Mein Vater und der Astronaut

Mein Vater und der Astronaut

„Earthrise“ – eines der berühmtesten Bilder der Menschheitsgeschichte. Im Vordergrund die Mondberfläche, darüber die aufgehende Erde, auf der sich, von den im All befindlichen Astronauten abgesehen, das gesamte menschliche Leben abspielt. Foto: NASA

Wege über und unter den Wolken

Von Jürgen Streich

„Mensch, jetzt sind wir auf dem Mond!“ – Mein Vater hatte „wir“ gesagt. ‚Wir‘ Menschen sind auf dem Mond. Dabei waren es zunächst nur zwei Amerikaner. Es waren Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin. Armstrong hatte den berühmten Spruch vom kleinen Schritt für einen Menschen und dem großen Sprung für die Menschheit noch gar nicht angebracht, aber kurz zuvor die Landefähre von Apollo 11 unter schwierigen Umständen per Handsteuerung hinuntergebracht und dann aus circa 380.000 Kilometern Entfernung gemeldet: „Der Adler ist gelandet.“ Im Meer der Stille. Nach dieser historischen Leistung blieb er selbst sehr still. Die US-Regierung unter Präsident Richard Nixon hätte ihn gerne als Super-Star auf der ganzen Welt herumgereicht, während Neil Armstrong fand, daß es angesichts solcher technischen Möglichkeiten der Menschheit so einen Unfug wie einen Kalten Krieg mit der Drohung gegenseitiger atomarer Vernichtung nicht mehr geben dürfe. Seine Kosmonauten-Konkurrenten von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, die sich selbst als Kollegen fühlten und zuletzt mitgefiebert hatten, sahen das genauso. Neil Armstrong sagte: „Das Wichtigste, das wir auf unserer Reise zum Mond entdeckt haben, war die Erde.“

Und die gilt es zu schützen, wie eigentlich alle, die dort oben waren, es empfinden. Auch und vor allem die nur 27 Menschen, die weit genug von der Erde entfernt waren, um unseren Heimatplaneten mit eigenen Augen als ganze Kugel sehen zu können. Eben die Astronauten, die zum Mond und wieder zurück geflogen sind.

Ich denke immer, wenn ich den Mond sehe, an Edgar Mitchell, der diesen am 5. Februar 1971 als sechster Mensch betrat. Dieser Autorenkollege, der dort oben war, ist längst ein Freund geworden. Wie glücklich war ich, als er für eines meiner Bücher, dessen Umschlag die Erde vom Mond aus gesehen zeigt, das Vorwort schrieb. Und zugegebenermaßen auch ein wenig stolz, daß ich Grußbotschaften in seinem Namen verfassen und bei mehreren Veranstaltungen überbringen durfte. Schließlich fasziniert mich Fliegerei und Raumfahrt seit Kindesbeinen; die Mondfahrer gehörten, als ich ein kleiner Junge war, zu meinen Helden. So auch Edgar. Der zudem ja auch ein guter Handwerker war, denn er steuerte die Landefähre „Antares“ der Apollo-14-Mission auf die Mondoberfläche im Fra Mauro-Hochland. Er ist einer der weitgereistesten Menschen der Welt.

Mein Vater ist als junger Mensch ebenfalls weit herumgekommen. Auf ganz andere Art und Weise, auf der Erde. Er ist im Alter von 15 Jahren aus seiner Heimat vertrieben worden. Er wurde 16 Tage vor Edgar geboren. Auch daran muß ich immer denken, wenn ich den Mond sehe. Besonders jetzt, denn mein Vater lebt nicht mehr. Dabei habe ich das Gefühl, die beiden müßten sich kennen. Mein Daddy hat sich immer für Fliegerei und Raumfahrt interessiert – vielleicht habe ich das von ihm geerbt -, hat immer auch nach oben geschaut, ist aber größtenteils auf dem Boden geblieben. Und war ein guter Handwerker. So manchen Dachstuhl hier in der Gegend hat er gebaut. Und vieles mehr. Von Edgar heißt es, seine Hände und Füße seien so etwas wie verlängerte Tragflächen, Seiten-, Quer- und Höhenruder gewesen. Er ist auf der Spitze der größten Rakete der Welt ins All gestartet und in einer Kapsel im Ozean gelandet, die auch für damalige Verhältnisse technisch vom Feinsten war. Mein Vater ist ungefähr zur selben Zeit mit mir auf einem Moped mit 50 Kubikzentimetern Hubraum zum Fliegerhorst Nörvenich, wo damals Atomwaffen startbereit gehalten wurden, gefahren, damit wir uns ein Flugzeug namens Starfighter anschauen konnten. Edgar war, bevor er Astronaut wurde, Pilot auf einem Flugzeugträger und dann Testpilot.

