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	<title>Sachtexte &#8211; Buchbeiträge &#8211; AUSSICHTEN &#8211; Informationen aus dem Journalistenb&uuml;ro von J&uuml;rgen Streich</title>
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		<title>Von der Relativität der Freiheit</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2022 00:38:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Buchbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentare / Hintergründe]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie weit soll und darf sie gehen und wo sind ihre Grenzen? Von Jürgen Streich Losgelöst von nahezu allem habe ich mich frei gefühlt wie nie zuvor. Einserseits. Denn&#160; andererseits war ich einigen Gesetzen stärker ausgesetzt denn je. Völlig auf mich allein gestellt. Und auf Gedeih und Verderb abhängig vom Funktionieren der Technik, die ich &#8230; <p class="read-more"><a class="readmore-btn" href="https://aussichten-online.de/kommentare-hintergruende/von-der-relativitaet-der-freiheit/">+<span class="screen-reader-text">  Read More</span></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="has-text-align-center wp-block-heading" style="font-size:24px"><strong>Wie weit soll und darf sie gehen und wo sind ihre Grenzen?</strong></h2>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Von Jürgen Streich</p>



<p class="wp-block-paragraph">Losgelöst von nahezu allem habe ich mich frei gefühlt wie nie zuvor. Einserseits. Denn&nbsp; andererseits war ich einigen Gesetzen stärker ausgesetzt denn je. Völlig auf mich allein gestellt. Und auf Gedeih und Verderb abhängig vom Funktionieren der Technik, die ich mit mir trug. Wer sich je – nicht etwa von einem Sprungturm oder mit einem versierten Tandempartner im Rücken – allein im freien Fall befunden hat, weiß, was das bedeutet. Tatsächlich scheint, um den Chansonier Reinhard Mey zu zitieren, die Freiheit über den Wolken grenzenlos zu sein, fühlt man sich, wenn man den Umgang mit den dann besonders deutlich spürbaren Kräften wie Erdanziehung und Luftwiderstand ein wenig gelernt hat, frei wie ein Vogel.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Das allerdings nur kurz. 50 Meter in der Sekunde, also mit 180 Stundenkilometern, rast man auf die Erde zu. Die Freiheit unter den Wolken wird dann zeitlich überschaubar. Man ist schlicht gezwungen, den erlernten Ablauf kompromisslos einzuhalten. Andernfalls endet jegliche Entscheidungs- und andere Freiheit abrupt und ein für alle Mal. Verhält man sich aber den Naturgesetzen und den Regeln entsprechend, werden der freie Fall und das Gleiten am Schirm zu unvergesslichen Momenten der Freiheit, bis Mutter Erde den menschlichen Flieger wiederhat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Beispiel verdeutlicht: Vollständige, grenzenlose Freiheit gibt es nicht, Freiheit ist immer relativ. Selbst Astronauten, die außerhalb der Erdatmosphäre schwerelos und völlig losgelöst, weil kabellos, außen an der Raumstation ISS arbeiten, sind nicht frei, sondern den Gesetzen der Physik und dem Funktionieren der Technik in ganz besonderem Maße ausgesetzt; von strikt durchgetakteten Ablaufplänen einmal ganz abesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch völlig unanbhängig von Naturgesetzen, Technik und Regeln gibt es Freiheit immer nur mal mehr oder eben auch weniger. Das gilt im Privaten, in Politik und Gesellschaft, Wirtschaft, Religion und natürlich auch in noch so fairen sportlichen Wettkämpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz simpel ausgedrückt ist es so: Nimmt Person A sich die besondere Freiheit heraus, Person B den Schädel einzuschlagen, bedeutet das für Person B, gelinde ausgedrückt, extreme Unfreiheit. Dabei muss bei zivilisierterem Umgang miteinander die Freiheit des einen keineswegs immer Unfreiheit des anderen bedeuten. Im Gegenteil kann vermeintliche Unfreiheit letztlich sogar sehr befreiend wirken. Ein Beispiel dafür ist der Ausgang des Zweiten Weltkrieges, als die Alliierten Deutschland vom Nazi-Regime befreiten, das zuvor das eigene Volk missbraucht und geknechtet und dann andere Länder überfallen, deren Menschen unterworfen, terrorisiert und teils vernichtet hatte. Diese Befreiung war zweifellos nötig, doch auch viele Jahrzehnte später hat sich die Erkenntnis, dass man als selbsternannter Befreier anderen Ländern und Völkern nicht einfach das eigene Verständnis von Freiheit und Demokratie überstülpen kann, unter den Staatslenkern immer noch nicht hinreichend herumgesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei muss niemand, kein Mensch und kein Volk, es einfach hinnehmen, dass andere sich Freiheiten genehmigen, die einen selbst oder andere beeinträchtigen, vielleicht sogar bedrohen. Doch wie einzelne Menschen, Gruppen oder Völker ihre Freiheit erkämpfen oder verteidigen, sollte mit anderen in möglichst demokratischem Konsens entschieden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hierzu ist es wichtig, den Sinnzusammenhang von Rosa Luxemburges berühmtem Zitat, demzufolge Freiheit immer die des Andersdenkenden ist, zu kennen. Vollständig lautet es nämlich so: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit’, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit’ zum Privilegium wird.