© by Philipp Böll

Stellungnahme von

Günter Wallraff

anläßlich der Pressekonferenz am
8. September 2003 im Mediapark Köln

Zu den gegen mich erneut erhobenen Vorwürfen, ich sei aktiver Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR gewesen, erkläre ich:

Betrachtet man das Ministerium für Staatssicherheit als einen Hort der Wahrheitsliebe und schenkt den dort über mich gespeicherten sechs Eintragungen in den Akten Glauben, so liefern diese laut Berliner Tagesspiegel vom 6. September 2003 "Stoff für einen neuen Roman von John le Carré". Demnach wäre ich "ein Top-Agent der DDR" gewesen, einer derjenigen, in den man im Falle eines Konfliktes zwischen Ost und West größte Hoffnungen gesetzt hätte.

Dies hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Tatsache ist, daß ich bereits ein bekannter Schriftsteller war, als ich in der Zeit von 1968 bis 1971 mehrmals in DDR-Archiven erfolgreich über Nazi-Größen recherchierte, die in der Bundesrepublik unbehelligt geblieben waren und Karriere machten. Da ich diese und andere Unzumutbarkeiten in West-Deutschland einer großen Öffentlichkeit bekannt machen konnte, war ich für die DDR-Geheimdienste natürlich interessant. Doch ich betone: Meinerseits dienten die Reisen in die DDR ausschließlich zu Recherchen für Texte, an denen ich arbeitete. Im Zusammenhang mit einem Besuch des DDR-Dokumentationszentrums wurde mir im Restaurant des Hotels "Unter den Linden" auch einmal der damalige Chefredakteur des NDR vorgestellt, der ebenfalls dieses Archiv nutzte.

Niemals bin ich bei meinen Kontakten zu Offiziellen der DDR irgendwelche Verpflichtungen eingegangen. Ebenso wenig habe ich ihnen Unterlagen oder Berichte geliefert. Dies geht aus den Stasi-Akten selbst hervor. Dort ist zu lesen: "Über Wallraff sind keinerlei Personenhinweise zu erlangen."

Bei den gegen mich erhobenen Vorwürfen sind bis heute wesentliche Tatsachen nicht zur Kenntnis genommen worden.

Beispielsweise soll ich Informationen über den Chemiekonzern Bayer an die Stasi weitergegeben haben, die so brisant gewesen sein sollen, daß diese von dort aus an den sowjetischen KGB geleitet worden seien. Ich habe damals in der Zeitschrift "Konkret" gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Heimbrecht einen Artikel über den Bayer-Konzern veröffentlicht. Grundlage waren Recherchen von Jörg Heimbrecht, was dieser in einer Eidesstattlichen Versicherung bestätigt, die meiner Akte bei der Gauck-Behörde seit 1998 beiliegt (siehe Anlage). Dieser Artikel war also für jedermann zugänglich. Offen bleibt, ob die bei der Stasi gespeicherten Informationen identisch mit den in der Zeitschrift "Konkret" veröffentlichten sind.

Mein Kontakt zu dem Kultur-Ressortleiter der in Rostock erscheinenden "Ostsee-Zeitung", Heinz Gundlach, erklärt sich folgendermaßen: Gundlach hatte Artikel von mir in seiner Zeitung veröffentlicht und reiste u.a. in Begleitung der Theatergruppe des Intendanten Hans-Anselm Perten in den Westen. Ich traf ihn einige Male, ohne zu wissen, daß Gundlach, wie sich später herausstellte, als "IM Friedhelm" erfaßt war.

Ich grübele seit einiger Zeit, wie folgende Stichworte in die SIRA-Akte (siehe Anlage) geraten sein können: "Bundeswehrausbildung Hamburg-Wansbeek", "Westdeutschland Kampfstoffe BMVTG Erprobungsstelle Forschen Forschung B und C Waffen in Westdeutschland", "Forschungszentrum Westdeutschland Westberlin Militärtechnik Luftstreitkräfte" und "Zusammenarbeit westdeutscher und West-Berliner Forschungsinstitute mit dem US-Büro für Luftfahrt und Weltraumforschung". Hierfür hätte ich Waffenspezialist sein müssen. Tatsächlich aber bin ich Wehrdienstverweigerer. Ich hatte weder direkt noch indirekt Zugang zu solchen Geheiminformationen und habe auch nichts unternommen, solche zu erlangen.

Aus den Stasi-Akten geht hervor, wie ich für den Ost-Geheimdienst schon sehr bald zur Feind-Person wurde. Ich sei "vom marxistisch-leninistischen Weltbild nicht zu überzeugen", "Anhänger der katholischen Soziallehre", "charakterlich nicht geeignet" und es seien "anarchistische Denk- und Verhaltensweisen zu beobachten". Angeblich nähme ich "alle möglichen Drogen" und arbeitete nur noch, um meine angebliche Spielsucht finanzieren zu können. - Ganz eindeutig Erfindungen, um mich zu diskreditieren. Dies alles gipfelt in der Vermutung, ich sei "wahrscheinlich Agent westlicher Geheimdienste" und stellte für die DDR ein besonderes Risiko dar.

Richtig wird in der Akte festgestellt: "Keine Ergebnisse gab es auf dem Gebiet der Personenhinweisbearbeitung."

Durch die Aufnahme des 1976 aus der DDR ausgebürgerten Regimekritikers Wolf Biermann bei mir zu Hause und internationale Solidaritätsinitiativen für ihn wurde ich natürlich vollends zum Staatsfeind nun auch der DDR stilisiert. Ich sei, so geht es aus den Akten meines Freundes Jürgen Fuchs hervor, "zu observieren und zurückzudrängen". (siehe Anlage) Fortan wurde ich mit einer Einreisesperre belegt, meine Bücher durften in der DDR nicht mehr erscheinen und ich wurde, wie aus den Akten hervorgeht, von der Spionageabwehr des MfS, ausspioniert. Die Einreisesperre wurde erst 1987 während der Gorbatschow-Ära aufgehoben, als mein Buch "Ganz unten" auch in der DDR erschien.

Wenn nun im Zuge der Veröffentlichung von Details aus der Rosenholz-Datei eine Karteikarte aus dem Jahr 1988 (siehe Anlage) aufgetaucht ist, derzufolge ich auch kurz vor dem Zusammenbruch der DDR noch als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi bezeichnet werde und falsche Angaben über mich gemacht werden, so beweist das lediglich, wie das Ministerium für Staatssicherheit einmal fixierte Daten über viele Jahre hinweg unverändert in andere Akten übernommen hat.

Aus den über mich bei der Stasi geführten Unterlagen gehen zahlreiche weitere Ungereimtheiten, Namensverwechslungen, Zuordnungsfehler, schlichte Falschinformationen und Wichtigtuereien von Stasi-Beamten bzw. ihren Zuträgern hervor.

Aus heutiger Sicht, nach mehr als dreißig Jahren, mag man mir Naivität und Leichtfertigkeit im Umgang mit gewissen Behörden-Vertretern der DDR, die sicherlich die Kontakte zu mir ihrerseits für ihre Zwecke zu nutzen versuchten, vorwerfen.

Allerdings habe ich bei meinen Gesprächen in der DDR nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich, würde ich dort leben und arbeiten müssen und hätte dann noch den gleichen Mut, garantiert, wie geschätzte Kollegen von mir, im Gefängnis oder in der Psychiatrie gelandet wäre.


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