Signiertes Bild von Edgar Mitchell in seiner Arbeitskleidung. Foto: NASA

Mein Vater hat seine Heimat verloren, Edgar andere Welten erforscht. Er schrieb: „Plötzlich taucht hinter dem Horizont des Mondes in langen, zeitlupenartigen Momenten von grenzenloser Majestät ein funkelndes, blauweißes Juwel auf, eine helle, zarte, himmelblaue Kugel, umgeben von langsam wirbelnden weißen Schleiern. Allmählich steigt sie wie eine kleine Perle aus einem tiefen Meer empor, unergründlich und geheimnisvoll. Du brauchst eine kleine Weile, um ganz zu begreifen, dass es die Erde ist. Unsere Heimat.“

Zu der gehörte eben auch dieses winzige Glambach, in dem mein Vater geboren war, das benachbarte Ruppersdorf, in dem er aufgewachsen ist, im ehemaligen Schlesien, heute Polen, EU, Mitglied der UNO – wir sind schließlich Weltbürger. Mein Vater war einer, Edgar ist einer.

Doch noch zu der Zeit, als Edgar den Blick aufs Ganze hatte, konnte mein Vater seine alte Heimat nicht besuchen. Die lag eben hinter dem Eisernen Vorhang, der damals die nördliche Hemisphäre in kapitalistische und kommunistische Seiten teilte. Doch mein Vater schaute mittels Fernseher, aber auch ganz direkt, auf den Mond, als Edgar dort war und zu uns hier unten schaute. Und nach seiner Rückkehr zur Erde die Konsequenz zog, seine ganze Arbeit – in Vorträgen, Interviews und Büchern, aber auch mit dem von ihm gegründeten Institut für Noetik (der Wissenschaft des Denkens, Erkennens und Begreifens) – einem „neuen, schonenden und respektvollen Umgang mit der Erde“ zu widmen, „damit auch unsere Kinder und Enkel eine positive Zukunft haben, und die Chance, das All zu erforschen.“

Für einen respektvollen und schonenden Umgang mit der Erde hat sich auch mein Vater eingesetzt, und zwar als sozialer Demokrat in seiner Partei, die seine geistige Heimat war, und darüber hinaus. Wie sehr habe ich mich gefreut, als er mich anno 1983 in den Bonner Hofgarten begleitete, um dort mit hunderttausenden Menschen gegen die weitere atomare Aufrüstung zu demonstrieren. Fast zur selben Zeit gründete Edgar gemeinsam mit gleichgesinnten amerikanischen Astronauten und sowjetischen Kosmonauten in Moskau die Association of Space Explorers (ASE), die sich dem Schutz des Heimatplaneten, also auch der Erhaltung des Friedens, verschrieb. Mitten im Kalten Krieg, der zu der Zeit drohte, ein heißer zu werden. Die ASE gab das Buch „Der Heimatplanet“ heraus. Es enthält Fotos aus dem All und Aussagen der Raumfahrer dazu und ist, das schrieb ein Rezensent, das „schönste Buch der Erde.“ – Mindestens das schönste über die Erde.