“ – Vereinfacht ausgedrückt: Denk- und Meinungsfreiheit hat für alle zu gelten, andernfalls steht die Freiheit als solche auf tönernen Beinen, bricht also leicht in sich zusammen. Auch darf Freiheit nicht nur für Anhänger bestimmter, dem jeweils herrschenden Regime genehmen Denkrichtungen und Gruppen gelten, weil sie sonst sowohl ihre innere Korrektur als auch ihre gestalterische Kraft verliert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass Gesellschaften und Individuen jeglichen als freie Meinungsäußerung deklarierten Unfug akzeptieren müssen. Falschbehauptungen sind eben genau das und nicht etwa „alternative Fakten“, als die manche irrlichternden Staats- und Regierungschefs sie – insbesondere dann, wenn sie beim Lügen ertappt worden sind – gerne hinstellen würden. Zwei plus zwei ist nun einmal vier und nicht fünf, wie der Große Bruder, die über alles herrschende Partei in George Orwells dystopischen Roman „1984“, einem Widerständler unter Folterqualen klarmachen will. Und die Naturgesetze sind durch keine noch so große Mehrheit in irgendeinem Parlament zu verändern. Vor diesem Hintergrund würde ich mir oftmals wünschen, dass auch deutsche Gerichte deutlicher zwischen falschen Tatsachenbehauptungen und angeblich freier Meinungsäußerung unterscheiden und entsprechend urteilen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen fordern nämlich insbesondere diejenigen das Recht auf freie Meinungsäußerung – und damit von Verbreitung mancher Halb- und kompletten Unwahrheit, Lüge und Verschwörungstheorie &#8211; besonders lautstark für sich ein, denen dieses erstens nie verweigert worden ist, die es aber, zweitens, anders als sie denkenden Menschen niemals gewähren würden, hätten sie die Macht dazu. Käme es je soweit, dass sie sie hätten, wäre es mit der Freiheit der Gedanken, der Worte, der Meinung und der Presse wohl komplett vorbei. „Für jemanden, der der Ideologie der AfD anhängt“, schrieb der Journalist, Autor und Professor für Digitale Kommunikation, Christian Stöcker, vor ein paar Tagen in seiner Kolumne in SPIEGEL-online, „heißt Meinungsfreiheit: Es gibt nur eine Meinung, und zwar unsere.“ Schon jetzt, so Stöcker weiter, versuche die Partei ihre Kritiker mit einschüchternden Maßnahmen zum Schweigen zu bringen, etwa mit „Meldeportalen für unbotmäßige Lehrer und Professoren bis hin zur Forderung, einen General zu suspendieren.“ Es liegt beinahe in der Natur der Sache, dass, wenn aus dieser Richtung von „Lügenpresse“ und staatsgelenkten „Porpagandamedien“ die Rede ist, die in Deutschland weitgehend frei publizierenden zahlreichen rechtsradikalen Medien unterschlagen werden, weil man sich andernfalls ja selbst widerlegen würde. Pressefreiheit verlangen rechte bis rechtsradikale Politiker immer ausschließlich für von ihnen kontrollierte oder ihnen wohlgesonnene Medien, für andere ist sie ihnen zuwider. Allein das reicht als Grund, die Freiheit der Presse nach Kräften zu stärken und zu sichern. Gleichzeitig müssen, insbesondere in den sogenannten sozialen Medien, seriöse und tendenzielle, einseitige bis hin zu falschen Informationen für die Nachrichtenkonsumenten klarer unterscheidbar werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn je besser Menschen informiert sind, umso freier ist die Gesellschaft, in der sie leben. Das mag manchen Leuten an den Schalthebeln der Macht nicht gefallen, aber im Sinne von Demokratie ist Informationsfreiheit für den Souverän, das Volk, unabdingbar. Und Demokratie ist dem früheren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow zufolge, für eine freie Gesellschaft so überlebensnotwendig, „wie die Luft zum Atmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Freiheitsrechte aus angeblichen Sicherheits- und anderen Gründen aber immer weiter eingeschränkt werden oder beim Noch-EU-Mitglied Großbritannien gar das Parlament, also die Volksvertretung, in einer Phase von historischer Bedeutung schamlos ausgeschaltet wird, dann steht es schlecht um die Demokratie, die laut Abraham Lincoln die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk sein soll. Die Praxis aber sieht so aus, dass auf dem Wege über Parteien Volksvertreter nach oben gehievt werden, die dann allzu schnell und sehr leicht das Volk aus den Augen verlieren. Sie neigen dazu, die Freiheit ihres Mandates oder ihres Amtes für die Freiheit derjenigen, denen es in erster Linie ums Geldverdienen geht, einzusetzen, um sich diese zumeist starken Eigeninteressengruppen gewogen zu halten. – Ein Schelm, der dabei an weitere Karriereplanung der Politiker denkt&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da wird schon einmal, ganz frei von der Geschäftsordnung der Bundesregierung, einem Kabinettsbeschluss und einer Anweisung des Kanzleramtes, mit der deutschen Stimme die weitere Zulassung einer höchst umstrittenen Agrarchemikalie durchgewinkt, auf dass ein deutscher Konzern mit Sitz hier nur über den Rhein ganz frei seinen größenwahnsinnigen Geschäftsinteressen nachgehen kann. Und für den Herrn Minister, der so abstimmte und doch zunächst im Amt blieb, für die Zeit danach ein hochdotierter Posten in der Chemiebranche freigehalten wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Freiheit blieben auch die Verantwortlichen für einen der größten Betrugs- und Umweltskandale der deutschen Industriegeschichte, dem Abgasskandal. Dass sie und ihre Unternehmen mit tatkräftiger Hilfe der Politik auch weitgehend frei von Schadenersatzzahlungen blieben, raubte vielen der Betrogenen durch den Wertverlust manche finanzielle und damit andere Freiheit. Und den Glauben daran, dass vor dem Gesetz alle gleich sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ging die Entwicklung dem Professor für deutsche Literatur und Philosophie an der Universität im nordenglischen Newcastle, Bernhard Malkmus, zufolge schon zuvor in die falsche Richtung: „Zu lange haben wir“, schrieb er kürzlich in einem Beitrag für die Wochenzeitung „der Freitag“, „Demokratie mit einer Ideologie des Individualismus gleichgesetzt, der die Chefstrategen des Neoliberalismus dann wohlklingende Mäntelchen wie ‚offene Gesellschaft’ und ‚Freiheit’ umgehängt haben. Jetzt, da die materielle und ökologische Basis dieser selbstzerstörerischen Interpretation des Humanismus an unüberwindbare Grenzen stößt, müssen wir darüber nachdenken, was diese Ideale wirklich bedeuten.