Tschernowestheim – Szenario des Unvorstellbaren

Tschernowestheim – Szenario des Unvorstellbaren


Das nachfolgende Szenario eines Super-GAUs im Atomkraftwerk Neckarwestheim habe ich 1991 für die kleine, aber in Sachen Gegenwartsproblemen und Zukunftsaussichten sehr engagierte Zeitschrift „InfoTech – Moderne Technik – Arbeit – Umwelt – Gesellschaft“ verfasst. Mit Blick auf die dreimonatige Laufzeitverlängerung des AKWs Neckarwestheim im sogenannten „Streckbetrieb“ erscheint es mir angebracht, diesen Beitrag, den der Reaktorsicherheitsexperte und Whistleblower des inzwischen zurückgebauten Versuchreaktors Jülich, Dr. Rainer Moormann, für sachlich korrekt befunden hat, hier erneut zu veröffentlichen. Wie mir im Rückblick auf nunmehr über vierzigjährige journalistische Berufserfahrung überhaupt auffällt, dass vieles, das ich vor dreißig und teilweise noch mehr Jahren geschrieben habe, heute noch weitgehend aktuell erscheint. So, als wäre in mancher Hinsicht in Sachen Umwelt- und Naturschutz, Krieg und Frieden und anderen für die Zukunft wichtigen Themen in der Zwischenzeit von den zuständigen Politikern und anderen Verantwortlichen fast nichts unternommen worden.


Von Jürgen Streich

„GAU, Größter Anzunehmender Unfall“ – diese Wortschöpfung der Nuklearlobby bezieht sich nicht nur auf östliche Atommeiler. Statt rechnerisch irgendwann während der nächsten 17.000 Jahre, das geben Kernenergie-Befürworter inzwischen zu, könnte sich eine Reaktorkatastrophe wie die in der Ukraine ’86 innerhalb von 55 Jahren in der Bundesrepublik wiederholen. Tschernobyl in Baden-Württemberg, Kernschmelze zum Beispiel in Neckarwestheim. InfoTech will mit dem vorliegenden Beitrag vor dem für Viele Unvorstellbaren warnen: vor der Möglichkeit, dass der Auslöser hunderttausendfacher Krebserkrankungen, für massenweise Vieh-Notschlachtungen, das Unterpflügen ganzer Ernten etc. inmitten der dichtbesiedelten Bundesrepublik Deutschland liegen könnte. Übrigens hatte die erste Kernschmelze der Geschichte gleich derartige Auswirkungen, dass der „Größte Anzunehmende Unfall“ sprachlich zum „Super-GAU“ gesteigert werden musste: „Super Größter Anzunehmender Unfall“. Für die Sicherheitslogik der Atomenergie-Lobby muss sogar die Sprache verbogen werden.

Jeder Routineflug kann mit einem Flugverkehrs-GAU enden – die Maschine stürzt ab und keiner der Insassen überlebt. Dieser „Größte Anzunehmende Unfall“ kann zum „Super-GAU“ werden, wenn darüber hinaus weiterer Schaden entsteht. Zum Beispiel der, dass die Maschine beim Aufschlag gänzlich unbeteiligte Menschen und / oder Einrichtungen trifft. Wie im Dezember ’88, als eine US-Miltärmaschine in die Innenstadt von Remscheid stürzte und Tote sowie radioaktive Verseuchung (die Maschine vom Typ „Thunderbold A-l0“ hatte panzerbrechende uranhaltige Munition an Bord) hinterließ.

Ballungsgebiete und Industrieanlagen dürfen aus Sicherheitsgründen von militärischen Tieffliegern nicht überflogen werden. Wie ernst dieses Verbot genommen wird, zeigt der Absturz in Remscheid ebenso, wie der eines kanadischen Jets auf einen Karlsruher Parkplatz 1990 und der von gleich zwei US-F-16-Jagdbombern ein Jahr zuvor in unmittelbarer Nähe einer rheinland-pfälzischen Chemiefabrik.

