© by Jürgen Streich

Was macht eigentlich...

... Günter Wallraff?

Der Enthüllungs-Autor Günter Wallraff, geb. 1942 in Köln, lernte zunächst Buchhändler und wurde dann Journalist und Schriftsteller. Prägend war für ihn die Verweigerung des Kriegsdienstes, obwohl diese damals noch ein Ausnahmerecht war. Er war dennoch zur Bundeswehr eingezogen worden und weigerte sich trotz aller "Willensbrechungsmaßnahmen" zehn Monate lang standhaft, ein Gewehr anzufassen, woraufhin er in eine geschlossene Klinik in Koblenz gesteckt wurde. Aus dieser und der Bundeswehr sei er mit dem "Ehrenprädikat", "eine abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich" zu sein, in die Freiheit entlassen worden, und zwar "politisch hellwach und sozial engagiert". Wallraff betrachtet diese Erfahrung heute als "beste Voraussetzung dafür", seine besondere Arbeitsweise, der "teilnehmenden Beobachtung und aktiven Teilnahme" zu entwickeln. Mit seiner Recherchemethode, sich unter falscher Identität an die Tatorte der von ihm kritisierten Zustände zu begeben, wurde er zu einem der profiliertesten sozialkritischen Autoren überhaupt. Es entstanden Bücher wie Industriereportagen (1966), 13 unerwünschte Reportagen (1969), Ihr da oben, wir da unten (gemeinsam mit Bernt Engelmann, 1973), Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spinola-Aktion (1975), Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war (1977), Zeugen der Anklage. Die Bild-Beschreibung wird fortgesetzt (1979) und Ganz unten (1985).

Günter Wallraff beließ es nie beim beschriebenen Papier, sondern setzte - finanziert aus den Honoraren seiner Bücher - wichtige Urteile durch. Beispielsweise den Spruch des Bundesgerichtshofes, demzufolge die Bild-Zeitungs-Redaktion als "professionelle Fälscherwerkstatt" und "Fehlentwicklung im deutschen Pressewesen" bezeichnet werden darf. Wallraff gründete eine Stiftung zur Wahrung der Rechte von Opfern der Bild-Berichterstattung. Die Dokumentation der gerichtlichen und anderen Folgen der Publikation von "Ganz unten" in einer Sonderedition des Buches umfaßt nicht weniger als 175 Seiten. Das ebenfalls aus seinen Bucheinnahmen erwachsene Wohnmodell und Kulturzentrum "Zusammen-Leben" in Duisburg, bei dem Ausländer und Deutsche friedliches Miteinander im Alltag praktizieren, ist eines seiner Lieblingsprojekte.

Appropos Zusammenleben. Als die islamischen Fundamentalisten Anfang der neunziger Jahre ein Todesurteil über den Schriftsteller Salman Rushdie verhängten, fand dieser nicht nur körperlich Unterschlupf bei seinem Kölner Kollegen. Günter Wallraffs Haus wurde darüber hinaus zur Zentrale des Salman Rushdie Defence Committee Germany.

Längst ist die Adresse im multikulturellen Kölner Stadtteil Ehrenfeld, aus dem auch die Edelweißpiraten stammten, zur Anlaufstelle für Kolleginnen und Kollegen aus allen Teilen der Welt geworden, die nach Günter Wallraffs Methode arbeiten oder anderweitig investigative und progressive Publizistik betreiben. Die Wohnküche direkt neben seinem über und über mit Büchern und Papieren vollgestopften Arbeitszimmer ist unter befreundeten Kolleginnen und Kollegen ein Inbegriff.

Einen wesentlichen optischen Akzent setzen in seinem Haus Kunstwerke von Naturvölkern und solche, die die Natur selbst geschaffen hat - von Günter Wallraff gesammelte Steine, an die kein Steinmetz oder Bildhauer je Hand oder Werkzeug angelegt hat, Objekte, die ohne menschliches Zutun ästhetisch sind. Dieses Haus ist auch Treffpunkt einer Art Großfamilie, in der - Wallraff hat fünf Kinder mit drei Frauen - "alle ohne Eifersucht" miteinander umgehen. Ein Wert, den er nach eigenen Worten mit zunehmendem Alter immer stärker zu schätzen gelernt hat.

Und da wäre noch die sportliche Seite von Günter Wallraff. Daß seine Beschatter von der Bild-Zeitung Fahrräder brauchten, als er joggte, ist ja bekannt. Doch auch jetzt, gut 20 Jahre später, ist er, nachdem er schon an Krücken ging und sich einer schweren Operation unterziehen mußte, wieder in der Lage, Tischtennis-Bundesligaspieler zur Verzweiflung zu bringen. Gegen seinen unkonventionellen Stil ist kaum ein Kraut gewachsen. Und diesen setzt er auch im Gefängnis von Köln-Ossendorf und anderen Knästen ein, wenn er mit einer von ihm zusammgestellten Kollegen-Mannschaft versucht, dort Einsitzenden über den Sport Kontakte zur Außenwelt zu ermöglichen.

Klar ist jedenfalls: Wenn Günter Wallraff etwas anpackt, dann tut er das engagiert und zielgerichtet. Ob es ein Federhalter oder ein Tischtennisschläger ist. Kürzlich hat er seinen ersten Computer bekommen...

Bitte beachten Sie auch
Günter Wallraff enthüllt seinen Plattenschrank
in der Rubrik Berichte

zurück zur Startseite