder voll Menschlichkeit und Wärme, Zärtlichkeit und Freude gibt - Lieder, die von den Herrschenden nicht enteignet wurden."

Ein Paradebeispiel ist für Wallraff "Grandola via borena" von José Afonso, ein Lied, das - obwohl im Widerstand sehr populär - jahrelang im portugisischen Rundfunk nicht gespielt werden durfte. Als es plötzlich auf allen Sendern lief, war dies das Zeichen, daß die friedliche Nelkenrevolution gesiegt hatte. "Grandola via borena" war längst zu deren Erkennungsmelodie geworden. Günter Wallraff war mit José Afonso eng befreundet und gemeinsam mit ihm auf Tournee.

Leider fressen selbst friedliche Revolutionen manchmal ihre Kinder. Afonso, dessen Lieder von den neuen Machthabern bald schon wieder unerwünscht waren, ging die Enttäuschung darüber so an die Substanz, daß er gesundheitlich verfiel und starb.

Appropos Kinder. Günter Wallraff hat im Vorfeld der Nelkenrevolution gemeinsam mit seiner Kollegin Hella Schlumberger monatelang bei einer Landarbeiter-Kooperative gelebt, die inmitten von Analphabetismus und schlimmster Armut Widerstand gegen die Großgrundbesitzer leistete. Weil die wirklichen Kampflieder verboten waren, verständigten sich die Arbeiter in den entlegendsten Regionen mittels versteckter Botschaften in Kinder-Spottliedern, die während der Feldarbeit gesungen wurden.

Auf der ganzen Welt - in Italien, Spanien, Griechenland, Bolivien, Brasilien und in der Türkei - hat er erlebt, wie im Volk populäre Lieder zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, aber eben auch zum Miteinander-Feiern und Fröhlichsein gehörten. Zwar sei ihm, so Günter Wallraff, die türkische und kurdische Musik persönlich etwas fern - "man kann nicht etwas durch den Intellekt erzwingen, man muß damit leben" -, weshalb ihm die Kompositionen des Kölner Musikers Nedim Hazan, dem es als Vertreter der zweiten in Deutschland lebenden Generation ausländischer Mitbürger gelungen sei, die Musik zweier Kulturen miteinander zu verbinden, besonders am Herzen liege.

Zweier Kulturen? - Man könnte auch keltische oder gälische Einflüsse heraushören. Musik ist eben eine internationale Sprache, die auch Zeitalter miteinander verbindet. Im Grunde immer und überall populär. Sonst würde sie nicht gemacht.

Natürlich haben Diktatoren, Rassisten und andere Anti-Demokraten etwas gegen eine solche einende Sprache der Völker, weshalb unter den Taliban in Afghanistan ja auch das Musizieren verboten war. Als Gegenmittel fällt den Despoten meist nur Gewalt ein. So ist Günter Wallraff die zeitweise Popularität des chilenischen Sängers und Gitarristen Viktor Hara im Widerstand gegen das chilenische Terrorregime unter General Pinochet wichtig. Noch im zu trauriger Berühmtheit gelangten Estadio de Chile spielte und sang er vor seinen Mitgefangenen gegen die Gewalt an - bis man ihm die Hände brach und ihn, zusammen mit Hunderten Leidensgenossen, ermordete.

Günter Wallraff hat darüber hinaus ein Faible für traditionelle Musik, die für unsere Ohren durchaus fremd, aber auf eigentümliche Art interessant klingt. Als Beispiel präsentiert er eine seltene Originalaufnahme aus den sechziger Jahren der sphärischen Klänge, die die Aborigines ihren Kehlen und Instrumenten schon seit Jahrtausenden entlocken. (Während der Olympischen Spiele anno 2002 "down under" in Sydney waren diese sehr populär!)

Allerdings muß der Schriftsteller nicht bis auf die andere Seite der Erde reisen, um meditative Musik live zu hören. In seiner Nachbarschaft im Kölner Stadtteil Ehrenfeld lebt und arbeitet der amerikanische Komponist mit Zen-Kloster-Erfahrung, Michael Ranta. Ihm sei es, so Wallraff, als einem der ganz wenigen westlichen Musikschaffenden gelungen, buddhistische Mystik klanglich umzusetzen, und zwar "ohne diese esoterisch-verquaste, deutsch-okkulte Richtung, die lediglich den germanischen Mief über den fernen Osten verquirlt und wieder hochkocht". Bei Rantas Kompositionen erkennen Popmusik-bewanderte Zeitgenossen von jenseits der 40 Jahre die direkte Verwandtschaft zum Psychedelic-Rock der späten sechziger und frühen siebziger Jahre wieder. Aus dieser Zeit erinnert Wallraff sich noch gut und gern an die deutsche Band Tangerine Dream. Die verpflichtete er damals für die Musik zur amerikanischen Verfilmung von "Der Aufmacher" ("The Man Inside").