“ – Naja, ich möchte kritisch anmerken, dass diese „Interpretation des Humanismus“ die Förderung und Unterstützung derjenigen, die die finanzielle Freiheit dazu haben, bedeutet, mit einem Humanismus, der möglichst Vielen zugute kommt, also nicht unbedingt viel zu tun hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch hat Malkmus insofern recht, als dass diese politische Denkrichtung die Freiheit – letztlich sogar der Priviligierten – mindert und dadurch komplett gefährdet. Denn wenn die Menschheit allein in Fragen der Ökologie nicht sehr schnell teils radikale Kurskorrekturen vornimmt, steht die Existenz der Welt, wie wir sie kennen, in Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir könnten uns, um zu retten, was zu retten ist, schon sehr bald in einer Situation befinden, in der – ohne bereits von einer Ökodiktatur zu reden – tiefgreifende Einschnitte in manche Freiheitsrechte unumgänglich sind. Und dabei sind Szenarien denkbar, in denen angesichts der Überlebensfragen die Bedeutung finanzieller Mittel für die individuelle Freiheit nachlässt. Eine Zeile aus dem Ende der sechziger Jahre von Kris Kristofferson geschriebenen und durch eine Interpretation von Janis Joplin weltberühmt gewordenen Song „Me and Bobby McGee“ bekäme dann eine ganz neue Bedeutung: „Freedom is just another word für nothing left to lose“ – zu deutsch: „Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was ist, wenn jemand auch die Freiheit verloren hat? – Dazu hat mich eine Aussage des Gründungspräsidenten des Club of Rome, des italienischen Industriellen Aurelio Peccei, sehr beeindruckt. Er, der im Widerstand aktiv war, wurde 1944 von den Faschisten für elf Monate eingesperrt. Peccei über diese Zeit: „Die elf Monate in Gefangenschaft waren eine der bereicherndsten Perioden meines Lebens; ich bin tatsächlich glücklich, dass dies alles geschah. Eine der intensivsten Lektionen in Sachen Würde, die ich je lernte, war die, dass angesichts extremer Notlagen auch die Einfachsten unter uns, diejenigen, die außerhalb der Gefängnistore keine Freunde hatten, die Ihnen hätten helfen können, sich ausschließlich auf ihre Überzeugungen und ihre Menschlichkeit stützten. Dadurch wurde ich in meiner Ansicht bestärkt, dass in jedem Menschen Zeit seines Lebens eine latente Kraft liegt, die auf Befreiung wartet und dass die moderne</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesellschaft lediglich den Weg, diese Kräfte zu befreien, entdecken muß. Dass man im Gefängnis ein freier Mann bleiben kann. Dass Menschen in Ketten gelegt werden können, Ideen aber nicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Apropos Herrschende: Die betonen ja gerne, dass in ihrem Machtbereich Freiheit herrsche. Doch der Dichter Erich Fried hielt dem entgegen: „Freiheit herrscht nicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einem Song des deutschen Musikers Marius Müller-Westernhagen ist Freiheit zwar „das einzige, was zählt“, aber gerade deshalb etwas, das die Reichen und die Mächtigen bei ihren feierlichen Selbstinszenierungen nicht so gerne dabei haben. „Freiheit ist Sklaverei“, propagiert daher der schon einmal erwähnte „Große Bruder“, die allmächtige Partei, in Geroge Orwells Roman „1984“ in völliger Verdrehung der Tatsachen. Wer die Macht dazu hat, bestimmt auch, was die offizielle Wahrheit ist, was die Menschen zu glauben haben. Dabei ist freier Umgang mit der Wahrheit in Verbindung mit Macht für jede Gesellschaft die übelste Giftmischung überhaupt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nur das Gesetz kann uns Freiheit geben“, betonen dagegen die Freimaurer und meinen damit idealerweise ihre Gesetze zu ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit’ sowie zum freien Denken im Sinne von Toleranz und Aufklärung. Leider dringt von solchen Tendenzen viel zu wenig in die Gesellschaft durch, ebenso, wie auch die südamerikanischen Befreiungstheologen, denen es darum geht, die katholische Lehre hinsichtlich fairen Umgangs mit Ureinwohnern und zur Bewahrung der Schöpfung konsequent umzusetzen, einen ausgesprochen schweren Stand innerhalb ihrer Weltkirche und gegenüber der staatlichen Politik haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich Freiheit an der Basis, dort, wo das sogenannte wahre Leben stattfindet, nicht mit der Regulierungswut, den Machtansprüchen von oben und den dortigen Verbindungen zu Wirtschafts- und anderen Größen verträgt. In der derzeitigen Weltlage eignen sich insbesondere vermeintliche Sicherheitsinteressen als Rechtfertigung für immer weitergehende Einschnitte in Freiheitsrechte. So plant der derzeitige Innenminister