Bob Woodward
Bush at War
Amerika im Krieg
DVA Stuttgart, München / Spiegel Verlag Hamburg, 2003
ISBN 3-421-05698-6
24,90



5. Februar 2002: 25 Angehörige US-amerikanischer Special Forces und paramilitärischer CIA-Gruppen beerdigen im Osten Afghanistans einen Trümmerrest des World Trade Centers. Jemand spricht ein Gebet und beendet seine patriotische Rede mit der Beschwörung: "Wir werden Tod und Gewalt in alle vier Himmelsrichtungen tragen, um unser großes Land zu verteidigen."

So endet das neue Buch des Watergate-Enthüllers Bob Woodward Bush at War - Amerika im Krieg. Ebenfalls auf der letzten von 388 Seiten heißt es: "Aber es war keineswegs klar, was am Ende mit dem Irak geschehen würde, ob Bush auf einen Triumpf oder eine Katastrophe zusteuerte, oder auf irgend etwas dazwischen."

Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die über die gescheiterten Bemühungen im UN-Sicherheitsrat, eine friedliche Lösung für die Entwaffnung von Saddam Husseins Regime zu erzielen, amerikanische Außenpolitik und den daraus resultierenden Krieg gegen den Irak mitreden wollen. - Schon gelesen, Frau Merkel?

Bush at War ist Pflichtlektüre, weil dieser Report tiefe Einblicke in die Psyche der US-Regierung liefert, detailliert nachzeichnet, welche Prioritäten Georg Bush jr. und die Mitglieder seines Kriegskabinetts seit den Flugzeug-Einschlägen in die Twin Towers und das Pentagon am 11. September 2003 gesetzt haben. Man erfährt darüber hinaus, wer in der Administration welche Ziele verfolgt, wer wie taktiert.

Bob Woodward und seine Helfer von der Washington Post haben so akribisch recherchiert, daß der Leser sich mitunter fühlt, als sei er bei den Krisen-, Kabinetts- und anderen Sitzungen mit dabei gewesen. Darüber hinaus werden die Persönlichkeitsstrukturen der Handelnden deutlich.

"Ich werde die Chance ergreifen, Großes zu verwirklichen", ließ George Bush jr. Woodward wissen, um anzufügen: "Es gibt nichts Größeres, als den Weltfrieden zu erreichen." Man erfährt von einem Präsidenten, der von sich selbst sagt, nicht nach Lehrbüchern, sondern mehr aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Der tatsächlich zu glauben scheint, eine ihm von Gott aufgetragene Aufgabe zu erfüllen. Der Condoleeza Rice wissen ließ, daß sein Vater Saddam Hussein im vorherigen Golfkrieg gar nicht hätte jagen dürfen, weil es dafür keine UN-Resolution gegeben hat. Von einem George Bush jr., der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 seinem getroffenen Volk möglichst bald tote Feinde präsentieren wollte, obwohl noch gar nicht klar war, welches die richtigen Angriffsziele sein würden. Der den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il "verabscheut", weil der sein Volk verhungern läßt, aber dahingehend beraten werde, nicht zu schnell gegen diesen vorzugehen.

Es zeichnet guten Journalismus aus, Leser, Zuhörer und Zuschauer nicht zu bevormunden, denn manches kommentiert sich selbst. So liefert Woodward einfach nur ein dezidiertes Protokoll der Abläufe innerhalb des Washingtoner Kabinetts, an dessen Tisch auch die CIA durch ihren Direktor George Tenet vertreten ist. So ist man angesichts der Lektüre erstaunt über den beinahe unterwürfigen Respekt selbst seitens Ministern vor dem Amt des Präsidenten als solchem. Und darüber, daß der gesamte Regierungsapparat sich von Beginn an mit dem Krieg gegen Terroristen und die sie unterstützenden Regimes befaßt hat, nicht aber ansatzweise mit den tieferen Ursachen für die Bereitschaft zu derart brutalen Gewalttaten wie denen vom 11. September 2001.

Woodwards Report enthält Details über Colin Powells frühzeitige Bemühungen, einen Krieg gegen den Irak möglichst gar nicht zu führen, keinesfalls aber ohne Deckung durch die Vereinten Nationen. Beinahe wäre der Satz in Bushs Rede vor der UNO-Vollversammlung, in dem es um eine entsprechende Resolution ging, ungesagt geblieben, weil diese letzte Änderung in der 24. Manuskript-Version auf dem Teleprompter, von dem der Präsident ablas, nicht vorhanden war. Während Powell fast das Herz stehen geblieben sein soll, improvisierte Bush; wohl nicht ganz so unbeholfen, wie man zu denken geneigt ist.

Wenngleich Bush at War das Gerangel innerhalb des UN-Sicherheitsrates um friedliche Lösungen des Irak-Konfliktes nicht mehr enthält - in dem Buch geht es um das Handeln der US-Regierung seit den Anschlägen über den Afghanistan-Feldzug bis zum Beginn der Irak-Debatte -, so ist es doch hochaktuell. Weil die Handelnden auf US-Seite dieselben sind, wie jetzt, im neuesten Krieg.

Bob Woodward hat mit Bush at War quasi das Handbuch zum Funktionieren der derzeitigen US-Regierung präsentiert. Und das auch noch fesselnd - wenn in der zweiten Hälfte auch mit Längen - geschrieben.

(Das Buch ist, wofür der Deutschen Verlags-Anstalt und dem Spiegel Verlag, die es gemeinsam veröffentlicht haben, zu danken ist, in herkömmlicher Rechtschreibung erschienen.)


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