Meisterwerke der Lichtsetzung

Meisterwerke der Lichtsetzung

Josef Mörsch empfiehlt „Women“ – Frauenportraits von Helge Strauss

Eine Rarität in meinem Bücherschrank ist der Fotobildband „Women“ des aus Bergisch Gladbach stammenden People-Fotografen Helge Strauss. „Women“ ist 2021 in einer Auflage von nur 100 Stück gedruckt worden und zwar aus Anlass des vierzigjährigen Berufsjubiläums von Strauss als freischaffendem Fotografen. Er hat es sich selbst zum Geschenk gemacht und es sollte etwas Besonderes werden.

Josef Mörsch vor zwei von ihm aufgenommenen Fotos von in seinem Leben wichtigen Frauen: seine Ehefrau Angela und Tochter Diana. Selfie: Josef Mörsch

Ich bin auf dieses tolle Bildwerk durch Zufall gestoßen, als ich vor kurzem im Kölner Web-Videokanal FotoTV ein längeres Interview mit diesem sympathischen und bescheiden gebliebenen Fotografen angeschaut habe. Er hat sich nach einer Fotografenlehre in Köln schnell selbständig und einen Namen als Fotograf in der Musikbranche gemacht. Mehr als 5.000 Platten und CD-Cover hat er mit seinen Fotos gestaltet und Musikvideos produziert. Da mich, der ich selbst seit Jahrzehnten fotografiere und Menschen portraitiert habe, die Bildsprache direkt in ihren Bann gezogen hat, habe ich Kontakt mit Helge Strauss aufgenommen und nachgefragt, ob es noch ein Exemplar des Werkes zu kaufen gibt. Das war der Fall und nach kurzem Postweg erhielt ich den Fotoband „Women“ mit einer persönlichen Widmung und einem Original-Papierabzug eines Portraits aus seiner Schaffensstrecke. Der Kauf war an eine Bedingung geknüpft, ich sollte ihm eine Belegfoto zusenden. Dem bin ich gerne nachgekommen und habe mich mit dem Buch vor der Brust zwischen die an der Wand hängenden Portraits meiner eigenen beiden starken Frauen, Ehefrau und Tochter, positioniert und abgelichtet. Seine Reaktion: „cool“.

Was zeichnet den Fotoband „Women“ für mein fotografisches Auge aus? Es ist ein dickes Buch mit über 400 Fotos, das mehr als zwei Kilogramm wiegt. Der Druck ist edel mit satten Schwärzen und korrekten Farben, Fine Art im besten Sinne. Die knappen Texte zu Beginn sind in Deutsch und Englisch verfasst. Besonders hat mich der Spruch neben dem ersten Portrait im Bildband fasziniert: „Die Schönheit ist in mir, an mir und durch mich. – Ich lasse sie leuchten und bestimme den Moment. – Das ist meine Magie. – Ich bin eine Frau“. Darin kommt Helge Strauss‘ respektvolle Einstellung zu seinen Fotomodellen zum Ausdruck, Modelle die er auf einer eigenen Seite mit „stark, sensibel, spontan, gebildet, einfühlsam, erotisch, verlässlich, sinnlich“, um nur einige der zugeschriebenen Eigenschaften zu nennen, beschreibt.

Der Bildband hat keine Kapitel, es sprechen nur die Fotos für sich alleine. Jedem Foto ist eine eigene Seite gewidmet, manchmal auch eine Doppelseite. Einige Portraits werden durch eine nicht bedruckte schwarze oder weiße Seite in der Bildwirkung fokussiert. Und, das wird einige Fotografen schmerzen, es gibt keinerlei Angaben zur Aufnahmetechnik, keine Blende, keine Verschlusszeit, keine Beleuchtungsangaben. Es zählt nur das reine Bild.

