AUSSICHTEN

Werner Stang

3. Juni 1949 - 23. Mai 2002

Es ist gerade einmal ein halbes Jahr her, daß ich Werner Stang den ersten Presseausweis des Journalistenbüros und -Netzwerkes AUSSICHTEN überreichte. Werner lieferte Beiträge aus der Wirtschaftswelt, in der er beruflich zu Hause war. Wir hatten einige Pläne miteinander geschmiedet. Die können wir nicht mehr in die Tat umsetzen, denn Werner ist gestorben.

Es kommt mir vor, als habe er mich erst gestern anläßlich des Geburtstages seiner Frau seiner Verwandschaft vorgestellt. Als hätten wir mit Agnes und "meiner" Elisabeth erst kürzlich zusammen in einem Kölner Restaurant mit dem beziehungsreichen Namen "Prager Frühling" hervorragende böhmische Speisen und Getränke zu uns genommen... Oder zu zweit in einer Kneipe herrlich miteinander politisiert.

Es gibt Anlässe, bei denen es schwerfällt, nicht sentimental zu werden. Doch hättest Du, lieber Werner, zu Lebzeiten gewußt, daß ich Dir einst rote Nelken ins Grab werfen würde, hättest Du bestimmt nichts gegen diese Symbolik gehabt. - Wir haben in vielen wichtigen Dingen so derart übereingestimmt! Nun habe ich einen guten Freund und verläßlichen Mitstreiter verloren.

Es heißt, nur Menschen, die man vergißt, seien wirklich tot. Daran ist was Wahres. Du und ich hätten uns noch so sehr streiten können (obwohl es die Gefahr dafür eigentlich gar nicht gab), doch im Sinne von Demokratie und Humanismus hätten wir immer Seit´ an Seit´ gestanden, dessen bin ich mir sicher. Solche Freunde vergißt man nie. Ihre Gedanken trägt man weiter.

So ließ Werner Stang keine Gelegenheit aus, die Wichtigkeit von Bildung im Allgemeinen und Aus- und Weiterbildung Erwachsener im Besonderen für die Entwicklung unserer Gesellschaft hervorzuheben. Eine Denkrichtung, die insbesondere durch die Gespräche mit Werner fester und wesentlicher Bestandteil meiner eigenen Bestrebungen geworden ist.

Wie habe ich mitgefiebert, als Werner 1998 die von uns beiden verfaßte Rede zur Eröffnung des Tages der offenen Tür der von ihm als freiem Dozenten geleiteten Brühler Filiale der Deutschen Angestellten-Akademie einem prominenten Publikum vortrug! Wir hatten u.a. bahnbrechende Gedanken des Club of Rome zum Arbeitsmarkt gut plaziert. Neben vielen anderen applaudierten die Direktorin des Arbeitsamtes Brühl und der Regionaldirektor der Kreissparkasse Köln kräftig. - So arbeiteten Werner und ich zusammen, versuchten, Gedanken zu verbreiten, eben unseren Möglichkeiten entsprechend zu wirken und ein bißchen Politik zu machen.

Dabei war Werner kein Theoretiker, ganz im Gegenteil. Er fuhr zeitweise Taxi und war sich, als er geschäftlich einmal "auf die Schnauze gefallen" ist, auch nicht zu schade, Hilfsarbeiten zu übernehmen, um seine Familie durchzubringen und sein Studium der Wirtschaftswissenschaften zu finanzieren. Werner hat sich nie hängen lassen, ist immer wieder aufgestanden. Dabei hat er nie zu erwähnen vergessen, wer ihm geholfen hat. Er selbst half schließlich auch, wo er konnte.

Werner Stang packte auch vermeintlich Exotisches an. Eine Buslinie mit Fahrrad-Mitnahmemöglichkeit hat es im Westen von Köln versuchsweise nur deshalb gegeben, weil er mich bat, einen Kreistagsabgeordneten der Grünen und weitere für das Projekt relevante Leute zusammenzubringen. Das Pilotprojekt wurde seinerzeit nicht gut genug angenommen. Nicht alle guten Ideen gelingen im ersten Anlauf, aber irgendwann setzen sie sich durch.

Im Laufe einer langjährigen Freundschaft kommen einige Erinnerungsstücke zusammen. Werner machte sehr passende Geschenke, die privat und beruflich in ständigem Gebrauch sind. Ich werde sie nun ganz besonders in Ehren halten.

Werner hinterläßt seine Frau Agnes und seine Tochter Yvonne. Die beiden haben während den elf Tagen, in denen er - verursacht durch einen Herzinfarkt - auf der Intensivstation des Frechener Krankenhauses im Koma lag, alles in ihrer Macht stehende unternommen, sein Bewußtsein zu erreichen und so vielleicht sein Erwachen, auf das alle hofften, zu unterstützen. Sie sorgten dafür, daß seine Lieblingsmusik lief, Yvonne las ihm u.a. aus Karl May-Büchern vor. Zwei starke Frauen, die bis zuletzt auf Werners Stehaufmännchen-Qualität setzten. Doch nicht für alles genügen die Kräfte.

Ich bin, seit ich 1996 in einem Operationssaal in Kiew während einer Tumoroperation sieben Stunden lang von einer Seite tief ins Hirn eines zwöfjährigens Kindes, aus der Gegenrichtung auf die Monitore der Anästhesisten blicken konnte, fest davon überzeugt, daß Menschen auch im Zustand tiefer Bewußtlosigkeit irgendwie doch sinnlich mit ihrer Umwelt verbunden sind. Da die Frechener Ärzte nur enge Angehörige auf die Intensivstation ließen, wollte ich Werner ein paar Sätze auf eine Kassette sprechen, die ihm hätten vorgespielt werden können. Lieber noch hätte ich ihn bald besucht. Doch dazu kam es nicht mehr.

Wenn ich Werner jetzt noch etwas sagen könnte, würde ich aus einem Text des Kölner Musikers Thommie Engel zitieren: "Du häs´ et joot jemaat!"

In Antoine de Saint-Exuperys Buch "Der kleine Prinz" heißt es sinngemäß: Wenn Deine Trauer sich gelegt hat, wirst Du froh sein, mich gekannt zu haben.

Ich weiß nicht, wann sich meine Trauer über Deinen Tod legen wird. Aber froh und glücklich über unsere Freundschaft bin ich schon lange und werde es immer bleiben.

Du weißt ja: Niemals geht man so ganz.

Dein Jürgen

Bitte beachten Sie meine Trauerrede für einen Freund
und Werner Stangs Artikel Nicht auch noch die Erwachsenenbildung zerrütten
(beide im Archiv)


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