„Der Schwarm“ von Frank Schätzing

„Der Schwarm“ von Frank Schätzing


Die nachfolgende Rezension habe ich kurz vor Jahresende 2003, zwei Monate vor dem offiziellen Erscheinungstermin von „Der Schwarm“ geschrieben. Da ich in der Danksagung vorkam hatte der damalige Programmchef des Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlages, Lutz Dursthoff – wir kannten uns gut -, mir ein Vorabexemplar geschickt. Grob kannte ich den Inhalt bereits, da Frank Schätzing ihn mir bei einem Treffen in einem britischen Restaurant mitten in Köln, in dem wir auch hervorragende Whiskys verkostet hatten, geschildert und mich um Informationen über Greenpeace gebeten hatte. Erscheinen durfte die Besprechung erst nach dem 23. Februar 2004. Vielleicht mögen sie auch meine Nachbemerkung nach der Rezension lesen.


Immer noch ein Ökothriller der Extraklasse

Der 1.000-Seiten-Wälzer Der Schwarm aus der Feder des Kölner Autors Frank Schätzing hat bereits vor seinem offiziellen Erscheinen Rekorde gebrochen: Er ist nicht nur das dickste Buch der Geschichte des Verlages Kiepenheuer & Witsch, sondern erzielte auch bei der Versteigerung der Taschenbuchrechte eine Rekordsumme.

Tatsächlich ist dem Band, von dem eine Startauflage von 100.000 Exemplaren gedruckt worden ist, großer Erfolg zu wünschen. Frank Schätzing, der sich mit dem Mittelalter-Roman Tod und Teufel, dem Polit-Krimi Lautlos und anderen Büchern eine große Fangemeinde schuf und beachtliche Verkaufszahlen erreichte, hat mit Der Schwarm nämlich einen Öko-Thriller der Extraklasse vorgelegt.

Der Kölner Autor Frank Schätzing. Foto: KiWi

Dem liegt das eigentlich nicht neue Szenario einer Bedrohung der Menschheit zugrunde; allerdings auf eine Weise, wie es bisher weder in der Realität, etwa durch einen Atomkrieg, noch in der Fiktion durch Kometen auf Kollisonskurs, Außerirdische, Naturkatastrophen oder Terrorismus je geschehen ist.

Zunächst bleiben lediglich Wale auf ihren Wanderungen aus. Als sie dann endlich an den gewohnten Orten auftauchen, legen sie unerklärlich agressives Verhalten gegenüber Menschen an den Tag.

Gleichzeitig lässt die explosionsartige Vermehrung einer neuen Art von Würmern gefrorenes Methan schmelzen, verursacht so Abrutschungen riesiger tektonischer Platten im Meer und mithin Überschwemmungen bisher ungekannten Ausmaßes. Darüber hinaus dringen Heerscharen krebsartiger Wesen, die eine giftige Substanz transportieren, in Küstenregionen und -städte vor. Plötzlich befindet sich die Menschheit in einem Stellungskampf gegen einen unbekannten Gegner auf dem Rückzug. Wesentliche Erkenntnis: Wir sind nicht allein. Und zwar nicht nur im Universum, sondern auch auf unserem blauen Planeten nicht. Von wegen Krone der Schöpfung…

Höchste Zeit für Verhandlungen also. Doch wie kommuniziert man mit einem nicht greifbaren Feind, der die Menschheit offensichtlich als Schädling betrachtet und konsequenterweise vernichten will? – Fragen über Fragen, aber zunächst kaum Antworten.

Frank Schätzing baut mit interessanten Beschreibungen der Charaktere und Lebensgeschichten der handelnden Personen sowie deren Zusammen- bzw. Gegeneinanderwirken an um den Globus verteilten Schauplätzen, detaillierten und präzise recherchierten Darstellungen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge und nicht zuletzt philosophischen Betrachtungen der Rolle und Verantwortung des Homo sapiens in der Evolution ungeheure Spannung auf. Leser, die Der Schwarm schon vor seiner offiziellen Veröffentlichung kannten, konnten das Buch, ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen, kaum aus den Händen legen. Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow hatte recht, als er nach der Lektüre des umfangreichen Manuskriptes befand, dass dieses keine Seite zu lang sei.

Genres in einem Buch zu vermischen, ist schwierig bis gefährlich. Meist fühlen die Leser sich hin- und hergerissen, überfordert. Mit Der Schwarm aber ist es Frank Schätzing gelungen, auf unterschiedlichen Ebenen vieles zu vermitteln und manchen Gedankengang auszulösen, ohne dass der Eindruck aufkommt, hier würden Dinge, die in Sach- oder Fachbücher gehören, in einen Roman gepackt, damit der Autor seine Message loswerden kann. Im Gegenteil: Auf der Basis realer naturwissenschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge denkt Frank Schätzing – eingebettet in eine fesselnde Story – einfach weiter, wohin manches, was die Menschheit (an)treibt, führen könnte und was vielleicht schon lange unbemerkt oder zumindest unberücksichtigt geblieben ist. Ein Buch, das über die 1.000 Seiten hinausgeht, weil es einen auch nach der letzten Zeile nicht loslässt.

Frank Schätzing, Der Schwarm. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2004. ISBN 3-462-03374-3, gebundene Ausgabe 26 €, Taschenbuchausgabe 15 €.


Nachbemerkung: „Der Schwarm“ erschien im Februar 2004 und entwickelte sich zum absoluten Verkaufsschlager, der zehn Wochen die Bestsellerliste des SPIEGEL anführte. Zehn Monate nach seinem Erscheinen, am zweiten Weihnachtsfeiertag, kam es im Indischen Ozean zu einem Tsunami, der nahezu zehnmal soviel Energie wie die stärkste von Menschen je gezündete Atombombe (die russische Zar-Bombe entfesselte am 30. Oktober über der Nordmeerinsel Novaja Semlja die Explosionsenergie von 57 Millionen Tonnen TNT) freisetzte, weite Teile der von Touristen zu dieser Zeit gut besuchten Strände Thailands und Indonesiens zerstörte und 230.000 Menschen das Leben kostete sowie 1,7 Millionen Menschen obdachlos machte. In der Folgezeit bedankten sich zahlreiche Menschen bei Frank Schätzing, weil er ihnen durch die Lektüre von „Der Schwarm“ das Leben gerettet hätte. Dadurch, dass Schätzing darin einen riesigen Tsunami geschehen lässt, wussten die Leser, dass dann, wenn sich das Meer nach einer Flutwelle zurückzieht, eine zweite, wesentlich stärkere zu erwarten ist.

Diese Widmung schrieb mir Frank Schätzing in „Der Schwarm“, in dem ich auf Seite 1.000 vorkomme – in der Danksagung, weil ich ihm Material über Greenpeace zur Verfügung gestellt hatte.

Ich selbst wurde viele Male auf „Der Schwarm“ und die Tatsache angesprochen, dass ich in der Danksagung erwähnt wurde. Das gab mir ein Gefühl dafür, welche Verbreitung das Buch in kurzer Zeit erreicht hatte und dass die Leute es sehr aufmerksam lasen. Der Band wurde in 27 Sprachen übersetzt und erreichte inzwischen eine Gesamtauflage von 3,8 Millionen Exemplaren. Eine achtteilige ZDF-Serie befand sich, während ich diese Zeilen schreiben in der Produktionsphase und wurde im März 2023 gesendet.

Inzwischen sind meine Kollegin Margit Hähner und ich Frank Schätzings Paten im deutschen PEN-Zentrum.


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