Helge Strauss verrät uns, dass er in seinem Jubiläumsgeschenk ausschließlich Fotos aus seinen kreativen, freien Arbeiten der letzten 15 Jahre ausgewählt und bewusst die prominenten Gesichter, die er auch in seinen Auftragsarbeiten ablichtet, nicht aufgenommen hat. Dies erleichtert den Blick auf sein fotografisches Können. Wir bekommen hier den Langzeit-Einblick in das Bildideen-Labor, aus dem Helge Strauss für seine Auftragsarbeiten den Honig saugt. Er ist ein Meister der Lichtsetzung, dem allerwichtigsten Werkzeug des Fotografen, sowohl im Studio wie auch draußen. Er beherrscht die Aussagekraft der Schwarzweiß-Fotografie wie auch den subtilen oder schreienden Einsatz von Farbe. Die Portraits sind häufig aufwendig inszeniert und die Gesichter von der Lieblingsvisagistin Baffi zu Farb- und Dekorationskunstwerken verwandelt, andere Portraits sind ohne weiteres Zutun nur mit unterstützender Lichtsetzung ausdrucksvoll. Die starken Frauen sind authentisch, natürlich abgelichtet ohne aufwändige Photoshop-Montagen und Retuschen. Die Modelle blicken meist in die Kamera, halten den Blickkontakt zum Betrachter. Sie geben etwas von sich und ihrer Stärke preis und fordern vom Betrachter, den Blick auf das Foto länger auszuhalten.

Die erste Durchsicht des Bildbandes ließen mich am Ende wie nach einer Achterbahnfahrt staunend zurück. Beim zweiten Durchgang verweilt das Auge auf den einzelnen Inszenierungen und erkennt die detailverliebte Akribie der Bildvorbereitung, bei der nichts dem Zufall überlassen wird. Die Wirkung der Fotos ist zum großen Teil der meisterlichen Lichtführung zuzuschreiben, manchmal auch der perfekten Inszenierung, wie bei einer Fotoserie mit einer bunten Blumenwand. Man erkennt erst nach Sekunden, dass in den Blumen Frauengesichter zu sehen sind. Die an die Farbumgebung angepassten Gesichtsbemalungen sind wie Mimikri. Erst wenn man die Augen entdeckt hat, erkennt man auch die Gesichter dazu.

Wenn Helge Strauss auf den Auslöser drückt, ist das perfekte, inszenierte Bild im Kasten. Die Bildwirkung ist direkt eingefangen und wird nicht nachträglich in Photoshop montiert. Hier zeigen sich besonders die analogen Wurzeln dieses ideensprühenden Fotografen. Seine Bilder lassen sich nur unzureichend mit Worten beschreiben, daher die beiden abgebildeten Fotokostproben, die typisch für ihn sind, aber das Spektrum seiner realisierten Bildideen nicht ansatzweise ausleuchten können. Für weitere Bildeindrücke kann ich daher nur auf seine Webseite verweisen und den Kennern von FotoTV das Interview vom November empfehlen. Es gibt übrigens noch einen kleinen Restbestand der Limited Edition. Was sagen denn Frauen zu diesem Buch? Diejenigen, denen ich den Bildband zeigen konnte, waren von der Kraft und Authentizität der Bilder sehr beeindruckt. Meine Frau sagte, die Portraits sind eine Wucht. Ich weiß nun, der Bildband ist etwas Edles geworden und wird nicht so schnell in die verstaubte Abteilung meiner Bücherregale abwandern, eine wahre Rarität.


Der Rezensent

Josef Mörsch wurde 1954 in Hürth-Hermülheim geboren und wuchs in Kendenich auf. Nach seinem Zivildienst bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) wurde er von dieser übernommen und arbeitete fortan in der Entwicklungshilfe, leitete Projekte in Pakistan und Lateinamerika. Nachdem die CDG mit der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung zu INVENT mit Sitz in Bonn zusammengeführt worden war, leitete Josef Mörsch, zuletzt bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2020, Projekt zur Erstellung bedarfsgerechter Software für die internationale Entwicklungs-Zusammenarbeit.

Bereits Anfang der achtziger Jahre zogen seine Frau und er mit iherer Tochter nach Königsdorf. Dort engagiert er sich ehrenamtlich in der Dorfgemeinschaft St. Magdalena und im Vorstand des Sportvereins TuS Blau-Weiß. Seine Frau Angela und er sind passionierte Tänzer. Er selbst ist zudem ein engagierter Fotograf und unterstützt auf diese Weise die Frechener Schreibwerkstatt. Sein Motto: „Nicht ich suche die Motive, sondern die Motive finden mich.“

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