Horst Seehofer aktuell, durch die Hintertür die Überwachung von Computern auch von investigativen Journalisten und ganzen Redaktionen durch die Installation von sogenannten Staatstrojanern und auf anderen Wegen durch Sicherheitsbehörden zu ermöglichen. Dies wäre eine schwere und kaum wiedergutzumachende Beschädigung des hohen Gutes der Pressefreiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie weit ein Überwachungsstaat heute schon führen kann, lässt sich in China beobachten. Und bereits über 40 Jahre zuvor berichtete in der wundervollen Kaninchen-Fabel „Unten am Fluss“ – Originaltitel „Watership Down“ – aus der Feder von Richard Adams ein den Fängen eines gewalttätigen Unterdrückungsregimes entkommenes Kaninchen seinen Freunden: „Du kannst Dein Leben nicht dein eigen nennen und als Gegenleistung hast du Sicherheit – wenn sie sie wert ist bei solch einem Preis“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So läuft es in der Realität auch: Mit Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen werden immer mehr Einschränkungen von Freiheitsrechten begründet. „Big Brother is watching you.“ – Was soll´s, sagen viele. Sie hätten nichts zu verbergen. Welch fataler Irrtum. Jeder Mensch hat das, und zwar zu recht. Je gläserner die Menschen aber werden, desto überwachbarer wird all ihr Handeln, desto manipulierbarer, letztlich steuerbarer und unfreier werden sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unserer Ex-Kanzlerin – diesen Vorwurf kann ich Angela Merkel nicht ersparen – war dies alles im Zuge der NSA-Affäre vollkommen egal, die Bundesregierung blieb, ihren Amtseid verletzend, untätig. Der damalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla belog die Bevölkerung sogar noch über angebliche Verhandlungserfolge in Washington. Eine Ungeheuerlichkeit, für die er noch mit einem hochdotierten Vorstandsposten bei der Deutschen Bahn belohnt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gründlich missverstanden haben auch zumindest die Bundespolitiker einer Partei, die die Freiheit im Namen und bei so gut wie jeder durchgeboxten oder verhinderten Entscheidung vor sich herträgt, die Bedeutung des Begriffs und wo die Grenzen der Freiheit liegen. Zu glauben, es wäre Bewahrung von Freiheit, eine längst überfällige Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Straßen weiterhin zu verhindern, ist ein fataler Fehler. Schließlich würde ein Tempolimit auch zur Verringerung des CO<sub>2</sub>-Ausstoßes im Verkehr beitragen. Dass aber die Gesellschaft in einer sich immer weiter aufheizenden Welt ziemlich autoritär und restriktiv regiert und verwaltet würde – also alles andere als freiheitlich – steht außer Frage. Außerdem führt jeder Stundenkilometer, der auf den Straßen mehr gefahren wird, nachweislich zu mehr Unfalltoten und Schwerverletzten. Des einen Freiheit wird da schnell zum Grab des anderen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bereits genannte Journalist und Kommunikationswissenschaftler Christian Stöcker beschrieb die Freidemokratischen Partei Deutschlands in seiner Kolumne vom 24. Oktober 2022 mit dem Titel „Verweigerungspartei FDP &#8211; Nichtstun first. Bedenken Second“ in SPIEGEL.de so: „Rückwärtsgewandt, veränderungs- und innovationsunwillig, besitzstandswahrend und ohne jede politische Vision jenseits von: Wer viel Geld hat, muss genauso weiterleben können wie bisher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klar ist, dass solche Politik nicht nur nichts mit der Gesaltung einer freiheitlichen Gesellschaft für alle zu tun hat, sondern diese oftmals sogar konterkariert. Freiheit immer nur für das besser situierte eigene Klientel anzustreben geht nahezu immer mit Freiheitseinschränkungen anderswo einher – und wenn auch noch so indirekt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist die Freiheit der Gedanken, des Wortes und der Meinung sowie der Presse den Mächtigen auch anderer Coleur zumindest tendenziell suspekt. Und die Freiheit der Wissenschaft mögen sie auch nur, wenn sie ihren militärischen oder wirtschaftlichen Interessen nützt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dies ist die Freiheit, die ich meine. Die Freiheit der Gedanken zuvorderst, und die, diese zu äußern und zu verbreiten. Denn nur in einem Wettstreit der Ideen und mit freiem Austausch der Gedanken wird die Menschheit eine Zukunftschance haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lassen Sie mich mit einem Spruch des Graphikers und Plakatkünstlers Klaus Staeck enden. Er formulierte das Hinweisschild „Ausfahrt freihalten“ treffend so um: „Freiheit aushalten!“</p>