Krieg hatten beide erlebt. Mein Vater wurde noch kurz vor Ende des längst verlorenen Krieges als 14jähriger eingezogen, um auf dem Gebiet der ehemaligen CSSR Schützengräben auszuheben. Er sah den Irrsinn nicht ein, hatte auch Angst und floh von dort gemeinsam mit einem Freund unter Lebensgefahr nach Hause. Edgar Mitchell war nicht lange später Kampfpilot im Korea-Krieg und hätte auf entsprechenden Befehl hin sogar Atombomben werfen sollen. Einmal, als er im Vietnam-Krieg ein Aufklärungsflugzeug flog, ergriff er auch die Flucht: Er brachte die Maschine aus einer Intuition heraus abrupt in einen Sturzflug und rettete so seinen Kollegen und sich das Leben, denn dadurch verfehlte Sekundenbruchteile später eine Rakete, die auf dem Radarschirm nicht zu sehen gewesen war, die Maschine.

Edgar studierte, bevor er ins Astronautenkorps der NASA berufen wurde, am berühmten Massachusetts Institute of Technology Luft- und Raumfahrt und wurde zum „Doctor Science“, wie es in Amerika heißt, promoviert. Mein Vater hatte nur ein sogenanntes „Not-Abschlußzeugnis“, weil die Kriegswirren einen geregelten Schulbetrieb nicht mehr zuließen. Aber noch als Mann im fortgeschrittenen Alter half er Kindern aus seiner Nachbarschaft beim Lernen von Lesen, Schreiben und Rechnen.

Noch etwas haben die beiden gemein: Respekt vor dem Leben, den mein Vater mir frühzeitig beigebracht hat – Respekt vor Menschen, Tieren und Pflanzen. Edgar Mitchell schrieb dazu in meinem Buch, das ich übrigens meinen Eltern gewidmet habe: „Der Mensch ist ein elementarer Bestandteil der Entwicklung, die alles Leben hervorbrachte, nicht mehr und nicht weniger. Klar aber ist, daß das Überleben aller Arten, Pflanzen wie Tiere, vom Verhalten der Menschheit abhängt. Notwendig ist zudem die vorbehaltlose Einsicht in die Tatsache, daß wir wiederum auch ihres Überlebens für unseren Fortbestand bedürfen.“

Mein Vater als junger Mann in seiner Arbeitskleidung, der Zimmermannskluft.

Appropos Tiere. Der erste Hund, den ich gemeinsam mit meinen Eltern hatte, war ein Schnauzer-Mischling. Edgar züchtet Schnauzer.

Mein Vater war nicht besonderes religiös, kritisierte die Kirchen-Oberen mitunter heftig. Doch an manchen Tagen war ihm der Besuch der Königsdorfer evangelischen Kirche wichtig. Edgar schrieb über seine eigene Spiritualität: „Mich selbst hat das Erlebnis im Weltraum nachhaltig geprägt. Wo vorher intellektuelle Suche war, regte sich plötzlich ein tiefes Gefühl in mir, das aus dem Blick auf die Erde erwachsen ist, diesem blauweißen Planeten, der seine Bahn um die Sonne zieht. Es erwuchs aus dem Anblick der Sonne vor dem samtig tiefschwarzen Kosmos, der nicht nur ahnen läßt, sondern die Gewißheit vermittelt, dass im Strom von Energie, Zeit und Raum im All etwas Zweckvolles liegt. Das Universum scheint mehr zu sein als die zufällige, chaotische und sinnlose Bewegung einer Ansammlung molekularer Partikel. Während der Heimkehr vom Mond staunte ich über 400.000 Kilometer hinweg die Sterne und den Planeten an, von dem ich gekommen war. Da spürte ich mit einem Mal die Intelligenz, die Liebe und die Harmonie im Universum.“ Edgar kritisiert gleichwohl „institutionalisierten, religiösen Fanatismus“, der neben dem Materialismus dazu beiträgt, „Werte, die die Natur respektieren und mit ihr einhergehen“, zu mißachten und so die Menschheit mehr „spalten, als ihre Wunden zu heilen.“

Daher setzt der Astronaut und Wissenschaftler sich auch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für den Erhalt der Schöpfung ein. „Der Höhepunkt unserer Reise war die Erkenntnis, daß das Universum harmonisch, zweckvoll und schöpferisch ist. Der Tiefpunkt lag in der Feststellung, daß sich die Menschheit nicht dieser Erkenntnis gemäß verhält“, mahnt er. – Mein Vater brachte seine handwerklichen Fähigkeiten, so lange er konnte, in die Umweltgruppe seines (und auch meines) Heimatortes Königsdorf ein. Edgar schoß hervorragende Fotos der Erde aus dem All, mein Vater rahmte Bilder für eine Ausstellung, die das Waldsterben thematisierte.