Wer also will den „Flug-GAU“, den Absturz auf ein Atomkraftwerk, der dort eine Reaktorkatastrophe auslöst, also schon per Definition einen „Super-GAU“ darstellt, ausschließen? 1988, im Jahr der Ramsteiner Flugtag-Katastrophe, fielen, so das „Lexikon der Gegenwart ’89“ „in unmittelbarer Nähe der Kernkraftwerke Ohu (Bayern) und Phillipsburg (Baden-Württemberg)“ Kampfflugzeuge vom Himmel. Immer wieder hätten Augenzeugen von Tiefflügen über Atomkraftwerken berichtet. In dieses Bild passt, dass nach dem Absturz bei Ohu ein früherer „Starfighter“-Pilot dem ARD-Magazin MONITOR zu Protokoll gab, bei Tiefflügen seien die auffälligen und aus der Luft gut sichtbaren Reaktorkuppeln immer wieder als Orientierungsmarken benutzt worden. Darüber hinaus hat der Autor des vorliegenden Beitrages während Recherchen in Neckarwestheim selbst einen militärischen Tiefflug über dem dortigen Atomkraftwerk beobachtet.

Gehen wir beim folgenden Szenario also vom Absturz eines Flugzeuges auf die Gebäude des Kernkraftwerkes Neckarwestheim aus, bei dem es eine noch nicht näher bekannte Zahl von Toten und Verletzten gegeben hat. Das Turbinengebäude ist fast völlig zerstört worden, aus den Turbinentrümmern entweicht seither Dampf. Der Reaktor wird daher immer weniger gekühlt, seine Temperatur steigt kontinuierlich an. Und zwar so schnell, dass nach dem Abkoppeln des Turbinenwracks das Hineinpumpen weiteren Kühlwassers keine merkliche Abkühlung bringt. Die für derartige Notfälle vorgesehene Notabschaltung des Reaktors ist nicht erfolgt – infolge von Bränden hat es Kurzschlüsse und andere Zerstörungen elektronischer Kommunikationseinrichtungen gegeben. Aufgrund der inzwischen viel zu hohen Temperatur gelingt es der Bedienungsmannschaft „per Handsteuerung“ nicht mehr, die Steuerstäbe rechtzeitig und vollständig in den Reaktor einzufahren und so die darin ablaufende und jetzt außer Kontrolle geratene Kettenreaktion zu stoppen.

Dabei ist die Möglichkeit des sogenannten „Rod-Ejektion-Störfalls“, bei dem sogar bereits eingefahrene Steuerstäbe durch thermischen Druck vom Reaktor wieder ausgestoßen werden, von Experten nie ausgeschlossen worden. Beim Siedewasserreaktor Würgassen sollte ein Gitter, das in diesem Fall die Stäbe zurückhalten soll, zwecks einfacheren Zugangs bei Wartungsarbeiten zunächst weggelassen werden. Ein Teilnehmer der Beratungen der Reaktorsicherheitskommission wurde damals belehrt, dass ein Kreis mit einem Radius von 40 Kilometern, innerhalb dem eine tödliche Radioaktivität herrschen würde, die Folge sein könne.

Flugzeugabsturz auf Neckarwestheim, „Rod-Ejection-Störfall“ – „alles Spekulation“, oder „auch diese Situation würde nicht zum Super-GAU führen“, mag an dieser Stelle mancher einwenden. In Tschernobyl war nicht einmal äußere Einwirkung nötig, um eine ähnliche Situation, wie die beschriebene, herbeizuführen. Dennoch beeilte sich der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, dem Chefredakteur des ARD-Magazin MONITOR zu versichern, dass so etwas „hier nicht“ passieren könne.

Zwei Jahre später kam heraus, dass der Minister vorschnell dahergeredet hatte. Der von Kernenergie-Befürwortern immer wieder beschworene hohe Sicherheitsstandard deutscher AKW ist keine Versicherung gegen einen „Super-GAU“ in der Bundesrepublik. Im Atomkraftwerk Biblis wäre es – ebenfalls ohne äußere Einwirkung – fast zu dieser unvorstellbaren Katastrophe gekommen. Und wie in Tschernobyl war menschliches Versagen einer der Auslöser. Auf den „Sicherheitsstandard“ der Bedienungsmannschaft war in Biblis so wenig Verlass, wie in Tschernobyl:

Weil sie schon mehrfach falschen Alarm geschlagen hatte, beachteten die Techniker vom 16. auf den 17. Dezember 1988 15 Stunden lang eine Warnlampe nicht, die auf ein Leck im Kühlkreislauf des wirtschaftlich sehr erfolgreichen Kraftwerkblocks A hinwies. 300 Grad heißes, radioaktives Kühlwasser drang aus dem ersten in einen weiteren Kreislauf. Die Kraftwerks-Bediener hätten nur hinreichend lange weiter schlafen müssen und der Unfall wäre eskaliert – mit Folgen bis hin zum „Super-GAU“.