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		<title>&#8222;Stell&#8216; Dir vor&#8230;&#8220; &#8211; Gedanken über Visionäre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Oct 2022 02:03:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa, Lyrik und andere Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Sachtexte - Buchbeiträge]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Jürgen Streich ______________________________________________________________________________________ Den nachfolgenden Text habe ich im Jahr 2013 für die vom Autorenkreis Rhein-Erft herausgegebene Anthologie „Reine Glaubenssachen“ geschrieben. ______________________________________________________________________________________ „Stell´ Dir vor&#8230;“ &#8230;heißt es in dem 1971 von John Lennon veröffentlichten Song Imagine, es gäbe kein Paradies und keinen Teufel, keine Religion und keine Staaten, für die man tötet oder stirbt, &#8230; <p class="read-more"><a class="readmore-btn" href="https://aussichten-online.de/prosa-lyrik-und-andere-texte/stell-dir-vor-gedanken-ueber-visionaere/">+<span class="screen-reader-text">  Read More</span></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">Von Jürgen Streich</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">______________________________________________________________________________________</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>Den nachfolgenden Text habe ich im Jahr 2013 für die vom Autorenkreis Rhein-Erft </em></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><em>herausgegebene Anthologie „Reine Glaubenssachen“ geschrieben.</em></p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">______________________________________________________________________________________</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:28px"><strong>„Stell´ Dir vor&#8230;</strong>“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8230;heißt es in dem 1971 von John Lennon veröffentlichten Song <em>Imagine</em>, es gäbe kein Paradies und keinen Teufel, keine Religion und keine Staaten, für die man tötet oder stirbt, keine Besitztümer, nach denen die einen gieren, weshalb die anderen hungern. „Stell´ Dir vor“, die Menschen und Völker lebten friedlich zusammen – „dann magst Du sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der einzige. Ich hoffe, dass Du eines Tages zu uns gehören wirst. Und die Welt ein Ganzes wird.“ <em>Imagine </em>wurde zu einer Hymne der Friedens- und Umweltbewegung der siebziger und frühen achtziger Jahre.</p>
</div>



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<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="589" height="935" src="https://aussichten-online.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-08-um-20.20.19.jpeg" alt="" class="wp-image-3601" srcset="https://aussichten-online.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-08-um-20.20.19.jpeg 589w, https://aussichten-online.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-08-um-20.20.19-189x300.jpeg 189w, https://aussichten-online.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-08-um-20.20.19-170x270.jpeg 170w" sizes="(max-width: 589px) 100vw, 589px" /></figure>
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<p class="wp-block-paragraph">Würde man im Jahr 2013 eine Umfrage zum Begriff „Imagine“ machen, würden viele wohl an &#8222;Digital Imaging&#8220; denken &#8211; bildgebende Verfahren in der elektronischen Datenverarbeitung, nach denen auch das Computerprogramm <em>Imaging </em>benannt ist. Mögen manchen Zeitgenossen die Zukunftswünsche des 1981 ermordeten Ex-Beatles John Lennon inzwischen auch etwas schmalzig vorkommen, so können heute auch umweltbewusste und friedliebende Realisten nicht übersehen, dass ihnen in mancher Hinsicht die Vorstellungskraft abhanden gekommen ist. Es fehlt an Visionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon vor einiger Zeit beklagte der Autor des 1968 von Stanley Kubrick verfilmten Kult-Science Fiction <em>2001 – Die Odyssee im Weltall</em>, Arthur Clarke: „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.“ Doch verhält man sich nicht unwissenschaftlich, wenn man von ihr in der Vergangenheitsform spricht? Ist man dann nicht erst recht ein Träumer?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegenteil, Clarke bringt die Hauptsache auf den Punkt: Die Zukunft wird in der Gegenwart gestaltet. Deshalb verändert sie sich fortlaufend. Blaupausen dafür, wie sie aussehen könnte, sind zunächst einmal nützlich. Das gilt für positive Utopien wie für abschreckende Szenarien gleichermaßen. Und natürlich erst recht für Zukunftsprognosen, die durch die Hochrechnung realer Daten zustande gekommen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ernst Warnungen zu nehmen sind, beweist das kuriose Beispiel eines Buches, das, obwohl es im Gegensatz zum Namen seines Autors vergleichsweise unbekannt ist, die Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkrieges und damit auch weite Teile der Zukunft tiefgreifend beeinflusst hat: <em>Befreite Welt </em>von H. G. Wells. Angeregt durch die von Ernest Rutherford und Frederick Soddy 1903 aufgestellte Atomzerfalls-Hypothese hatte Wells in dem zehn Jahre später erschienenen Roman vorausgesehen, dass mit „Atombomben“ (das Wort taucht hier 1913 erstmalig auf) ganze Städte und Landstriche verwüstet werden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der aufgrund seiner jüdischen Abstammung vor den Nazis aus Ungarn in die USA geflohene Physiker Leo Szilard verehrte Wells und sein schriftstellerisches Werk. Motiviert durch die seiner Meinung nach schlüssigen Gedanken in <em>Befreite Welt </em>unternahm er am 3. März 1939 einen Versuch, dessen Ergebnis ihn sicher machte, dass nukleare Waffen nicht nur Hirngespinste, sondern machbar waren. Der Wissenschaftler kämpfte aus Angst vor den Nazis fortan für die Entwicklung solcher Waffen und bewog Albert Einstein zur Unterschrift unter den berühmten Brief, in dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Entwicklung der ersten Atombomben dringend empfohlen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ergebnis ist bekannt: Hunderttausende