Einmal war er dem Astronauten voraus, denn als der noch Kampfpilot bei der US-Luftwaffe war, kam es zu einer Begebenheit, auf die mein Vater irgendwie immer stolz war: Er hatte während einer Parteiveranstaltung einem aufstrebenden SPD-Politiker zum Thema Bewaffnung der noch jungen Bundesrepublik widersprochen und wurde dafür von diesem als „Märchentante“ bezeichnet. Der Mann hieß Helmut Schmidt und wurde später Bundeskanzler. Nach seinen Erlebnissen und aufgrund seiner Befürchtungen hatte mein Daddy „Schmidt-Schnauze“ die Meinung gesagt. Und Edgar Mitchell will, seit er die Erde aus dem All gesehen hat, von Krieg und nur dessen Planung auch nichts mehr wissen.

Edgar erhielt drei Ehrendoktor-Titel und zahlreiche internationale Auszeichnungen. Mein Vater war stolz und glücklich, als er für 50 Jahre Mitgliedschaft in seiner SPD geehrt wurde. Ein paar Jahre früher auch, als es für einen von seiner Ökogruppe gestalteten Lehrpfad im Königsdorfer Wald den Umweltschutzpreis der Stadt Frechen gab.

Edgars Vorwort in meinem Buch endet so: „Die Aufgaben sind gewaltig, und doch finden die Lösungen ihren Anfang in einer einzigen Überlegung. Und die muß sein, jedes einzelne Handeln unseres tagtäglichen Lebens in Frage zu stellen und zu beurteilen, ob es zum Problem oder zur Problembewältigung beiträgt. Und darin, weiterhin darauf zu bestehen, daß sich unser politisches System auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene nachdrücklich und beharrlich den Aufgaben stellt.“

Die beiden, Dr. Edgar Dean Mitchell, sechster Mensch auf dem Mond, und mein Vater, immer mit beiden Füßen auf der Erde, haben dies – jeder auf seine Weise – getan. Über und unter den Wolken. Mein Vater konnte es zuletzt nicht mehr, Edgar macht´s weiter.

Auf so unterschiedlichen Lebenswegen in derselben Zeit gibt es derart bemerkenswerte Parallelen, Übereinstimmungen. Ich persönlich achte nicht besonders auf Sternzeichen und deren angebliche Bedeutung, aber mit Sternen kennt Edgar sich aus, meinen Vater haben sie fasziniert. Beide haben sie, weil fast genau zur selben Zeit geboren, das Sternzeichen Jungfrau. Der sagt man nach, daß sie sorgfältig, zielstrebig, vernünftig und verläßlich sei. – Wichtige Eigenschaften, im Himmel wie auf Erden. Außerdem, heißt es, suche die Jungfrau nicht das Rampenlicht. Zwar startete Apollo 14 am 31. Januar 1971 um 21.03 Uhr Ortszeit in der Dunkelheit, weshalb die Startrampe beleuchtet war, aber dafür konnte Edgar ja nichts. Und mein Vater hat nie große Reden geschwungen, sondern in seinem Umfeld gewirkt. Schade, daß mein Vater und Edgar sich nie kennengelernt haben. Es hätte beiden gefallen, denn zweifellos waren sie sich menschlich und politisch sehr nah. Am Tag, als meinem Vater die irdischen Kräfte ausgingen, habe ich noch eine Grußbotschaft von Edgar überbracht. Erstarb am 4. Februar 2016 in West Palm Beach, Florida.

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