Um das dichtbesiedelte Mitteleuropa radioaktiv zu verseuchen, muss also nicht erst ein Kampfflugzeug auf einen Reaktor stürzen. Um die Folgen einer solchen Katastrophe ein wenig vorstellbarer zu machen, hat InfoTech das, was in Tschernobyl tatsächlich geschah, lediglich in unsere Breiten verlegt.

Zurück zum Szenario. Nach einer Kette von Zufällen, die überall auf der Welt passieren können, ist ein Reaktor des Atomkraftwerkes Neckarwestheim durchgegangen. Eine Dampfexplosion hat das Reaktorsicherheitsgefäß und die Betonkuppel zerstört, eine zusätzliche Knallgas-Entzündung hat ihr übriges dazu beigetragen, die Radioaktivität von mehr als 100 Hiroshima-Bomben ins Freie zu schleudern. Die Zahl der Soforttoten ist nicht überschaubar. In kürzester Zeit ist die Aufnahmekapazität an Strahlenverletzten der Krankenbäuser der Region überschritten. Immer mehr Menschen, die dringend medizinischer Hilfe bedürfen, müssen in entferntere Hospitäler gebracht werden. Wichtige Zeit im Kampf um Menschenleben geht verloren.

Das bisherige Ausmaß der Katastrophe läßt die Notwendigkeit, ein Gebiet mit einem Radius von 30 Kilometern um das Kraftwerk Neckarwestheim zu evakuieren, bald erkennen. Auf das Vorhandensein solcher Pläne hatten sich Politiker und Atomkraftlobbyisten immer wieder zurückgezogen, sollten sie das Undenkbare in Diskussionen weiterdenken. Jetzt sind die Evakuierungspläne das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen. Seit Bekanntwerden der Kernschmelze verlassen zigtausende Menschen fluchtartig die Region. Im gesamten süddeutschen Raum entsteht daraufhin ein Verkehrschaos, das schnelles Weiterkommen schlicht unmöglich macht.

Es fliehen auch Menschen aus dem verseuchten Gebiet, deren Fähigkeiten gerade dort dringend gebraucht werden, Ärzte beispielsweise. In der restlichen Bundesrepublik und im benachbarten Ausland setzen Nahrungsmittel-Hamsterkäufe in großem Ausmaß ein. Währenddessen treibt eine radioaktive Wolke über Stuttgart hinweg in Richtung Großraum München und entlädt ihren strahlenden Fall-out auf Menschen, Tiere, Pflanzen, Häuser und Straßen.

Aus dem havarierten, aber im wahrsten Sinne des Wortes immer noch heißen Reaktor wird weiterhin strahlendes Material in die Atmosphäre geschleudert. In der längst noch nicht vollständig entvölkerten Gegend kommt es zu Plünderungen. In anderen Teilen der Republik sind die Probleme ganz andere:

Sämtliche Not-Unterkünfte sind überbelegt, vorangegangene Zeiten der „normalen“ Wohnungsnot wirken jetzt wie „die gute alte Zeit“. Alle Nachbarländer lassen nur noch in Ausnahmefällen Bundesbürger über ihre Grenzen, um nicht neben der Radioaktivität auch noch andere Probleme zu importieren. Davon ist ein Börsen-Crash bisher ungekannten Ausmaßes noch das geringste.