Tote bei den Atomangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, durch fast 2.000 weitere Kernwaffentests weltweit verstrahlte Menschen, Tiere, Pflanzen und Landschaften, nukleares Wettrüsten und Konflikte, die nicht nur während der Kuba-Krise beinahe zum Dritten Weltkrieg geführt hätten. H. G. Wells hatte zu Recht vor diesen Entwicklungen gewarnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das Buch heißt nicht umsonst <em>Befreite Welt</em>. Der völlige Untergang der Menschheit wird in dem Roman dadurch verhindert, dass einige Herrscher angesichts der Apokalypse bereit sind, Teile ihrer Macht an ein Gremium, das sich nur um die Interessen des Ganzen kümmert, abzugeben. So überlebt die Menschheit in Wells´ düsterem Roman letztlich doch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders in seinem Spätwerk vertrat der Autor nachdrücklich die Idee eines demokratischen „Weltdirektoriats“. Während der eine Teil des Buches – die Warnung – bald in schreckliche Wirklichkeit umgesetzt wurde, harrt der andere – die dringende Empfehlung – auch im Zeitalter der Vereinten Nationen immer noch ihrer Umsetzung. Dabei hat Wells mit <em>Die offene Verschwörung </em>sogar den Aufruf an sämtliche gesellschaftlichen Gruppierungen, ihre Kräfte im übergeordneten Interesse übernational zu bündeln, nachgelegt. Doch auch dieses Buch hat nicht annähernd den Bekanntheitsgrad seiner utopischen Romane <em>Die Zeitmaschine </em>und<em> Der Krieg der Welten</em> erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leo Szilard hielt Atombomben nach dem Untergang des Nazi-Regimes für überflüssig und versuchte fortan mit aller Macht, ihren Einsatz zu verhindern. Doch es war längst eine unkontrollierte politische Kettenreaktion in Gang gekommen. Mit <em>Die Stimme der Delphine</em>, erschienen 1961, und anderen Science Fiction-Kurzgeschichten veröffentlichte er politisch-philosophische Visionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wie sein Vorbild H. G. Wells. Die Parallelen zwischen dessen Roman <em>Menschen Göttern gleich</em> und Thomas Morus´ <em>Utopia</em> dürften kaum zufällig sein. Wells selbst wird von einem grundsätzlich mehr technisch orientiertem „Hellseher“ beeinflusst gewesen sein: Jules Verne ließ in <em>Die Erfindung des Verderbens</em> einen Geisteskranken eine atombombenähnliche Waffe erfinden, die bezeichnenderweise eine kriminelle Vereinigung gegen eine internationale Flotte einsetzen will, sich dabei aber selbst vernichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jules Verne habe „die weißen Flecken auf der Landkarte der wissenschaftlichen Erdkunde sorgfältig inventarisiert“, schrieb Michel Butor über den Schriftsteller, „und sie mit fabelhaften Geschichten, die in der Verlängerungslinie bekannter Tatsachen liegen, ausgefüllt.“ Geradezu fabelhaft erschiene es, würde folgender von Verne 1874 in <em>Die geheimnisvolle Insel</em> veröffentlichter Gedanke heute, wo dies möglich ist, in die Tat umgesetzt: „Eines Tages werden Dampfer und Lokomotiven keine Kohlebunker mehr führen, sondern Gastanks, aus denen komprimierte Gase durch Rohre in die Heizkessel strömen. Das Wasser ist die Kohle der Zukunft.“ Vernes Protagonist erklärt in dem Buch auch, wodurch das seiner Meinung nach möglich wird: Durch „Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. (&#8230;) Wasserstoff und Sauerstoff werden auf unabsehbare Zeiten hinaus die Energieversorgung der Erde sichern.“ – Eine Aussage, die nicht besser aus dem Mund des Gründers und Vorsitzenden der Organisation Eurosolar, Hermann Scheer, der 1999 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden und 2010 überraschend gestorben ist, hätte stammen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Utopische Literatur hat also nicht nur auf direktem Wege den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflusst, sondern auch indirekt – indem sie Ideen in die Welt setzte, mögliche Ziele definierte. Letzteres trifft zwar auch auf das <em>Kommunistische Manifest</em> und gar Hitlers <em>Mein Kampf</em> zu. Doch waren beide, so unterschiedlich sie unter humanistischen Aspekten auch zu beurteilen sind, Kampfschriften, verfasst mit starrem Blick auf die Durchsetzung von Ideologien. Utopisten indessen – ob sie nun, wie Thomas Morus, gesellschaftliche Schwerpunkte setzten, technische wie zunächst Jules Verne und später auf ganz andere Weise Aldous Huxley, politische wie H.G. Wells oder philosphische wie Arthur Clarke –, sie hatten die gesamte Menschheit, den ganzen Planeten im Blick. Und zwar nicht als Beute, sondern eher im Sinne eines zu erhaltenden oder zu schaffenden Biotops.