Aber es gibt auch Parallelen zu guter Techno-Musik. - Ecstasy nicht nötig, um in Extase zu gelangen. Schon gar nicht, wenn man, wie Günter Wallraff, eine Auswahl von Instrumenten, mit denen diese Klänge und Geräusche zu erzeugen sind, griffbereit hat.

Wenn man mit Günter Wallraff über Musik spricht, wird immer deutlicher, daß sie für ihn ein Kommunikationsmittel nicht nur für politische Inhalte, sondern auch für das gegenseitige Verständnis unterschiedlicher Kulturen ist. Mehr noch: Scheinbar zufällige Tonfolgen sind auch Kommunikationsmittel zwischen unterschiedlichen Lebensformen. Wallraff spielt Klänge vor, die insbesondere seine jüngste Tochter, als sie klein war, immer wieder habe hören wollen: die Gesänge der Buckelwale. Er selbst hat sie im Duisburger Delphinarium Tümmlern vorgespielt, die - die Köpfe aus dem Wasser gestreckt - mit tänzerischen Bewegungen auf den Kassettenrecorder zugeschwommen seien. Im übrigen sei er mittlerweile überzeugt, daß in Homers "Odyssee" mit den Sirenen-Klängen in Wahrheit die Gesänge der Buckelwale gemeint seien. - Schade, daß Greenpeace vor ein paar Jahren die Chance nicht erkannt hat, den in den USA populären Saxophonisten Paul Winter, dessen Musik auf Tierstimmen basierte, auch in Europa bekannter zu machen. Winter hatte mit seinem Instrument Wale von ihren Jägern weg und zu den sie schützenden Booten der Regenbogen-Kämpfer gelockt und auch gemeinsam mit wilden Wölfen "musiziert". Die Frage, wann Tonfolgen und Klänge eigentlich als Musik definiert werden, ist kaum zu beantworten. Die Grenzen verlaufen, wie so oft, fließend.

Daß die Laute von zwei miteinander konkurrierenden Brüllaffen-Banden, die Günter Wallraff auch parat hat, für unsere Ohren das Prädikat "Musik" nicht verdienen, steht auch für tolerante Vertreter der Gattung Homo sapiens außer Frage, obwohl deren Urheber uns Menschen als Primaten entwicklungsgeschichtlich viel näher stehen, als z.B. Wale. Augenzwinkernd spielt der Schriftsteller unmittelbar anschließend einen Mitschnitt der von seinerzeit mächtigen und prominenten Politikern - Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Walter Momper und Willy Brandt - am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus gesungenen und von Gejohle und Pfiffen des riesigen Publikums begleiteten Nationalhymne vor. In der Tat, die streitenden Brüllaffen klingen harmonischer.

Gegen Ende der Enthüllung von Günter Wallraffs Plattensammlung schließt sich der Kreis. Er kommt wieder auf Stockhausens Zwölfton-Musik zurück. Und zwar mit einer 1967 von dem eigenwilligen Komponisten kreierten Variation des Deutschlandliedes, die, von Gewehrsalven zerhackt, auch Hinweise auf das Horst Wessel-Lied enthält.

Pink Floyd-Tastenmann Richard Wright war nach eigenen Worten sehr von Stockhausens Musik inspiriert. Die musikalische Verwandtschaft ist unüberhörbar, und die britische Band durch ihr Best-off-Album "Echoes" wieder ganz schön populär.

Beim Gespräch mit dem Schriftsteller wird klar, wie sehr sich Kreativität über Generationen hinweg beeinflußt, wenn sie eine Aussage hat, Inhalte transportiert. Und daß das, was längst als "out" galt, sehr wohl seine Renaissance erleben und bald wieder "in" sein kann. Derzeit ist mehr Ernsthaftigkeit gefragt, die Spaßgesellschaft möglicherweise auf dem Rückzug. Ein Blick in Günter Wallraffs Plattensammlung ist vor diesem Hintergrund eine beeindruckende Zeitreise. Doch irgendwie entfernt man sich dabei nie allzuweit vom Hier und Jetzt. Denn der Traum stirbt - naja: nie? - Die Hoffnung jedenfalls als letztes.

Ach ja, da wäre noch das Schmalspurgleis, das durch Günter Wallraffs Hof auf sein Gartenhaus, in dem in besonders bedrohlichen Phasen zeitweise Salman Rushdie lebte, zuführt. Der Bau war nämlich einst die Klavier-Werkstatt von Wallraffs Großeltern. Die fertigen Instrumente wurden über diese Schiene zur Auslieferung an die Musiker zur Straße gebracht.

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