Das Jahr danach. Die Bundesrepublik ist nicht mehr dasselbe Land. In ihrem Süden erstreckt sich ein kreisrundes, gespenstisches Niemandsland mit einem Durchmesser von 60 Kilometern, das ohne Schutzkleidung und behördliche Erlaubnis nicht betreten werden darf. Darin liegt der größte Teil des Stuttgarter Stadtgebietes. Aber auch der jenseits dieser Grenzen liegende Teil der einstigen Schwabenmetropole gleicht einer Geisterstadt, bevölkert vorwiegend von Ratten. Verlassen auch ein Werksgelände, über dem einst ein „guter Stern“ schwebte, den jetzt niemand mehr auf seiner Kühlerhaube haben will: Die Daimler-Benz-AG existiert als solche nicht mehr. Für die Nobel-Karossen aus Sindelfingen werden weltweit die Ersatzteile knapp, die mit den ehemaligen Kfz- und High-Tech-Multi wirtschaftlich verbundenen Fimen MBB, AEG, MTU und Dornier sind mit in die abgrundtiefe Krise gerissen worden mit wenig Aussicht auf Rettung. Massenentlassungen solcherart betroffener Firmen haben die Arbeitslosenzahl auf über vier Millionen ansteigen lassen. Das Ausmaß der entstandenen Armut ist wirklich neu, die um sich greifende Kriminalität nicht mehr einzudämmen.

In der Bundesrepublik wie im benachbarten Ausland ist die Wut der Menschen gegen den Moloch Atomkraft nahezu ungehemmt. Es besteht die Gefahr ernstzunehmender Terroranschläge auf Nuklearanlagen, bei Massendemonstrationen eskaliert die Gewalt. Ein baldiger Ausstieg aus der Kernenergie erscheint unumgänglich. Doch den vorzubereiten hat die Wirtschaft jahrzehntelang versäumt.

Im südöstlichen Teil Mitteleuropas sterben die Menschen zu Tausenden an den direkten Auswirkungen der Radioaktivität oder der Schwächung des Organismus, die die Verstrahlung mit sich bringt. Anders als nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (mit Ausnahme von Kiew) war die radioaktive Wolke schon dann über dichtbesiedelte Gebiete gezogen, als Menge und Zusammensetzung der Fracht, die sie ablud, am gefährlichsten waren, Stuttgart, München, Wien, Prag sind nur Beispiele von Städten, auf die der Fall-out niederging. Namen wie Heilbronn, Neckarsulm, Waiblingen, Ludwigsburg hört man kaum mehr. Sie liegen einfach „in der Zone“.

Das Gesundheitssystem ist auch nach einem Jahr nicht in der Lage, den Menschen die medizinische Betreuung zukommen zu lassen, die sie benötigen. Noch in Jahrzehnten, das weiß man aufgrund der Erfahrungen mit den überirdischen Atomwaffentests der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre, werden Menschen an strahlenbedingten Krankheiten – vorwiegend Krebs und Leukämie – sterben. Über dem Leben von Millionen Menschen schwebt fortan ein Damoklesschwert.

Das gilt auch für noch ungeborenes Leben. In großer Zahl werden mißgebildete Kinder geboren. Zwar werden für sie Spezialkliniken gebaut. Aber das hilft diesen armen Kreaturen auch nicht mehr, außerdem können diese Hospitäler dem tatsächlichen Bedarf nicht annähernd gerecht werden. Das war schon in Hiroshima und Nagasaki so, wo die radioaktive Verseuchung geographisch viel kleinere Räume betraf. Schlechthin nicht gerecht werden wird die Atomenergie jemals dem Bedarf an Sicherheit. In Tschernobyl begann alles mit einem Experiment, das – Ironie des Schicksals – Aufschluss über Notfallsituationen geben sollte. Der Faktor Mensch versagte dabei. Eine Wiederholung wird nie und nirgends auszuschließen sein. Aufgrund dieses nicht auszubessernden Mangels ist das Experiment Atomenergie gescheitert. Doch hierzulande und andernorts ist der Energiegewinnung aus Kernkraft die Serienreife erteilt worden, bevor die Unbekannten aufgelöst waren. Dieses Versäumnis hat sich in Tschernobyl und in Harrisburg gerächt. Dass weitere Katastrophen folgen werden, ist nur eine Frage der Zeit, wenn wir das schon im Ansatz missratene Experiment nicht schnellstens beenden.

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