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Ideologen schrieben die Utopisten keine Manifeste für Machtmenschen, sondern abschreckende oder wünschenswerte Szenarien für alle. Huxleys <em>Schöne neue Welt</em>, 1932 erschienen und laut Brockhaus aufgrund des darin enthaltenen Scharfsinns ein „Modell der modernen negativen Utopie“, ist vor dem Hintergrund der gentechnischen Durchbrüche ein hochaktuelles Beispiel für den Missbrauch wissenschaftlich-technischer Möglichkeiten und politischer Macht. Dasselbe gilt für George Orwells 1948 erschienene Warnung vor dem Überwachungsstaat mit dem Titel <em>1984</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man anno 2013 wieder mehr ökologische, friedens- und sozialpolitische Visionen einfordert, darf dabei nicht übersehen werden, dass es ein Unterschied ist, ob man wirkliche Zustände und reale Abläufe weiterdenkt, um vor Fehlentwicklungen zu warnen, oder Zukunftsentwürfe schafft, denen diese Entwicklungen ja meist entgegenstehen. Der Bekanntheitsgrad von <em>Utopia </em>überdeckt nämlich die Tatsache, dass ansonsten nur sehr wenige Positiv-Visionen publiziert worden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine davon erschien 1976 unter dem Titel <em>The Next 200 Years</em>. Diese war von multinationalen Konzernen finanziert und Herman Kahn vom New Yorker Hudson-Institute verfasst worden. Kahn und seine Mitarbeiter prognostizierten darin, dass es zu einer reichen Weltgesellschaft kommen werde, für die die „Produktion der lebenswichtigen Güter aufgrund des technologischen und wirtschaftlichen Fortschritts eine trivial leichte Aufgabe geworden sein wird.“ Das war natürlich ein Persilschein für jegliches „Weiter so!“ Eine unseriöse Argumentation, mit der beinahe alles verharmlost und zur segensreichen Entwicklung erklärt werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kahns Prognose war wohl einer der Versuche, mit der Taktik des Gegen-den-Strich-Bürstens erfolgreich zu sein. Ansonsten hatten damals nämlich Warnungen Konjunktur. Immerhin 14 Jahre war es her, dass folgende Zeilen erschienen waren: „Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Die wenigen Vögel waren dem Tode nah; sie zitterten heftig und konnten nicht mehr fliegen. Auf den Farmen brüteten Hennen, aber keine Küken schlüpften aus. Die Apfelbäume entfalteten ihre Blüten, aber keine Bienen summten zwischen ihnen umher. Die Landstraßen waren von braun und welk gewordenen Pflanzen eingesäumt, als wäre ein Feuer über sie hinweggegangen. Selbst in den Flüssen regte sich kein Leben mehr.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein düsterer Science Fiction-Roman? Von wegen. „Kein böser Zauber, kein feindlicher Überfall hatte in dieser verwüsteten Welt die Wiedergeburt neuen Lebens im Keim erstickt. Das hatten die Menschen selbst getan“, erläuterte die Autorin Rachel Carson und gab zu bedenken, dass jede der von ihr in ihrem Buch <em>Der stumme Frühling </em>beschriebenen Ökokatastrophen irgendwo auf der Welt schon geschehen sei. Ihr Buch wurde oft als das erste Umweltbuch schlechthin bezeichnet. Es wirkt auch rückblickend teils prophetisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der stumme Frühling</em> war 1962 kurz vor der Kuba-Krise erschienen. Dennoch galten Umweltschützer und Friedensbewegte in den sechziger Jahren als&nbsp; zumeist langhaarige und abgedrehte Exoten. Die Keimzelle dafür, dass sich das nachhaltig ändern sollte, entstand im April 1968, als die Welt sich in der Folge des Prager Frühlings mal wieder auf den Abgrund zubewegte, in Italien: Der Industrielle Aurelio Peccei hatte gemeinsam mit dem schottischen Wissenschaftsfunktionär Alexander King weitere 34 Intellektuelle zu einem Treffen eingeladen. Ihr Vorhaben, ein tieferes Verständnis für die komplizierten Wechselwirkungen zwischen Problemen politischer, kultureller, wirtschaftlicher und ökologischer Art zu wecken, endete zunächst zwar in einem Fiasko. Doch eine kleine Gruppe Durchhaltewilliger machte weiter. Mit Blick auf den Ort ihres ersten Treffens nannte sie sich fortan Club of Rome.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vier Jahre später gab dieser Denkerzirkel das erste Computer-Weltmodell heraus: <em>Die Grenzen des Wachstums</em>, finanziert von der Volkswagen-Stiftung und realisiert von einem Team um Professor Dennis Meadows vom Massachusetts Institute of Technologie. Mitte des 21. Jahrhunderts werde es ausgehend von unterschiedlichen Grundannahmen zu katastrophalen Zuständen kommen, hieß es in der Studie, wenn die Menschheit sich nicht vom materialistischen Wachstumsdenken verabschiede: „Mit Sicherheit besäßen die überlebenden Reste der Menschheit nicht mehr sehr viel, um eine neue Form der Gesellschaft, die noch unseren Vorstellungen zugänglich ist, aufzubauen.“ Das Buch wurde ein Weltbestseller und Ökoklassiker.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fortan brauchte niemand in der Umweltbewegung sich mehr unwidersprochen sagen zu lassen, er sei ein Träumer. Eine Organisation angesehener älterer Herren, die sich Gedanken über die von ihnen so bezeichnete Weltproblematik machten und nach Ansätzen für eine Weltlösungsstrategie suchten, hatte der Protestbewegung eine wissenschaftlich seriöse Grundlage gegeben. Viele Jahre später bezeichnete Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Club of Rome als „Gewissen der Menschheit“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch wurde es still um den Club. Ein Erfolg wie der mit den <em>Grenzen des Wachstums</em> ließe sich kaum wiederholen, hieß es. Die bessere Erklärung aber lieferte ein späterer Club-Präsident, der Spanier Ricardo Diez-Hochleitner: „Man muss die Vaterschaft von Ideen verschenken können.“ Gemeint in dem Sinne, dass man Zielen auch dadurch näherkommt, dass einmal gefasste Gedanken von anderen fortentwickelt werden. Ob dabei deren Urheber genannt werden, ist nachrangig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungeachtet dessen stand der Club of Rome ideell Pate, als in den späten siebziger Jahren <em>Global 2000 – Der Bericht an den Präsidenten</em> entstand. US-Regierungschef Jimmy Carter hatte eine Studie darüber in Auftrag gegeben, wie die Welt im Jahr 2000 aussehen würde, wenn alles so weiter liefe, wie um 1980. Die an dem Report beteiligten Wissenschaftler behielten im wesentlichen Recht. Ungeachtet dessen interessierten die Verantwortlichen im Weißen Haus sich während der Präsidentschaften mehrer von Carters Nachfolgern weder für die <em>Global 2000</em>-Prognosen, noch für die in privater Initiative der Mitarbeiter des Projektes entstandenen Handlungsempfehlungen, die unter dem Titel <em>Zeit zu handeln</em> erschienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur gleichen Zeit veröffentlichte die mit oft nur kopierten Friedens-Songs weltberühmt gewordene Sängerin Joan Baez die Langspielplatte <em>Children of the Eighties </em>und übersah dabei, dass ihre „Kinder“ Erwachsene waren, die mit den Idealen der siebziger Jahre wenig im Sinn hatten. <em>Renaissance der Spießer</em> nannte der Autor Jürgen Stark daher treffend sein Buch über die Achtziger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mitten in dieser Dekade geriet östlich des Eisernen Vorhangs ein Mann an die Macht, der Visionen hatte: Michail Gorbatschow – Ehrenmitglied des Club of Rome übrigens – wollte die Atomtests beenden und tat dies auf seiner Seite. Mehr noch, er machte 1986 den Vorschlag, die Welt bis zum Jahr 2000 von Atomwaffen zu befreien. „Diese große Chance ist in höhnischer Weise verspielt worden“, sagte knapp zehn Jahre später Hermann Scheer, zu Zeiten von Gorbatschows Vorschlag abrüstungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Den Alternativen Nobelpreis erhielt er für sein nachdrückliches Eintreten für eine Energieversorgung aus regenerativen Quellen. Hermann Scheer war Visionär und Realisator in Personalunion. Das überfordert manchmal die Kräfte eines einzelnen Politikers, setzt aber Maßstäbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daran versucht hat sich auch der frühere US-Vizeprsident Al Gore, der 1992 in seinem Buch <em>Wege zum Gleichgewicht </em>&#8222;einen Marschallplan für die Erde“ forderte und bekannte: „Jedesmal, wenn ich innehalte, um darüber nachzudenken, ob ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, betrachte ich die neuen Fakten, die aus der ganzen Welt auf mich eindringen und komme zu dem Schluss, dass ich nicht annähernd weit genug gegangen bin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gore wollte weit gehen und selbst ins Oval Office des Weißen Hauses einziehen, doch obwohl er die Wahl rechnerisch gewonnen hatte, blieb ihm das Amt des US-Präsidenten aufgrund unglaublicher Tricksereien der Gegenseite verwehrt, was den USA und der Welt zwei unrühmliche Amtsperioden von George W. Bush bescherte. Gleichwohl wurde Al Gore später für seine Aufklärungskampagne, zu der ein Film mit dem Titel <em>Eine unbequeme Wahrheit</em> gehörte, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Doch bei dem Versuch, Visionen auf direktem Wege in Politikform zu gießen, war er einstweilen an mächtigen neokonservativen Kräften gescheitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das drohte in seiner ersten Legislaturperiode immer wieder auch dem aktuellen US-Präsidenten Barack Obama. Auch er nannte eine atomwaffenfreie Welt als Ziel, versprach, das letztlich illegale Gefangenenlager Guantanamo zu schließen und den Afghanistankrieg zügig zu beenden. Zeitweilig war von all dem nicht mehr die Rede, republikanische Mehrheiten und die in solchen Fällen immer wieder bemühten Sachzwänge erstickten manches schon im Keim. Es ist ein Unterschied, Visionen zu haben, oder sie in die Tat umzusetzen. Politik zu kritisieren, oder sie zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gilt natürlich auch hierzulande und für Europa. Oft wird den amtierenden Politikern vorgeworfen, ihnen fehlten Visionen, sie verwalteten nur noch das Bestehende. So wollten die Bundesregierung und die ihr hörigen Volksvertreter die Laufzeiten von Atomkraftwerken ohne Not verlängern und mithin die Gewinne der Energieversorgungsunternehmen steigern, obwohl sich die Stromgewinnung aus Kernenergie längst als ein Irrweg der Menschheit erwiesen hatte. Kurz nach dem Verlängerungsbeschluss bewies der Vierfach-Super-GAU im japanischen Fukushima, dass Naturgesetze nicht von Regierungen und Parlamenten verändert werden können. Auch dann nicht, wenn die Industrienationen viele Jahrzehnte lang dem gefährlichen Götzen Kernenergie gehuldigt und diesem Unsummen geopfert hatten. &#8211; Derzeit sind die Bankhäuser die Tempel, die als &#8222;systemrelevant&#8220; von der Politik geschützt werden, obwohl dafür das Volk ausgenommen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An irgendetwas &#8211; insbesondere die Religionsgeschichte zeigt es &#8211; wollen die Menschen glauben. Gerne auch an Politiker, die es im Namen des Volkes schon richten werden. Wenn diese aber nur im Hier und Jetzt und teils rückwärtsgewandt herumwurschteln, verspielen sie wesentliche Zukunftschancen. Doch ohne Visionen, positive Ziele, braucht niemand anzutreten, um Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen. Bloße Verwalter des Bestehenden haben wir schon viel zu viele. Dabei muss die Politik vielmehr die Kunst sein, Notwendiges zu realisieren. Und „die Wahrheit wird“, das betonte Science Fiction-Autor Arthur Clarke, „weit erstaunlicher“ sein als jeder Roman. &#8211; Stell´ Dir vor&#8230;</p>
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